Der Neuanfang der CDU – ein Drama in drei Akten

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Der Neuanfang der CDU – ein Drama in drei Akten

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“Haben Sie so etwas schon mal erlebt, vier Bewerber um den Parteivorsitz der CDU – und alle aus NRW?”

“Nein, das ist historisch!”, ruft mein Gesprächspartner ins Telefon. Er muss es wissen.

Gute Kenner der nordrhein-westfälischen CDU sind in diesen Tagen gefragte Gesprächspartner für Journalisten. Laschet und Spahn, Merz, Röttgen. Alles nur Zufall? Oder lässt es sich mit der Größe des Landesverbandes erklären? Klare Antworten darauf gibt es nicht. Größe und Heterogenität der NRW CDU spielen aber sicher eine Rolle. Zufall und persönlicher Geltungsdrang vermutlich auch.

Männer und die Macht

Männer, die es noch einmal wissen wollen. Männer, die offene Rechnungen begleichen wollen. Männer, die Niederlagen in Siege ummünzen wollen. Und Männer, die alles auf eine Karte setzen wollen oder besser: setzen müssen. Das große Spiel um die Macht eben. Das alles ist der Stoff, aus dem Dramen sind. Wechselweise auch Tragödien. Und selten Heldenepen. Alles strebt, alles treibt auf jeden Fall dem großen Finale zu.

Das Vorspiel

Politische Karrieren enden meistens mit einer Niederlage. Das liegt in der Natur eines demokratischen Gemeinwesens, das politische Macht auf Zeit vergibt. Das musste schon vor mehr als zweitausend Jahren Perikles, der große Staatsmann zur Blütezeit der athenischen Demokratie, erfahren. Angela Merkel wollte genau das verhindern und einen selbstbestimmten Abschied aus der Politik nehmen. Ihre Entscheidung, vorzeitig den Parteivorsitz der CDU abzugeben, sollte die Bühne bereiten für eine erfolgreiche Übergabe der Macht. Doch sie war, das ist inzwischen klar, Auslöser für eine tiefe Krise der CDU und vermutlich das Vorspiel zu einem Drama in drei Akten.

Es begann in Hamburg

Der erste Akt vollzog sich in Hamburg, auf dem Bundesparteitag im Dezember 2018. Die Wahl Annegret Kramp-Karrenbauers zur Parteivorsitzenden war denkbar knapp, der unterlegene Friedrich Merz musste mit dem Eindruck nach Hause, zurück ins Sauerland fahren, dass er seine Niederlage durch eine schlechte Rede selbst verschuldet hatte. Der Beobachter verließ die Hamburger Messe damals mit dem Gefühl, dass die CDU in der Hansestadt mit diesem Thema nicht hat abschließen können. Wer in die teils überraschten, teils entsetzten Gesichter der Delegierten geblickt hat, als die Wahlentscheidung verkündet wurde, konnte spüren, dass die Christdemokraten mit dieser Wahl nicht befriedet waren und die innerparteiliche Zerrissenheit nicht gelöst wurde. Erster Akt.

Leipziger Ultimatum

Leipzig, etwa ein Jahr später, war der Schauplatz des zweiten Aktes. Nach einem wenig überzeugenden ersten Jahr als Parteichefin trat Kramp-Karrenbauer angeschlagen ans Rednerpult. Showdown. Fällt sie oder fällt sie nicht? Doch mit einer stellenweise guten Rede konnte sie die Delegierten noch einmal überzeugen. Am Ende warf sie gar ihr Amt in die Waagschale und rief, wie in einem Ultimatum, ihren Widersachern zu: Wenn ihr mich nicht wollt, dann lasst es uns hier und heute beenden! Das war übertrieben, denn es war zu diesem Zeitpunkt längst klar, dass sie hier und heute nicht fallen würde. Der Saal jubelte, die Strauchelnde hatte sich befreit. Vorübergehend. Erneut fühlte es sich an, als sei das eigentliche Problem nicht gelöst, die innerparteilichen Spannungen nicht verschwunden.

Nun folgt der dritte Akt

Dann kam Thüringen und folgerichtig steht deswegen nun der dritte Akt an. Durch das Debakel von Erfurt unter Druck, wusste sich die CDU-Vorsitzende nicht anders zu helfen, als ihr vorzeitiges Ende selbst einzuläuten. Merz und Spahn wissen, dass sie Teil dieser Aufführung sind, sie waren es von Anfang an. Laschet irgendwie auch, war er doch auch damals schon im Gespräch. Und Röttgen hielt es vermutlich einfach nicht mehr auf seinem Stuhl im Publikum.

Röttgens Egotrip

Engste Vertraute, überrascht von seiner Kandidatur, sprechen über den Außenpolitiker aus dem Rhein-Sieg-Kreis, der in NRW 2012 sein persönliches Waterloo als Herausforderer von Hannelore Kraft erlebte, zwar mitunter ehrfürchtig. Es fällt aber auch immer wieder das Wort “beratungsresistent”. Die neue Figur auf der Bühne macht das ohnehin komplizierte Stück nicht gerade leichter.

Röttgen, damals Bundesumweltminister, wollte zwar Ministerpräsident in Düsseldorf werden, war aber nicht bereit, sich ganz der Landespolitik zu verschreiben. Alle redeten damals auf ihn ein, die Bundeskanzlerin schickte gar Kurt Biedenkopf, um Röttgen umzustimmen. Es half am Ende alles nicht.

Wenn Röttgen heute sagt, er habe aus der Niederlage gelernt, beschleichen mich Zweifel. Das meint er, glaube ich, anders, als die meisten es verstehen.

Etappensieg für “Teamlösung”

Mit dem Beschluss des CDU-Landesvorstandes aus Nordrhein-Westfalen im Rücken, dürfte die nun allgemein als “Teamlösung” gefeierte Kandidatur von Armin Laschet und Jens Spahn eine wichtige Hürde genommen haben. Andere Landesverbände lassen auch ihre Unterstützung für die zwei erkennen, auch wenn etwa die CDU in Baden-Württemberg sich klar für Friedrich Merz ausspricht.

Doch mit dem Landesverband NRW im Rücken, haben Laschet und Spahn eine gute Ausgangsbasis. Etwa ein Drittel der Delegierten auf einem Parteitag kommen aus dem Rheinland, aus Westfalen und Lippe. Das ist zwar noch nicht alles, aber entschieden mehr als nichts.

Phänomen Merz

Der Sauerländer Merz ist ein Phänomen. Durchaus beliebt bei der Basis, aber weniger beliebt bei den Funktionären. Zu eitel, zu selbstgefällig, zu arrogant, urteilen nicht wenige Christdemokraten. Aber er versteht es, sich ständig im Spiel zu halten. Er ist die lebende Projektionsfläche für konservative Sehnsüchte, und das seit Jahren. Vielleicht ist er vor allem ein Magier der politischen Illusion. Aber immerhin: Gegen “AKK” waren es am Ende nur ganze 18 Stimmen – bei 1001 Delegierten.

Es soll in Berlin enden

So ist die Bühne also bereitet für das große Finale am 25. April in Berlin. Knapp acht Wochen Wahlkampf liegen vor den Bewerbern. Die Chancen für die “Teamlösung” stehen seit Donnerstagabend nicht schlecht, Merz gibt sich gleichwohl siegesgewiss, was genau Norbert Röttgen bezwecken will, kann niemand so richtig sagen. Das weiß er wohl nur selbst.

“Alles hängt mit allem zusammen”, hat der ehemalige CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers gern gesagt. In diesem Fall heißt das, die Ereignisse vom Dezember 2018 bis zum April 2020 sind im Grunde eine große, lange Geschichte. Die Geschichte vom versuchten Neuanfang der CDU, die mehr schlecht als recht durch die Vor-Nach-Merkel-Ära irrlichtert. Gelingt es im dritten Akt, der Partei eine neue, unstrittige Führung zu verpassen, die auseinanderstrebenden Teile wieder zu einen, neue Zuversicht zu verbreiten, ist ein wichtiger Schritt getan.

Ob das Drama in drei Akten auserzählt sein wird, ist heute ungewiss. Ob es Tragödie oder Heldenepos wird, ist offen. Ob am Ende das Kanzleramt steht, wer weiß das schon? Sicher ist nur, dass die Geschichte der nordrhein-westfälischen CDU ein weiteres Kapitel bekommt.

Über den Autor

Jochen Trum ist Leiter der landespolitischen Redaktion des WDR.

2 Kommentare

  1. Roettgen und Merz wären das zweite schlagkräftige Tandem, aber dazu wird es nicht kommen.
    Merz und Roettgen sind in ihren Persönlichkeiten zu sehr Alphatiere, dass sie sich gemeinsam in ein Boot setzen und…gemeinsam in eine Richtung rudern.
    Zudem hat die CDU/CSU nicht den Hintern in der Hose, einen deutlichen Neuanfang zu beginnen.
    Der vertanen Chance werden die Jungs und Mädels noch hinterhertrauern.

  2. Mit Laschet u nd Rötgen wird die verherende Merkelpolitik nur fortgesetzt. Der einzige der einen Schlußstrich unter den Alptraum Merkel setzen könnte ware Merz.

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