Ein Laschet und zwei Welten

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Ein Laschet und zwei Welten

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Düsseldorf und Berlin sind gelegentlich zwei Welten. Selten war das so offensichtlich wie an diesem Mittwochvormittag. Während in Berlin mit harten Bandagen um die Macht gerungen wird, feiert der Landtag in Düsseldorf seinen 75. Geburtstag. Einer der Redner ist Ministerpräsident Laschet. Heimspiel.

Die gediegene Feier wird dabei nur durch die aus Berlin einlaufenden Eilmeldungen gestört, die verkünden, dass Grüne und FDP fortan mit der SPD die Ampel sondieren wollen. Allen im Landtag, die die Meldungen mitbekommen, ist klar, was das heißt: Die Schlinge um Laschets Hals zieht sich weiter zu. Das Ende seiner Karriere liegt in der Luft. Es ist wie am letzten Spieltag der Bundesliga: Wenn jetzt in Berlin noch ein Tor fällt, steigt jemand in Düsseldorf ab. Endgültig.

Letzter großer Dienst

Berlin ist für Armin Laschet ein mörderischer Kampfplatz, der Landtag von Nordrhein-Westfalen muss sich für ihn dagegen anfühlen wie sein heimisches Wohnzimmer. Am Dienstabend gibt es stehenden, warmen Applaus für den arg gebeutelten Aachener in seiner Landtagsfraktion. Hier ist er noch wer, hier schätzen sie ihn, hier leiden sie mit ihm mit. Hier kann er seine Autorität in die Waagschale werfen und Partei und Öffentlichkeit die Regelung seiner Nachfolge verkünden. Ein letzter großer Dienst könnte das am Ende sein. Laschet wirkt neben Hendrik Wüst, der noch etwas mit der Situation fremdelt, geradezu gelöst, er scherzt und genießt die Aufmerksamkeit. Da ist er für einen Moment, der alte Laschet.

Der war in den letzten Wochen nicht immer auf dem Platz. Es war irritierend, dass ausgerechnet Armin Laschet den üblichen Glückwunsch an den Gewinner am Wahlabend nicht über die Lippen brachte. Das war nicht der Düsseldorfer Laschet, der seit fast zwei Jahrzehnten in unterschiedlichen Rollen auf der landespolitischen Bühne spielt. Der die politischen Rituale und demokratischen Spielregeln beherrscht. Diesen Laschet gab es hingegen an diesem Mittwoch, in der Feierstunde des Landtags, zu besichtigen.

Da ist der Ministerpräsident in seinem Element. Er liebt es, sich mit Geschichte zu befassen, mit der von Nordrhein-Westfalen sowieso. Er lobt das Parlament als Ort der Debatte, als Herz der Demokratie, als Institution, die das Landesbewusstsein Nordrhein-Westfalens geprägt habe. Er preist die Demokratie als beste Regierungsform, auch wenn sie für die Beteiligten bisweilen mühsam ist.

Ein Hauch von Vermächtnis

„Wenn ich einen letzten Wunsch äußern darf,“ sagt er dann und leitet den Schluss seiner Rede ein. In diesem letzten Gedanken mahnt er, dass die Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, 30 Prozent der Bevölkerung, im Parlament besser repräsentiert sein mögen. Ein Thema, das ihn in all seinen Düsseldorfer Jahren beschäftigt hat. Mit dem er in seiner Partei auch angeeckt ist, das er aber stets hochhielt.

Ein Hauch von Vermächtnis, während ihm in Berlin buchstäblich der Stuhl unterm Hintern weggezogen wird. Ein wenig später sagt er den Journalisten auf den Fluren des Landtags, die Union stünde in Berlin weiter für Gespräche zur Verfügung. Mehr nicht. Der Satz kommt saft- und kraftlos daher. Kein Nachdruck liegt in ihm.

Dies soll kein politischer Nachruf sein. Es könnte aber anders kommen.

Über den Autor

Jochen Trum ist Leiter der landespolitischen Redaktion des WDR.

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