Schwarze Frau, schwuler Mann – Interview mit Melanie Raabe

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Schwarze Frau, schwuler Mann – Interview mit Melanie Raabe

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Wie extrem ist die Alternative für Deutschland? Darüber gibt’s verschiedene Ansichten. Wenn man sich die Parteiaustritte von Konservativen anschaut, die sich als moderat verstehen, könnte man meinen: Über die Frage der Radikalität bei der AfD wird zur Zeit mit den Füßen abgestimmt. Die Schriftstellerin Melanie Raabe macht sich jedenfalls größte Sorgen. Und ihr geht es gegen den Strich, dass der NRW-Landesparteitag der Partei in Wiehl ausgerechnet in der Aula des Gymnasiums stattfindet, in dem sie ihr Abitur gemacht hat. Nicht zuletzt deshalb, weil diese Schule nach dem Theologen Dietrich Bonhoeffer benannt ist, der 1945 im NS-Konzentrationslager Flossenbürg ermordet wurde. Zusammen mit anderen organisiert Melanie Raabe deshalb einen Lesungsmarathon, für den kurzfristig Dutzende SchriftstellerInnen zugesagt haben – als Statement für Vielfalt und Toleranz. Ein Hintergrundgespräch.

Melanie Raabe, geboren 1981 in Jena, kam mit ihrer Familie kurz nach dem Mauerfall in den Westen nach Wiehl/NRW, wo sie bis zum Abitur lebte. Ihre ersten beiden Romane „Die Falle“ und „Die Wahrheit“ waren internationale Erfolge, der dritte Roman wird 2018 erscheinen. Das Programm der Marathonlesung, die sie zusammen mit anderen organisiert, findet sich auf der Netzseite der Buchhandlung Hansen & Kröger.

NACHTRAG 12. OKTOBER, NACHMITTAGS: ALS REAKTION AUF DAS GESPRÄCH MIT MELANIE RAABE WURDE DER PARTEITAG MITTLERWEILE ABGESAGT. DIE MARATHONLESUNG FINDET TROTZDEM STATT.


Die AfD und ihr NRW-Landesparteitag in Wiehl, was stört Dich daran?

Ich habe mich sehr erschreckt, dass die AfD ausgerechnet in dieser Kleinstadt tagt, die für mich etwas sehr Heimeliges, Harmloses, Wohliges hat. Und es war sofort klar, dass ich etwas unternehmen muss.

Warum?

Weil Wiehl für mich so nicht ist. Mein Gedanke war: Da müssen die Wiehler was gegen unternehmen. Und direkt danach: Ach ja, ich bin ja auch aus Wiehl – und ich könnte auch was machen. Es hat dann ungefähr 15 Sekunden gedauert, bis ich meinen Lieblingsbuchhändler dort angerufen habe. Wir waren uns gleich einig, dass wir etwas tun müssen. Aber auch darin, dass wir nicht vor der Halle rumschreien, sondern mit unseren Mitteln eine Position beziehen wollen. Wir wollen nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf die AfD lenken, sondern auf die Dinge, die wir schätzen und lieben: Vielfalt und Freiheit – und Literatur, natürlich.

Warum muss man denn etwas machen gegen die AfD?

Für mich ist ganz klar: Das ist eine rechtsradikale Partei, mittlerweile. Ich persönlich bin sehr geschockt darüber, dass die Partei in den Bundestag einziehen wird. Ich denke, dass wir es da natürlich mit einer Minderheit zu tun haben – aber mit einer sehr lauten Minderheit, die es schafft, bestimmten Teilen der Bevölkerung fast das Gefühl zu geben, dass sie eine Mehrheit ist. Dadurch, dass sie sehr gut organisiert sind. Dass sie sehr laut sind. Dass sie es schaffen einzuschüchtern, vor allem auch online. Ich finde, dass jeder auf die Art, die ihm nahe ist, dazu Position beziehen sollte. Und mir liegt es, dem etwas Literarisches entgegen zu setzen.

Heißt?

Wir machen einen riesengroßen Literaturmarathon. Wir werden den ganzen Tag über aus unseren Büchern lesen. Es sind so viele Kollegen, die mitmachen, dass jeder nur ne Viertelstunde hat. Die ganzen Zusagen trotz Buchmesse und knappem Zeitplan, auch das ist ja auch schon ein Statement. Und: Das wird eine sehr, sehr bunte Mischung. Den ganzen Tag wird’s jedenfalls in sehr, sehr hoher Schlagzahl Lesungen und Gespräche geben.

Was kann denn die Literatur bewirken?

Ich glaube, dass Literatur fast alles kann. Sie kann uns Ausblicke bieten, seien sie positiv wie negativ. Sie kann uns kluge Ratschläge geben, wie wir mit bestimmten Situationen oder auch bestimmten Positionen clever umgehen können. Und sie schürt die Empathie – dadurch, dass wir in den Kopf eines anderen Menschen katapultiert werden, durch dessen Augen blicken.

Der AfD-Parteitag findet an Deiner alten Schule statt, richtig?

In der Wiehltalhalle – die parallel aber auch schlicht die Aula des Gymnasiums ist. Und das ist brisanterweise auch noch ein Gymnasium, das nach Dietrich Bonhöffer benannt ist, also nach einem christlichen Widerstandskämpfer, der im KZ ermordet wurde. Dass eine Partei, die Menschen wie Alexander Gauland oder Björn Höcke mit ihren doch sehr rechtsradikalen Positionen eine Heimat bietet, in der Aula einer Schule tagen darf, die den Namen von jemandem trägt, der im KZ ermordet worden ist – das ist skandalös. Man hat mir bei der Stadt erklärt, dass sich das nicht vermeiden ließ. Das mag so sein. Ich finde es trotzdem – scheußlich.

Wie stehen die Wiehler in Deinem Umfeld dazu?

Ich kann natürlich nur über mein Umfeld sprechen, und da sind alle so beklommen, so entsetzt und so empört darüber wie ich. Auch deshalb, weil sie es so spät erfahren haben. Wir hatten nur zwei Wochen Zeit zu reagieren – obwohl die Halle sicher schon viel früher gebucht wurde. Mit unserer Veranstaltung haben wir deshalb offene Türen eingerannt: Alle sind froh, dass sie wissen, wo sie hingehen können, wenn sie das genauso krass finden wir wir.

Was ging Dir durch den Kopf, als Du von dem Parteitag gehört hast?

Mein allererster Gedanke galt unserem Abiball. Da habe ich, ne schwarze Frau, mit meinem besten Freund, nem schwulen Mann, auf der Bühne getanzt – auf der jetzt die AfD tagt. Wir waren sehr, sehr glücklich damals mit unserem superbunten Freundeskreis, der sich kurz danach in alle Welt zerstreut hat.

Inwiefern betrifft Dich das persönlich?

Mich betrifft das als schwarze Frau. Als Mensch, der sehr liberal ist. Als jemand, der sich Sorgen macht um seine afghanische Freundin. Und um seine schwulen Freunde. Weil ich glaube, dass der Ton und der Umgang in vielerlei Hinsicht, nicht nur im Internet, rauher geworden ist. Das ist eine Partei, die absolut indiskutable Positionen wieder hoffähig machen möchte. Und genau deswegen möchte ich den Fokus gar nicht so sehr auf die AfD lenken, sondern eher auf die Frage, was wir als Gesellschaft machen können: Wie können wir wieder zusammen finden? Wie können wir uns wieder auf einen Konsens einigen: Was geht, und was absolut nicht? Wie sollte man miteinander umgehen – und wie auf keinen Fall?

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