Nachkriegskrimis – von Wolfgang Schorlau, Jan-Christoph Nüse, Michaela Küpper und Alex Beer

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Nachkriegskrimis – von Wolfgang Schorlau, Jan-Christoph Nüse, Michaela Küpper und Alex Beer

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Drei neue deutsche Kriminalromane erzählen von den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs und vor allem von der Zeit danach – ein dicker Trend auf dem Buchmarkt im Moment. Plus: Ein Krimi, der nach Wien entführt, in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.

Trümmerkrimis, so wird dieser Trend zur Nachkriegskriminalliteratur auch kurz und knapp benannt: Geschichten, die in zerbombten Stadtlandschaften ihren Ursprung haben, meist aber auch einen Strang in der Gegenwart erzählen; einem Heute, das natürlich mit dem Gestern zu tun hat und von ihm geprägt wird, oft allerdings ganz anders, als man denken sollte. Mehr und mehr schreiten die erzählten Zeiträume dieser zeitgeschichtlichen Genreromane allerdings voran, durchmessen die endenden 1940er und vor allem die 1950er Jahre; so wie auch die ZDF-Serie „Ku´damm 56“, die im Moment für Furore sorgt. Alles nix Neues, trotzdem aber interessant – es kommt ja nicht von ungefähr, dass sich diese Gesellschaft sich gerade jetzt, in Zeiten der populistischen Krise, für ihre Wurzeln interessiert. Beziehungsweise: Offen scheint für eine Erinnerungskultur auch mit den Mitteln der Unterhaltung.

„Der große Plan“ (KiWi, Euro 14,99), der neue Roman von Wolfgang Schorlau mutet allerdings erstmal gar nicht wie eine Nachkriegsgeschichte an: Vom Außenminister höchstpersönlich erhält Privatdetektiv Dengler den Auftrag, eine verschwundene Beamtin zu finden, die vom Ministerium an die Griechenland-Troika abgestellt wurde. Der Ermittler macht sich also auf die Suche nach Anna Hartmann – und stößt bald auf eine Geschichte, die dann eben doch das Damals mit dem Jetzt verbindet: Verschiedene Aktivitäten um die EU-Finanzpolitik auf der einen – das Wüten deutscher Soldaten im Griechenland der 1940er Jahre plus deren (Bank-) Geschäfte nach Kriegsende auf der anderen Seite. Und ja, da gibt es Zusammenhänge, zumindest in der Welt, die Wolfgang Schorlau konstruiert. „Der große Plan“ ist Schorlaus neunter Dengler-Roman – ein starker Politkrimi, geschickt dramatisiert und dicht recherchiert. Ein Roman zudem, der einen selbst dann nochmal anders auf die deutsch-griechischen, griechisch-deutschen Beziehungen schauen lässt, wenn man sich eingehend mit diesem Thema beschäftigt hat, dann auch, wenn man „die Griechen“ mit ihrer beispiellosen (Gast-)Freundlichkeit ein wenig kennenlernen durfte – nämlich mit Erstaunen, Erkennen, Beschämung.

Apropos – die Banken: Informativ und lesenswert ist auch Jan-Christoph Nüses Debütroman „Operation Bird Dog“ (Gmeiner, Euro 15), der im Kern in´s Jahr 1948 führt, zugleich aber auch um die Zeit davor wie auch die danach kreist. 1948, das war das Jahr, in dem die Währungsreform stattfand, die D-Mark eingeführt wurde – wodurch die Verantwortlichen nicht bloß den Schwarzmarktwahnsinn der unmittelbaren Nachkriegszeit beendeten, sondern auch die Grundlage des anschließenden Wirtschaftswunders legten. Jan-Christoph Nüse erzählt einerseits von den Hintergründen dieser Entscheidung und von der Geheimdienstaktion zum Transport des neuen Geldes, da hat die Geschichte Züge eines Politthrillers. Andererseits geht’s um einen Jungen, der nur knapp den gemeinschaftlichen Selbstmord der Eltern überlebt hat – und der ein paar Jahre später, erwachsen geworden, versucht herauszufinden, was den Vater, einen Bankier, dazu getrieben haben könnte. Schnell muss er feststellen, dass es so einige Kreise gibt, die alles tun würden, um die Antworten auf seine Fragen unter dem Tisch zu halten; insbesondere natürlich, und da gibt es Koinzidenzen mit dem Roman von Wolfgang Schorlau, Kräfte des untergegangenen Reichs, die nicht davon ausgehen, dass ihre Zeit schon ganz und gar vorbei sein könnte… – „Operation Bird Dog“ ist fein konstruiert, klar erzählt, gut recherchiert; ein besonderes Stück bundesdeutscher Zeitgeschichte, lebendig und anschaulich angerichtet.

Immer wieder interessant bei der Lektüre solcher Trümmer- oder Nachkriegskrimis, auch vor dem Hintergrund heutiger Migrationsdiskussionen: Der Umgang der jeweils Einheimischen mit den Flüchtlingen aus dem Osten des vormaligen großdeutschen Reiches. Sie werden, um es auf den Punkt zu bringen, behandelt wie der letzte Dreck. Ein zentraler Aspekt auch in Michaela Küppers Roman „Kaltenbruch“ (Droemer, Euro 19,99), in dem die Autorin nicht bloß die Geschichte einer Mordermittlung auf dem Land, eben in Kaltenbruch im Rheinland, erzählt – sondern zugleich auch ein engmaschiges, vielschichtiges Portrait der Nachkriegsgesellschaft zeichnet. Und genau das macht diesen feinen Roman aus: „Kaltenbruch“ ist kein plakativer Krimi, das Verbrechen samt seiner Ermittlung gibt der Geschichte lediglich Struktur und Antrieb; die Genauigkeit, mit der Lebenswege, Schicksale, Befindlichkeiten und vor allem die Traumatisierungen der Kriegszeit gezeichnet werden, ist allerdings durchaus spektakulär. Und auch hier: Ein unverstellter Blick auf die Karrieren derer, die vor und nach dem (vermeintlichen) Ende des Nationalsozialismus eher mehr als weniger zu sagen hatten.

Zum Abschluss noch ein leises Sorry: Alex Beers Roman „Der zweite Reiter“ (Limes, Euro 19,99 – erschienen im März 2017) habe ich übersehen in der Menge der Krimi-Neuerscheinungen, die den Markt so fluten und fluten und fluten und fluten… Jedenfalls, neulich kam ich doch noch drauf, durch eine Veranstaltung – und das hat sich gelohnt: Toll, wie die österreichische Autorin mit ihrem Ermittler, dem angeschlagenen Kripokommissar August Emmerich, die Wiener Nachkriegsgesellschaft gleichermaßen erkundet, ausleuchtet und durchmisst; allerdings die des Ersten Weltkriegs. Was das Ganze in Sachen Recherche sicher nicht einfacher gemacht hat. „Der zweite Reiter“ liefert jedenfalls ein historisch fundiertes Portrait der Zeit – und erzählt dabei zugleich eine ziemlich raffiniert angelegte Serienmördergeschichte. Doch, kann man so machen, auf jeden Fall. Und ich bin dann mal gespannt auf „Die rote Frau“, den zweiten Teil, wird im Mai diesen Jahres erscheinen.

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