Die Fragen der Frauen

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Die Fragen der Frauen

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Serienkillerromane gibt es wie Sand am Meer. In ihrem Roman „Die Frauen“ bürstet Ivy Pochoda dies Muster gegen den Strich: Ihre Geschichte kreist um die Opfer und die Angehörigen. Dabei werden drängende Fragen laut – die unbeantworteten Fragen der Frauen.

„Diese Frauen“ – schon im Titel von Ivy Pochodas Roman (im Original: „These Women“) klingen die verschiedenen Dimensionen an, die diesen besonderen Stoff ausmachen, im Grunde umfasst der Titel bereits den ganzen Roman: „Diese Frauen“, das sind die, die mit einem leicht verächtlichen Tonfall erwähnt werden, wenn man in der Mitte der Gesellschaft überhaupt über sie spricht; die Frauen also, die am Rand ihr Geld verdienen, Barkeeperinnen, Tänzerinnen, auch Prostituierte. Was ist so ein Leben wert? Nicht so viel in einer von Gewalt (gegenüber Frauen) geprägten Gesellschaft; auch in den meisten Genreromanen nicht, da sind sie eher Staffage. Und das macht Ivy Pochoda in ihrer Geschichte ganz anders, denn sie kehrt die Verhältnisse um: Diese Frauen! sind es, bei denen sie genau hinschaut, die sie ernst nimmt und denen sie gerecht wird – die sie vom Rand ins Zentrum rückt.

Ein Serienmörder tötet Frauen, die im Nachtleben unterwegs sind, rund um die Western Avenue in Los Angeles. Es gibt eine Verbindung zu älteren Fällen, der Killer war wohl 15 Jahre inaktiv. Warum? Und was hat ihn dazu gebracht, wieder zu morden? Diese Story ist in ihrer Struktur altbekannt und sie wurde oft erzählt – aber eben nicht so, wie Ivy Pochoda das macht: Ihr Roman besteht aus sechs ineinander verschlungenen Portraits von Frauen, die in irgendeiner Form mit den Taten und mit dem unbekannten Täter zu tun haben; sie sind auf verschiedene Weise betroffen von dieser Gewalt, die Leben zerstört. Nicht nur die der Opfer; auch die der Hinterbliebenen, der Befreundeten, der Benachbarten, der Ermittelnden. Eine Gewalt, die strukturell und gesellschaftsprägend ist – und die letztlich auch mit dem (patriarchalen) Blick auf dieses Phänomen, auf die am Rand zu tun hat: Das ist die Essenz dieser Geschichte.

Ein Serienkillerroman? Natürlich, auch das. Das ist der Maschinenraum des Geschehens und der Bezugspunkt, um den die einzelnen Geschichten konzentrisch kreisen. In einer sehr intelligenten Konstruktion. Beeindruckend ist allerdings vor allem, wie versiert und facettenreich Ivy Pochoda diese (Lebens-)Geschichten mit allen Mitteln der Kunst erzählt, wie offen und sorgsam sie in Milieus eintaucht. Und wie sie dabei das Persönliche mit dem Gesellschaftlichen korrespondieren lässt: Letztlich ist das Geschehen vor allem topographisch strukturiert, mit Blick auf die Orte und Perspektiven, die Gewalt bedingen.

Ivy Pochoda lässt „diese Frauen“ zu Wort kommen, sie lässt ihre Fragen klingen, sie macht sie vom Nebensächlichen zum Eigentlichen. Sie stülpt das Außen nach Innen. Und zwar nicht bloß im Rahmen ihrer Geschichte, sondern auch in einem übertragenen Sinn, gesellschaftlich: Indem sie ihnen nahe rückt, ihre Leben erzählt, uns LeserInnen dabei gebannt mitnimmt, gibt sie den Betroffenen ihr Leben zurück. Diese Frauen, auch sie haben ihre Würde, selbstverständlich. Wie erstaunlich, dass man darüber überhaupt sprechen muss! Und das ist das eigentliche Geheimnis, das dieser Roman letztlich enthüllt.

Ivy Pochoda: Diese Frauen. Aus dem Amerikanischen von Sigrun Arenz. Ars Vivendi, 2021. ISBN 978-3-7472-0218-0

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