Neue Krimis aus den USA

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Neue Krimis aus den USA

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Die Zeitgeschichte ist nach wie vor und immer wieder ein großes Thema in der aktuellen Kriminalliteratur – so auch in den Vereinigten Staaten. Zum Beispiel bei Benjamin Whitmer, dessen Roman “Flucht” (Polar Verlag, übersetzt von Alf Mayer, Euro 22,–) von einem einzigen Abend erzählt, in dem weitab von allem, in einem Kaff in den Rocky Mountains, 12 Männer aus einem Gefängnis ausbrechen. Der Roman ist in ein paar Stunden angesiedelt, während eines Schneesturms, er erzählt von der gnadenlosen Jagd auf die Zwölf – und zugleich von der Gesellschaft, indem er das große Ganze der USA im Kleinstaddtmilieu spiegelt. Ein grandioser, dichter, extrem packender Noir – atemberaubend. Ein Thema dabei übrigens: Der krasse, damals noch völlig ungeschminkte Rassismus gegenüber Schwarzen; zeitgeschichtliches Hintergrundrauschen (nicht nur) zu Black Lives Matter, wenn man so will.

Genau das ist auch Thema in “Altlasten” (Ariadne, übersetzt von Laudan und Szelinski, Euro 24,–), dem neuen Roman von Altmeisterin Sarah Paretsky, deren Detektivin V.I. Warshawski nun schon seit 1982 unterwegs ist in den gesellschaftlichen Welten der Vereinigten Staaten. Diesmal ermittelt sie das Verschwinden eines jungen Schwarzen, Fitnesstrainer und Filmfan, der wegen einer Nichtigkeit, für die er wohl nichts kann, von der Polizei gesucht wird. Er ist aus Chicago verschwunden, zusammen mit einer alten Frau, ebenfalls Schwarze, die früher eine bekannte Schauspielerin war. Indizien und Zeugenaussagen deuten darauf hin, dass er ihr Leben verfilmen will, samt Reise zu den Wurzeln – aber stimmt das tatsächlich? Und was hat sich damals, vor Jahrzehnten, in den bewegten Zeiten der Bürgerrechtsbewegung, tatsächlich ereignet? Vic spürt den beiden nach, von Station zu Station, ist allerdings immer einen bis zwei Schritte zu spät, reichlich Gelegenheit immer weiter zu recherchieren. Noch ein Roman also, der den Wurzeln der Gegenwart in der Vergangenheit nachspürt; ebenfalls eine passende Begleitlektüre zu den aktuellen Diskursen. “Altlasten” ist kein allzu spannender Krimi, ehrlich gesagt, aber “dokumentarisch” ein sehr reicher und hoch interessanter Roman.

Zuletzt noch schnell in die 1970er, nach Beaumont in Texas, an die “goldene Küste”, dort ist die Delpha Wade-Reihe von Lisa Sandlin angesiedelt. Delpha war im Gefängnis, zu Unrecht, sie hat einen Mann in Notwehr getötet, hatte aber keinen Anwalt. Nach 14 Jahren kam sie frei, eine “Knastschwester”, stigmatisiert also, eigentlich hätte sie keine Chance auf irgendeinen würdigen Neuanfang – wäre da nicht Tom Phelan, Privatdetektiv. Er gibt ihr die Chance, als Sekretärin, aber natürlich wird Delpha bald auch zur Ermittlerin. Die beiden müssen alle möglichen Fälle annehmen, um die klamme Kasse zu füllen, der zentrale Auftrag betrifft einen seltsamen Klienten, der seinen Bruder sucht, mit dem er anscheinend Jahrzehnte lang keinen Kontakt mehr hatte. Mit dem Mann stimmt etwas nicht, und so wird die Sache zu einer doppelten Ermittlung: Delpha und Tom müssen den Bruder finden, von dem noch nichtmal der Name bekannt ist – und zugleich müssen sie herausfinden, wer der Auftraggeber eigentlich ist, der selbst auch noch einen falschen Namen angegeben hat. Die Fälle sind bei den Delpha Wade-Geschichten aber sowieso nicht das entscheidende, es geht um sie als Person, um ihre Position in der Gesellschaft und sowieso eben um “die” Gesellschaft in den 1970er Jahren. Lisa Sandlin erzählt davon mit trockenem Humor und einer schönen grimmigen Situationskomik – sie schafft es, eine gewisse Leichtigkeit zu transportieren, obwohl die Umstände so “leicht” ja nun gar nicht sind. Klar, kann man so machen – “Family Business” (Suhrkamp, übersetzt von Andrea Stumpf, Euro 10,–) liefert Unterhaltung mit Tiefenschärfe, das macht Spaß zu lesen.

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