Neue Genreromane (nicht nur) für Professorenkinder

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Neue Genreromane (nicht nur) für Professorenkinder

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Drei Romane von der aktuellen KrimiBestenliste, die auf verschiedene Weise die Grenzen des Genres ausleuchten: „Der schlaflose Cheng. Sein letzter Fall“ von Heinrich Steinfest, Sara Grans „Das Ende der Lügen“ und „Willnot“ von James Sallis.

Gäbe es ein Ranking der merk-würdigsten Ermittler in der zeitgenössischen Kriminalliteratur, Heinrich Steinfest wäre ganz sicher oben mit dabei: Sein einarmiger Detektiv Markus Cheng, “Chinese” und Österreicher durch und durch, ist so ziemlich einzigartig wie auch die Geschichten, die er überlebt; sehr gut also, dass es neun Jahre nach seinem „letzten Fall“ nun doch noch wieder ein Abenteuer mit ihm gibt – „Der schlaflose Cheng. Sein neuer Fall“ (Piper, Euro 16,–): Im Urlaub auf Mallorca lernt Cheng einen berühmten Synchronsprecher kennen, der wird später des Mordes an einem Hollywoodstar, den er synchronisiert, angeklagt, Cheng bekommt von der Tochter des dann Inhaftierten den Auftrag, den Vater zu entlasten – was nun allerdings erst der Anfang von allem ist, mehr oder weniger, und bald zu diversen Verwicklungen und Irrwegen führt, unter anderem etwa in eine Höhle mit unentdeckten Steinzeitmalereien irgendwo im Nirgendwo auf Island. Und so weiter und so fort. Cheng wie man Cheng (und Steinfest) kennt: Eine durch und durch ver-rückte Geschichte, in der eher das, was keinen Sinn zu machen scheint, tatsächlich welchen ergibt; ein lustvoll-abseitiges Määndern durch die Möglichkeitsräume des Erzählens und der Erkenntnis, und die sind mehr oder minder: unendlich. Heinrich Steinfest erforscht die Grenzen des Genres, mit spöttischem Vergnügen, wie´s scheint, Ermittlung ist dabei Beifang, die Ab- und Umwege werden zu Hauptstraßen, das Abschweifen ist Prinzip, inklusive der einen oder anderen Länge zu viel – kein Stoff für Genrepuristen also, auf jeden Fall aber einer für Leser, die Lust daran haben, sich in einer Art paradoxer Intervention beim Lesen verzaubern zu lassen. Und ein Krimi? Ja, klar, auch, das ebenfalls, irgendwie, und zwar einer, der sich auch noch selbst auf den Arm nimmt.

Auch nicht von schlechten Eltern, in Sachen Merk-würdigkeit: Claire deWitt, die Ermittlerin der us-amerikanischen Schriftstellerin Sara Gran, gerade ist ihr drittes Abenteuer auf Deutsch erschienen – „Das Ende der Lügen“ (Heyne Hardcore, übersetzt von Eva Bonné, Euro 16,–). Claire deWitt ist nicht bloß irgendeine Ermittlerin, sondern „die beste Detektivin der Welt“, glaubt sie zumindest, ist ihr Selbstverständnis. Sie löst die kniffligsten, gefährlichsten Fälle, geht keiner Konfrontation aus dem Weg, konsumiert allerlei Drogen und Alkoholika bis zum Exzess, schläft gern und oft mit Menschen allerlei Geschlechts, ist sowieso immer schlauer, schlauer, schlauer – oder auch nicht. Kommt drauf an, wie genau sie hinschaut. Ein wandelndes Extrem, jedenfalls, was auch mit einem Trauma zu tun hat, das Claire mit sich herumschleppt: Schon als Teenager war sie Detektivin, zusammen mit zwei Freundinnen, eine der beiden ist irgendwann spurlos verschwunden, Claire sucht noch in der erzählten Gegenwart, Jahrzehnte später, verzweifelt nach ihr. Eine Rahmenhandlung also, die zugleich auch das Fundament der Romane von Sara Gran ist; sie kommt zusammen mit mehr oder minder „aktuellen“ Fällen – plus einer primären Handlungsebene, in der die Detektivin gejagt und bedroht wird, von wem auch immer. Alles hängt mit allem zusammen, das verbindende Glied ist, vielleicht zumindest, die Ermittler-Philosophie eines verstorbenen französischen Super-Detektivs namens Jacques Silette, dessen Lehrbuch „Detéction“ so etwas wie die Bibel, das Nonplusultra für Claire und einige andere beste Detektive der Welt ist. Quintessenz: Man muss gar nichts ermitteln, alles ist schon da, es kommt nur darauf an, die Zeichen richtig zu deuten. Auch hier also: Die Frage der Erkenntnis. Klingt verrückt? Ist es auch. Sara Gran operiert jedenfalls in einem ganz eigenen narrativen Universum, fernab von jeglicher Krimi-“Realität“ mit Bezügen zu Gesellschaft oder Politik. Geht das, Krimi ohne „Realität“, ist das dann überhaupt noch „Krimi“? Ja, das geht. Und ja, das ist. Und zwar durch und durch: Kriminalliteratur, die „dem Krimi“ nicht zuletzt auch den Spiegel vorhält – Realität, schön und gut, klar, gehört dazu, mal mehr, mal weniger – aber was zählt, zumindest für Sara Gran, das ist vor allem anderen erstmal: Die Literatur. Das Spiel. Das Konstrukt. Die Kunst. Das, was allzu oft zu kurz kommt, wird hier zum Zentrum: Die Kunst des Krimis. Und das meint in diesem Fall: Die Kunst eines Kriminalromans, der nicht bloß eine Geschichte erzählt, sondern im Erzählen auch die Entstehungsbedingungen seines Erzählens reflektiert – und dabei als Bonus, wenn man so will, eben auch noch eine kleine erkenntnistheoretische Untersuchung allgemeiner Natur anreißt. Oder die Persiflage einer solchen, weiß ich auch nicht so genau. Tja, steckt jedenfalls dann doch so einiges drin, in dieser Geschichte; was, nebenbei gesagt, zwischendurch auch mal nervig und fast narzisstisch selbst-redundant sein kann. Wie auch immer: „Das Ende der Lügen“ ist alles in allem ein so schlauer wie spezieller Kriminalroman, an dem man in vielerlei Hinsicht länger knobeln kann – sicher aber keiner für, äh, blutige Anfänger.

An den Rändern des Genres, da tummelt sich, und zwar schon länger, wenn nicht mit am längsten, natürlich auch James Sallis, dessen neuer Roman „Wilnot“ kürzlich auf Deutsch erschienen ist (Liebeskind, übersetzt von Jürgen Büger, Euro 20,–). James Sallis, geboren 1944, ist einer der Großen des amerikanischen Noir, er publiziert seit fast 30 Jahren, global berühmt wurde er mit seinem Roman „Drive“ durch die Oscar-nominierte und in Cannes preisgekrönte Verfilmung mit Ryan Gosling. „Willnot“ führt in die Provinz, in der gleichnamigen Stadt wird weitab von allem ein Grab entdeckt, in dem mehrere nicht identifizierbare Tote verscharrt wurden, die Behörden ermitteln. Dieses Ermitteln findet nun aber bloß ganz am Rande der Geschichte statt, sehr entfernt – im Zentrum geht’s um die Kleinstadtbewohner, erzählt aus Perspektive eines örtlichen Arztes, ein USA-Gesellschaftsportrait in Trump-Zeiten, konzentriert im Kleinen. Wobei „das Große“ immer wieder mit anklingt, etwa im Auftauchen und Verschwinden eines jungen Mannes aus der Stadt, der als Scharfschütze an so geheimen Projekten beteiligt war, dass er jetzt eliminiert werden soll, damit diese Geheimnisse auch geheim bleiben, von wem auch immer, offensichtlich von Behörden, vermutlich ebenfalls geheimen. Alltag und Neurose, die brüchige Sicherheit, in der „wir“ auch dort leben, wo es ganz und gar sicher scheint, der stets präsente dunkle Schimmer finstrer Mächte, die doch „die Guten“ sein sollten – all das klingt an, in diesem Roman, all das hat eine Präsenz, ohne tatsächlich wirklich präsent zu werden. Davor, dazwischen, dahinter, dabei – Alltag, Leben, Werden, Sein, Vergehen. Das Ganze geschmückt mit allerlei philosophischen Verweisen, was, ehrlich gesagt, mal gut passt, mal aber auch reichlich blumig und allzu arrangiert wirkt. Jedenfalls: „Willnot“, das ist ein Bild, eine Stimmung vor allem, eine Atmosphäre; der „Krimi“ dient als Rahmen, aber reduziert, nur angerissen, ohne jede Aktion im Sinne von “Action”. Nichts bewegt sich, „hier“ in Wilnot, alles bleibt. Na ja, fast alles: Der Erzähler ist homosexuell, was keinen weiter interessiert, eine Selbstverständlichkeit, das wäre „früher“ in einem solchen Ort, in einer solchen Geschichte, in einem solchen Bild wohl kaum denkbar gewesen. Da hat sich, trotz allem, nebenbei, bei allem Stillstand – dann anscheinend doch irgendetwas fort entwickelt.

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