Zoë Beck: Paradise City

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Zoë Beck: Paradise City

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Die Pointe diesmal gleich zu Beginn: Sie solle möglichst früh Bescheid geben, was das Thema eines kommenden Romanprojekts ist, witzeln sie bei Suhrkamp mit Zoë Beck, damit die, die dann Bescheid wissen, möglichst früh reagieren können – zum Beispiel, indem sie auswandern. Stimmt, es ist schon faszinierend, wie visionär Zoë Beck immer wieder aktuelle Themen und Gemengelagen in ihren Geschichten lange vor Erscheinen so konzentriert, dass sie sich dann beim Erscheinen wie das Buch zur Stunde lesen, da arbeitet ein wacher Geist offenen Auges, das ist offensichtlich. Mit “Paradise City” hat Zoë Beck nun allerdings nochmal eine Schippe draufgelegt und in einigen Details so messerscharf ins Herz der Corona-Gegenwart getroffen, dass es ihr offensichtlich (siehe Link zum Interview unten) selbst ein bisschen unheimlich zu sein scheint.
Deutschland in um die 100 Jahren, einige Pandemien haben die Bevölkerung dezimiert, die Klimawandelfolgen sind heftig spürbar, er herrscht eine Art gemütliche Diktatur, die kaum jemanden stört, samt mächtiger KI-Gesundheitsapp und mehr oder minder komplett gleichgeschalteter Öffentlichkeit – bis auf ein paar widerborstige letzte Gallier, unabhängige JournalistInnen, die einem Bug im System der schönen neuen Welt auf die Spur kommen, den dieses System aber um jeden Preis verschleiern will, und da geht dann der “Krimi” los … Viel mehr kann man nicht verraten, ohne zu spoilern. Es ist jedenfalls, so viel sei versprochen, eine ausgefuchste Handlung, die damit in Gang kommt. Das besonders Interessante an der ganzen Sache ist, dass Zoë Beck Plot und Setting so dicht verschmelzen lässt, dass diese beiden Ebenen einander notwendig bedingen, das ist sehr gekonnt gemacht: Der Plot IST das Setting, wenn man so will, und umgekehrt.
“Krimi” in Anführungsstrichen deshalb, weil diese Autorin sowieso meist auf konventionelle Krimi-Erzählstrukturen verzichtet; es gibt bei ihr zum Beispiel keinen klassischen Ermittler, insgesamt operiert sie an den Rändern des Genres, wo es oft auch besonders interessant wird. “Paradise City” ist, gerade aus dieser Perspektive her gedacht und erzählt, zugleich auch ein grandioser Gesellschaftsroman, weil Zoë Beck nicht bloß eine spannende Vision für die Gesellschaft entwickelt, bei der sich die Gegenwart auf facettenreiche Art in der Zukunft spiegelt – sondern weil sie dabei auch eine immense Vielzahl an aktuellen Diskursen mal mehr, mal weniger beiläufig einbaut und vernetzt: Klimawandel, KI, Gesundheit, Gender, Demokratie, Öffentlichkeit, Enhancement, Organspende, “Schwarz und Weiß” und, und, und. Das Beeindruckende daran ist, dass “Paradise City” trotzdem nie als Diskurs- oder Thesenroman rüberkommt, er bietet immer zuallererst exzellente Unterhaltung, das ist priorisiert. Und das gelingt, weil da eine extrem souveräne Erzählerin am Werk ist, die ihre Kunst aus dem Effeff beherrscht. Toll, dass jemand bei Suhrkamp dieses Potential erkannt hat – und sie zu dem Verlag lockte, wo sie ihre Möglichkeiten nun ganz entfalten kann. Jedenfalls: “Paradise City”, das ist High-End-Spannungsliteratur voll auf der Höhe der Zeit.

… und hier geht´s zum Audio eines langen Interviews mit Zoë Beck …

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