Von Hideo Yokoyama, Keigo Higashino und Fuminori Nakamura: Neue Kriminalromane aus Japan

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Von Hideo Yokoyama, Keigo Higashino und Fuminori Nakamura: Neue Kriminalromane aus Japan

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Hinter Murakami tut sich was, ziemlich viel sogar: Japan ist im Moment ein wichtiges Thema auf dem deutschen Buchmarkt, es erscheinen jede Menge neue Übersetzungen – insbesondere auch von Kriminalromanen.

Zum Beispiel „64“ von Hideo Yokohama (Atrium, Euro 28), ein opulenter Polizeithriller – und ein Brikett von einem Roman; auch ein wunderbar „gemachtes“ Buch, nebenbei bemerkt. Im Mittelpunkt eines schätzungsweise dreißig Personen umfassenden Ensembles an Charakteren steht als Leitfigur Herr Mikami von der Polizei in einer Präfektur in der Provinz, den gleich zwei massive Probleme bedrängen: Mikami, der als Pressedirektor zwischen den Fronten der Verwaltung und der Ermittlungsabteilung steht, muss erstens einen schwierigen alten Fall aufklären, bei dem die Kollegen seinerzeit geschlampt hatten, um aktuelle Probleme zu lösen, die ihn seine Rückkehr zur Mordkommission kosten könnten – und zweitens sollte er herausfinden, was mit seiner Teenage-Tochter geschehen ist, die von zu Hause abgehauen und nicht wieder aufgetaucht ist, sehr zur Sorge insbesondere der Mutter, Mikamis Frau also, die mehr und mehr verzweifelt. Ein Polizeithriller, der auch eine persönliche Dimension hat; der Schwerpunkt liegt aber so eindeutig wie ausführlich auf den Prozessen in der Behörde, die wiederum stellvertretend für gesellschaftliche Gemengelagen stehen. „64“ ist ein herausragender Roman, keine Frage, aber auch ein ganz schön herausfordernder: Man braucht einen gewissen Lektüre-Masochismus, um sich von dem zwar brillant konstruierten, aber doch extrem kleinteiligen Plot mitnehmen zu lassen, diese Lektüre bedeutet: richtig Arbeit. Wer nun derartige Anstrengung schätzt, der wird allerdings auch reich belohnt. (Übersetzt von Sabine Roth und Nicolaus Stingl.)

Wenn es darum geht, ihre aktuellen Bücher zu promoten, kennen die meisten Verlage ja: nix. Tropen zum Beispiel, der Verlag von Keigo Higashinos „Unter der Mitternachtssonne“, entblödet sich nicht, diesen Autor samt seinen Roman als den japanischen Stieg Larsson anzupreisen; mildernd kann man bloß in Rechnung stellen, dass der Vergleich ursprünglich, na klar, von einem Journalisten stammt, aus einer Rezension. Trotzdem: Er hinkt, dieser Vergleich, aus vielerlei Gründen, die auf der Hand liegen, insbesondere aber auch deshalb, weil „Unter der Mitternachtssonne“ 1999 erstmals erschien, sehr lange vor Stieg Larsson also. Und der Roman beruht auf einer Fortsetzungsgeschichte, die der Autor für eine Zeitung verfasste, wenn ich richtig informiert bin – ist also noch mal länger vorher entstanden. Wie auch immer, die Geschichte ähnelt der von „64“; ein älterer Kommissar, in diesem Fall ein schon pensionierter, versucht Anfang der neunziger Jahre einen Fall aufzuklären, der sich viele Jahre zuvor ereignet hat, 1973 nämlich: Der Besitzer eines Pfandhauses wurde auf einem alten Fabrikgelände ermordet, weitere Personen aus seinem Kontext sterben oder verschwinden – der Fall konnte niemals gelöst werden. Sagasaki, der Ermittler, hat einen ganz speziellen Verdacht, den Keigo Higashino seinen LeserInnen auch gar nicht lange vorenthält: Ryo und Yukiho, Sohn des Opfers und Tochter einer weiteren Toten, sind in sein Visier geraten. Allerdings waren sie zur Tatzeit noch Kinder, beide um die 10 Jahre alt. Kann DAS sein? Detektiv Sagasaki rollt die Geschichte wieder auf, indem er ermittelt, was die beiden seitdem, in den letzten 19 Jahren gemacht, wie und wohin sie sich entwickelt haben. Und was da ans Licht kommt, das hat es in sich – inklusive einer letzten Volte, die alles, was man über den Fall zu wissen glaubte, nochmal auf den Kopf stellt. So viel zum Thema: Umstände von Anfang an klar. Große, komplexe, packende Krimikunst jedenfalls, und auch „Unter der Mitternachtssonne“ ist eine Kost, die sich vor allem LeserInnen mit Lust an der Schwarte schmecken lassen können – zudem eine sättigende Zeitreise durch die Gesellschaft Japans in den 1970er und 1980er Jahren. (Übersetzt von Ursula Gräfe.)

Ach ja – das Böse! Der Nihilismus! Natürlich immer wieder ein Thema, wenn ein Kriminalschriftsteller seine Kunst mit allerlei Philosophischem zu unterfüttern sucht. Scheint ein wenig ermüdend, dieser Ansatz, den auch Fuminori Nakamura für seinen Roman „Die Maske“ (Unionsverlag, Euro 24) gewählt hat; ist allzu halt nahe liegend – und irgendwie auch: schon 1000 Mal gerührt… ABER – der Plot, den Nahamura sich ausgedacht hat, der ist klasse, der setzt eine grandiose Idee in Szene: Ein Mann, der zum Bösen erzogen wurde, so böse wie gewünscht allerdings nicht ist, trotzdem aber böse handeln musste – dieser Manna also, der dem Bösen zu entfliehen trachtet, kauft eine neue Identität von einem Verstorbenen und lässt sich entsprechend von einem plastischen Chirurgen behandeln. Alles gut? Eher nicht: Kaum hat Fumihiro Kuki sich in seiner neuen Identität eingefunden, bekommt er Besuch von einem Polizisten. Der verdächtigt diesen falschen Mann hinterm richtigen Antlitz einer Tat, die er nicht genau benennt, weil sein Gegenüber ja “weiß”, worum es geht – und beschwört glaubhaft, er würde alles daran setzen ihn zu überführen. Scheint, als würde der Polizist sein Gegenüber für, äh, böse halten. Das Problem ist nur: Der Verdächtigte hat nicht den Hauch einer Ahnung, was passiert sein könnte – es war schließlich nicht sein Leben, in dem sich die Tat, derer er verdächtigt wird, ereignete… – Tolle Idee, wie gesagt, und Fuminori Nakamura bettet sie routiniert in einen gewitzten Plot ein – das war´s dann aber auch schon: Zwar kein Mehrwert, aber ziemlich gute Unterhaltung. (Übersetzt von Thomas Eggenberg.)

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