Corona-Impfung: Lasst uns über Freiheit reden!

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Corona-Impfung: Lasst uns über Freiheit reden!

Kommentare zum Artikel: 3

Freiheit hat Konjunktur. In Reden und Appellen, in Debatten wie zu 2G im Landtag. Was genau meinen wir eigentlich mit dem Wort, wenn wir es im Munde führen? In der Pandemie und der Debatte über schleppendes Impftempo und fehlende Impfbereitschaft nennenswerter Teile der Gesellschaft berufen sich viele auf ihre Freiheitsrechte.

Die einen meinen die Freiheit, über medizinische Eingriffe selbstbestimmt entscheiden zu können. Die anderen haben die Freiheit im Sinn, sich im Alltagsleben nicht einschränken zu müssen. Freiheit für Geimpfte, Freiheit für Ungeimpfte, Freiheit für alle. An Bannerträgern der Freiheit herrscht kein Mangel, sie verhaken sich aber zusehends in aufgeheizten Debatten.

Freiheit ist nicht Willkür

Wir sollten uns nichts vormachen. Mehrere Jahrzehnte, in denen eine starke Akzentuierung individueller Freiheitsrechte den Ton angegeben hat, haben ihre Spuren in unseren Gedankenwelten hinterlassen. Diese Entwicklung hat viel Segensreiches gebracht. Darum geht es hier aber nicht. Wir müssen auf die Kehrseite schauen. Gerade auf dem Gebiet des Meinungswissens erleben wir ein Umsichgreifen dogmatischer Unfehlbarkeitserklärungen. Mit dem (Zu-) Satz „das ist eben meine Meinung“ lässt sich scheinbar alles, aber auch wirklich alles, rechtfertigen. Aber eben nur scheinbar.

Freiheit und Willkür sind zwei Dinge, sie werden aber häufig verwechselt. Die Freiheit, die wir tatsächlich meinen, ist nicht die Freiheit eines imaginierten Urmenschen, der frei von jedem äußeren Zwang durch die Wildnis tanzt und den ganzen lieben langen Tag einfach tut, was er will, was ihm so gerade in den Sinn kommt, und sich dabei rundum sorglos fühlt. Abgesehen davon, dass es mit der Freiheit und Sorglosigkeit in der Wildnis nicht so weit her gewesen sein dürfte, entspricht diese Freiheit nicht unserem modernen Freiheitsbegriff.

Ohne Gemeinschaft keine Freiheit

Unsere Freiheit ist eben keine Willkür des Einzelnen, sondern sie ist die Freiheit, die der Mensch nur unter Seinesgleichen, in Gemeinschaft und Gesellschaft, leben kann. Schon der griechische Philosoph Aristoteles wusste, dass der Mensch ein Zoon politikon, ein politisches, also Gemeinschaftswesen ist. Ohne die Mitmenschen, ohne die mich umgebene Gesellschaft, wären die Bedingungen, die ich für die Ausübung meiner individuellen Freiheitsrechte nötig habe, gar nicht gegeben.

Freiheit setzt Wahlmöglichkeiten voraus. Die sind heute in fast allen Lebensbereichen so groß wie kaum jemals zuvor. Die moderne, bürgerliche Gesellschaft und ihre Institutionen, ja, auch der freiheitlich-demokratische Staat, sind nicht die Gegner der individuellen Freiheit, im Gegenteil, sie sind erst die Voraussetzung dafür.

Deswegen führt eine Verabsolutierung der eigenen Autonomie in die Irre. Dass meine Freiheit dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt, ist die berühmte Formel, mit der die Freiheitsansprüche aller miteinander in Einklang gebracht werden sollen. Das setzt aber ein Mindestmaß an Einigkeit über die Definition der jeweiligen Grenzen voraus.

Klug genutzte Freiheit

Der kluge Gebrauch der Freiheitsrechte kann eben auch bedeuten, sie nicht auszuüben. Nicht alles, was ich darf, muss ich auch tun. Eine vernunftgeleitete Freiheit – und über die vor allem reden wir hier – kann eben auch darin bestehen, auf ein Recht zu verzichten, weil es moralisch geboten ist. Ja, es stimmt, jeder hat das Recht, sich nicht impfen zu lassen. Es ist aber ein Gebot der Vernunft, auf die Ausübung dieses Rechts zugunsten einer Impfung zu verzichten, wenn ich mir, anderen und der Gesellschaft insgesamt Schaden vom Hals halten kann.

Denn die Impfung ist, nach allem was wir wissen, der verheißungsvollste Weg aus der Krise. Mit der Immunisierung schützen wir unsere und die Gesundheit unserer Mitmenschen, also die Gemeinschaft, die uns erst zu wahren Menschen macht. Und dann, und nur dann, bewahren wir unsere Freiheit.

Über den Autor

Jochen Trum ist Leiter der landespolitischen Redaktion des WDR.

3 Kommentare

  1. Arnold Weber am

    Hoffentlich wird dieser gute Artikel vom politischen Personal gelesen, verstanden und beherzigt!
    Zur Freiheit gehört untrennbar die Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns, insbesondere wenn es um die Rechte anderer Menschen geht. Ansonsten schlägt Freiheit schnell in Rücksichtslosigkeit um.
    Insofern müssen sich viele Bürger und leider auch verantwortliche Politiker fragen lassen, ob sie in den vergangenen Monaten ihrer Verantwortung gerecht geworden sind.
    Die Antwort liegt auf der Hand.

  2. Frank Kotira am

    Herrn Arnold Weber (1. Kommentar) ist zu danken, dass er die wichtigste Schlussfolgerung zum Thema „Freiheit“ noch hinzugefügt hat.

  3. Franjo Schiller am

    Lieber Herr Trum. Wenn ich selbst über mein Leben bestimmen kann, bin ich frei.
    Und ich war in meinem Leben so frei, mich 15 bis 20 mal impfen zu lassen. Darunter Pflichtimpfungen wie gegen Cholera, Pocken, Gelbfieber u.a. für meine jobs für deutsche Firmen in den tropischen Ländern Afrikas. Ohne Impfung keine Einreise. Ohne Einreise keinen Job für zigtausende von Fachkräften der letzten Jahrzehnte.

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