Vom “Weltempfänger”: Die drei Besten

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Vom “Weltempfänger”: Die drei Besten

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Neue Romane aus Angola, Sri Lanka und Bolivien: “Eine allgemeine Theorie des Vergessens” von José Eduardo Agualusa, Anuk Arudpragasam mit “Die Geschichte einer kurzen Ehe” und Rodrigo Hasbúns “Die Affekte”.

Tolle Sache, und seit neuestem sind wir von “Cosmo” mit dabei: Vier mal im Jahr veröffentlicht der Frankfurter Verein “Litprom” den “Weltempfänger”, eine Empfehlungsliste für Literatur jenseits von Europa und Nordamerika. Titel aus den Gebieten der Welt also, die erstmal nicht so dicke Aufmerksamkeit genießen, das aber durchaus verdient hätten.

Ganz oben im aktuellen “Weltempfänger” hat sich der Roman “Eine allgemeine Theorie des Vergessens” (C.H.Beck, Euro 19,95) platziert, geschrieben von dem Angolaner José Eduardo Agualusa, geboren 1960, einem der bekanntesten Autoren der portugiesischen Sprachwelt. Die Story seines neuen Buches, mit dem Agualusa 2016 für den Man Booker Prize nominiert war, umfasst einen Zeitraum von um die 40 Jahren – und erzählt im Prinzip sogar noch weiter gefasst die Geschichte Angolas von der Kolonialzeit bis heute, mit Fokus auf der Zeit seit der Unabhängigkeit samt Revolution und Bürgerkrieg in den 1970er Jahren. Im Zentrum des – poetisch kreativ und sorgsam angerichten Geschehens – steht Ludovica, eine nicht mehr ganz junge Frau, die sich am Vorabend der Revolution ängstlich in ihrer Wohnung in einem Apartmenthaus einmauert, dort lange versteckt und vergessen als “Selbstversorgerin” lebt. Erst nach Jahrzehnten, nach dem Ende der “sozialistischen” Ära, wird sie von einem hungrigen Fassadenkletter zufällig wiederentdeckt; wie im Land, so erwacht auch für sie dann das Leben wieder. Um Ludovicas Geschiche herum sammelt und platziert Agualusa alle möglichen angolanischen Schicksale, Sieger und Besiegte, letztlich aber allesamt Verlierer – die nun dazu gezwungen sind, irgendwie miteinander klarzukommen und mitzuhalten in den neuen Zeiten. Interessant: Die Geschichte, so behauptet der Autor jedenfalls, beruht anscheinend auf Tagebüchern einer wirklichen Ludovica, die tatsächlich Jahrzehnte lang in selbst gewählter, eingemauerter Isolation (über-)lebte, Rodrigo Hasbún stieß auf sie im Rahmen eines Filmprojekts das nie realisiert wurde, deshalb jetzt der bitter-amüsante, pittoreske Roman.

Erschütternd, erdrückend, schockierend – das Setting, das Anuk Arudpragasam sich für seinen Debütroman “Die Geschichten einer kurzen Ehe” ausgedacht hat, geht ebenso wie die Erzählung an sich an die Substanz und an die Grenze des Erträglichen: Sri Lanka, ein Flüchtlingslager, irgendwann in der Endphase des Bürgerkriegs. Für die Zivilisten, die die Frontverläufe hierher getrieben haben, gibt es kein Entrinnen und keine Chance: Auf der einen Seite das Meer, auf der anderen die “Befreiungsfront” im Dschungel, auf der dritten die Armee. Die das Lager täglich bombardiert, es gibt keinen Schutz vor den Granatsplittern, die hilflosen Flüchtlinge sterben wie die Fliegen. Diejenigen zumindest, die nicht, von der “Befreiungsbewegung” zwangsrekrutiert werden. Dinesh, ein junger Mann, den der Zufall bislang hat überleben lassen, bekommt von Herrn Somasundaram, der früher Lehrer war, das Angebot, seine Tochter Ganga zu heiraten, ein anderer Zufall hat auch sie bislang verschont. Einen Tag lang sind die beiden dann zusammen, in den wahren Stahlgewittern, ohne jede Kriegsromantik, dafür mit Hoffnung auf einen Hauch von Normalität, und von diesem Tag erzählt der Roman – “Die Geschichte einer KURZEN Ehe”. – Arud Arudpragasam lebt in Colombo/Sri Lanke, er gehört zur tamilischen Minderheit, war selbst von den Bürgerkriegshandlungen nicht betroffen, zumindest nicht physisch; wie sehr ihn die Situation mental bewegt hat, auch davon zeugt sein Debütroman. Ein herausragendes und wichtiges Buch, das ohne Illusionen den verlorenen Möglichkeiten der Menschlichkeit im größten Schrecken nachspürt – ganz grundlegend, nicht bloß im Kontext Sri Lankas. Schockierend, erdrückend und erschütternd ist “Die Geschichte einer kurzen Ehe” nicht zuletzt auch wegen der literarischen Klasse, mit Anuk Arudpragasam operiert: Was es bedeuten kann, als Zivilist zwischen Militärs zerrieben zu werden, wurde selten so eindrucksvoll beschrieben – ein Statement zu einem DER Themen unserer globalisierten Zeit.

Apropos Bürgerkrieg: Auch die Nummer 3 der aktuellen “Weltempfänger”-Liste, Rodrigo Hasbúns Roman “Die Affekte”, arbeitet sich an dem Thema ab, mit zunehmendem Verlauf der Handlung zumindest. Erstmal geht´s um die Familie Ertl, die nach dem Krieg aus Deutschland nach Bolivien auswandert, weil der Vater, ein bayerischer Bergsteiger und Abenteurer, der im Dritten Reich Kameramann bei Leni Riefenstahl war, in der Heimat keine Perspektive mehr sieht. In Bolivien, wo die Ertls sich mehr oder minder gut einleben, wandert er dann zusehends an die Peripherie des Geschehens, während die drei Töchter in den Mittelpunkt rücken – insbesondere Lieblingstochter Monika, die sich nach einigen Jahren langweiliger Ehe in der exildeutschen Oberschicht der Guerilla um Che Guevara anschließen wird bzw. dessen Nachfolger. Der wird – wie “der Che” – vom bolivianischen Geheimdienst erwischt und zu Tode gefoltert; Monika rächt die beiden, Jahre später, und zwar in Hamburg, wo der Mörder als Diplomat untergetaucht ist – bevor sie, zurück in Bolivien, selbst erwischt und getötet wird. Eine ziemlich verrückte Geschichte, klingt nach einem Autor mit blühender Phantasie – ist aber alles historisch verbürgt, alles mehr oder minder so geschehen. Interessant ist, wie Rodrigo Hasbún dieses Thema inszeniert, als Auswanderergeschichte, eben als Portrait der Töchter – und unter demonstrativer Umschiffung der spektakulären Dramatisierungsmöglichkeiten, die in der Geschichte eigentlich stecken. Hasbún konzentriert sich auf die Bindungen, auf die emotionalen Verhältnisse, die nur knapp angerissen und angedeutet und aus verschiedenen Perspektiven geschildert werden – den Rest muss (und kann) man sich vorstellen. Ein Familienroman der etwas anderen Art; auch hier jedenfalls wieder “die Realität”, die literarisch verarbeitet, verdichtet und gespiegelt wird; und zwar gekonnt. Rodrigo Hasbún hat palästinensische Wurzeln, er wuchs in Bolivien auf, lebt heute in Houston, Texas. “Die Affekte” ist sein zweiter Roman, der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde – ein lesenswertes “kleines” Buch mit großer “Geschichte” von einem Autor, den man sich auf jeden Fall merken sollte.

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