Der Geist vom Malkasten

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Der Geist vom Malkasten

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Der Malkasten ist eine urbane Idylle, umtost vom lärmenden Verkehr der Landeshauptstadt Düsseldorf. In bester Lage steht der weiße Bau mit der hohen Glasfront, darauf in großen Buchstaben das Logo des gleichnamigen Künstlervereins. Dahinter erstreckt sich der dazugehörige Park. Gehobene Bürgerlichkeit im Grünen. Hätte es einen geeigneteren Ort geben können, um die erste schwarz-grüne Landesregierung in der Geschichte Nordrhein-Westfalens aus der Taufe zu heben?

Vor fünf Jahren, als CDU und FDP ihre Koalition verhandelten, taten sie das im „Spielplatz“, einem hippen Loft im Düsseldorfer Medienhafen. Der Geist der Gründerszene, Co-Working-Flair und Latte macchiato. Das sollte für den Aufbruch der „NRW-Koalition“ stehen. So wollten das Christian Lindner und Armin Laschet.

Was CDU und FDP vor fünf Jahren gelang, ist in der Rückschau durchaus beachtlich. Es ist vor allem der Stil, in dem sie zusammengearbeitet haben, der sich unterscheidet von früheren Koalitionsregierungen. Früher herrschte – unabhängig von den politischen Farben – oft Streit, der größere Partner gönnte dem kleineren keinen Erfolg. Misstrauen regierte. Das war in den letzten Jahren anders. Gelingt es auch Schwarz-Grün, die Koalition auf einem stabilem Fundament zu bauen, das nicht beim ersten Ansturm der politischen Realität zerbricht?

Freiheitsräume der Zukunft durch Veränderung

In der Präambel des Vertrages heißt es, die Koalition verstehe Nachhaltigkeit in einem umfassenden Sinn. Und weiter: „Durch unsere Politik wollen wir künftigen Generationen ihre Freiheitsräume sichern.“ Das ist nicht irgendein Satz. Man könnte ihn als eine zentrale Idee der christ-ökologischen Koalition lesen. Klimaschutzpolitik als Freiheitspolitik. Die gewaltige Aufgabe, das Land umzugestalten, es klimaneutral zu machen, ohne Bewährtes zu zerschlagen, mit Blick auch auf die finanziellen Belastungen für künftige Generationen, wird nicht nur als Erhalt von Schöpfung oder Lebensgrundlage gesehen. Sie ist die Bedingung, dass die freiheitlich-demokratische Gesellschaft überhaupt eine Zukunft hat. Und dass Freiheit eben nicht zu trennen ist von wirtschaftlicher Stärke, die aber ohne Veränderungen empfindlich leiden dürfte. Das ist kein kleiner Anspruch, aber immerhin so etwas wie eine Idee.

Der Künstlerverein Malkasten, gegründet im Revolutionsjahr 1848, steht für Tradition, natürlich für Kunst und Kultur, aber auch für Freiheit, Debatte und das wachsende Selbstbewusstsein der bürgerlichen Gesellschaft. Die Farben in einem Malkasten, wie sie, bunt und verschieden, aber doch gleichberechtigt nebeneinander liegen, dieses Bild war die leitende Idee der Gründer. Ganz gleich, ob es den Koalitionären bei der Wahl des Tagungsortes bewusst war, man hätte es nicht passender treffen können.

Mona Neubaur erzählt, wie gelegentliche Spaziergänge zu zweit durch den großzügigen Park des Malkastens halfen, gordische Knoten zu durchschlagen. War ihr klar, dass schon Goethe und Wieland, Herder und Humboldt sowie der französische Enzyklopädist Diderot auf diesen Pfaden lustwandelten? Sie werden andere Fragen gewälzt haben als Ressortzuschnitte und Solardachpflicht. Aber den Geist des Ortes haben sie geschätzt.

Im Geiste Jacobis?

Im Malkasten führen alle Spuren zu Friedrich Heinrich Jacobi. Es sind nur wenige Schritte vom Ort, wo CDU und Grüne den Koalitionsvertrag vorstellten, bis in die Vergangenheit. Eine kleine Brücke über die Düssel, die hier friedlich in ihrem Bett liegt, leitet den Besucher direkt ins Jacobihaus. Als man noch nicht von Düsseldorf, sondern von Pempelfort sprach, residierte in diesem inzwischen hübsch restaurierten Anwesen jener Namensgeber dieses Ortes.

Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819) trifft das besondere Schicksal, dass er zu einer Zeit lebte, zu der es Deutschland an geistigen Größen nicht mangelte. Bei all den vielen großen Dichtern, Philosophen und Aufklärern, die zwischen dem ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert gelebt haben, taucht seine Person erst in der zweiten Reihe auf, hinter all den Goethes und Schillers, Kants und Fichtes, Herders und Humboldts, die den Ruf Deutschlands als Land der Dichter und Denker begründeten. Dabei war Jacobi einer der ihren. Dichter und Philosoph, Aufklärer und Geheimrat, jemand, der mit den Geistesgrößen seiner Zeit verkehrte.

Jacobi war ein Aufklärer. Aber einer, der nicht alles der kühl rechnenden Vernunft überlassen wollte. Er stritt dafür, dem Gefühl seinen Platz zu lassen. Auch das unmittelbare Empfinden konnte seines Erachtens ein legitimer Zugang zur Welt sein. Alles in allem war Jacobi ein Konservativer, der vor allem auch den christlichen Gottesglauben gegen Bilderstürmer und Rationalisten verteidigen wollte. Vor den vorrückenden Truppen der napoleonischen Revolutionsarmee ist er aus Düsseldorf geflohen – und nie wieder zurückgekehrt. Bürgerlich und konservativ, ein Freund von Freiheit und Vernunft, ein Gegner von Umstürzlern und Eiferern. Jacobi wäre heute wohl ein Schwarzer. Es mag gleichwohl Zufall sein, dass die Idee, für die Verhandlungen hierher zu gehen von einem näher nicht genannten Christdemokraten stammt.

Gedämpfter Ton eines Koalitionsvertrages

Nach modernen Maßstäben wäre Jacobi übrigens auch eine Art Wirtschaftsfachmann gewesen. Es zeigt sich, dass er in ökonomischen Fragen ein durchaus liberaler Geist war. Zu starke Reglementierung des Handels lehnte er ab. Eine seiner Schriften trägt den Titel: „Rhapsodien gegen die beliebte Torheit der Leitung des Handels durch Auflagen und Verbote.“ Die Zeiten mögen sich ändern, aber das klingt vertraut.

Vor fünf Jahren beflügelte es CDU und Liberale geradezu, das zuvor als Verbots- und Verhinderungspolitik geschmähte Lebenswerk von SPD und Grünen rückabzuwickeln. Mehr Freiheit, weniger Bürokratie. Das fällt jetzt etwas schwerer, schließlich regiert die CDU bereits seit fünf Jahren. So ist denn der Ton des neuen Koalitionsvertrags gedämpfter, vielleicht auch, weil sich beide der gigantischen Aufgaben bewusst sind, die vor ihnen liegen. Da kann ein bisschen Demut nicht schaden.

Die Grünen sind eher eine Partei des Sollens, die CDU ist eine Partei des Seins. Das muss kein unüberwindlicher Gegensatz bleiben. Übereinstimmend berichten die Teilnehmer der Verhandlungen, wie man sich im Malkasten näher gekommen sei. Wie man sich besser kennengelernt und manches Vorurteil und Klischee überwunden habe. In einem berühmten Brief an Moses Mendelssohn schreibt Jacobi:

„Auch der blindeste, unsinnigste Glaube, wenn schon nicht der dümmste, hat da seinen hohen Thron. Denn wer in gewisse Erklärungen sich einmal verliebt hat, der nimmt jede Folge blindlings an, die nach einem Schlusse, den er nicht entkräften kann, daraus gezogen wird, und wär‘ es, daß er auf dem Kopfe ginge.“

Ein Anfang wäre also gemacht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Über den Autor

Jochen Trum ist Leiter der landespolitischen Redaktion des WDR.

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