Die Vor-Vor-Verhandlungen

https://blog.wdr.de/landtagsblog/die-vor-vor-verhandlungen/

Die Vor-Vor-Verhandlungen

Kommentare zum Artikel: 0

Kann man eigentlich nach-nachdenken? Also dem Nachdenken nochmal hinterherdenken? Das ist möglich, aber schwierig. Und meistens sinnlos. Dank Christian Lindner (FDP) wissen wir nun aber, dass man vor dem Erkunden erkunden kann. Also vor-erkunden. Oder im Politsprech dieser Tage: vor-sondieren. Bitte was?

Ganz früher gab es Wahlen, danach eine Regierung. Dann ergab sich irgendwann – weil die Wähler es einfach nicht besser hinbekamen – für die Politik die Notwendigkeit von Koalitionsverhandlungen. Ärgerlich, aber machbar, auch sprachlich. Im Laufe der Zeit wurde es irgendwie immer komplizierter und deswegen mussten den Verhandlungen Verhandlungen vorgeschaltet werden. Weil das allen zu blöd vorkam, nannte man sie dann: Sondierungen. Vielleicht weil sie ungefähr so angenehm sind wie die begrifflich verwandten Eingriffe beim Arzt, aber das ist Spekulation.

Ein delikater Vorgang

Jetzt also muss es vor den Vor-Verhandlungen zu den eigentlichen Verhandlungen noch Vor-Vor-Verhandlungen geben. Vor-Sondierungen. Was sagt uns dieser immer länger werdende sprachliche Hürdenlauf auf dem Weg zur Macht? Es ist bestimmt kein Hinweis darauf, dass es politisch bald wieder einfacher zugeht. Eher belegt er, dass die politischen Verrenkungen zunehmen.

Sich vorsichtig abtasten, sich langsam annähern, ist ein derart delikater Vorgang, dass er sprachlich entsprechend eingekleidet sein will. In der Politik muss auch die läppischste Handlung nominalisiert werden. Das macht was her, ist eine Art linguistische Institutionalisierung. Kein Politiker, der was auf sich hält, redet einfach. Er führt Gespräche, und sei es über das Wetter.

Denklogische Außengrenzen

Mit den logischen Formen des Wissens und des Begriffs ist es so eine Sache. Wer daran wirklich Interesse hat, sollte Hegel lesen. Wer nicht, kann sich damit begnügen, dass unsere Sprache uns selbst unter maximaler Beanspruchung unserer denklogischen Außengrenzen eine Elastizität des Ausdrucks verleiht, die selbst gröbstem Unsinn zumindest der Form nach den Eindruck höchster Solidität verschafft. Zumindest vorübergehend.

Freuen wir uns also auf die Vor-Sondierungen. Vielleicht muss es ja auch noch Nach-Sondierungen geben, bevor man mit den Vorverhandlungen beginnen kann. Und das zu wissen, müsste man vor-sehen können.

Über den Autor

Jochen Trum ist Leiter der landespolitischen Redaktion des WDR.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Bitte lösen Sie die Rechenaufgabe : *
14 − 4 =


Top