Wüst trifft Rau: Im Land der großen Gesten 

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Wüst trifft Rau: Im Land der großen Gesten 

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Hendrik Wüst ist bei Jürgen Rüttgers in die politische Lehre gegangen. Das ist lange her, zeigt sich aber bis heute. Etwa am Umgang der CDU-Vorderen mit dem Erbe von SPD-Übervater Johannes Rau, aber nicht nur dort 

Aus der Nähe hat der junge und bisweilen ungestüme Generalsekretär Wüst zwischen 2005 und 2010 beobachten können, wie der ältere und erfahrenere Rüttgers versuchte, nach 39 Jahren ununterbrochener SPD-Regentschaft in das Amt des Ministerpräsidenten hineinzuwachsen. Wie er versuchte, zu einem zweiten Johannes Rau zu werden. Wie er den Sozialdemokraten förmlich auf den Sockel hob, um sich selbst zum legitimen Erbe des Langzeit-Ministerpräsidenten zu machen. Die eigenen Leute rieben sich verwundert die Augen. Jahrzehnte hatten sie gegen Rau und die Vorherrschaft der SPD gekämpft, ausgerechnet im Moment des langersehnten Triumphes 2005 hatte der Chef nichts Besseres zu tun, als Rau zu huldigen? Ein Fall von christdemokratischer Dialektik? Da verstanden einige die Welt nicht mehr. 

Die Versuchung, sich großer Gesten zu bedienen 

In kaum einem Metier liegt die Versuchung so nah, sich großer Gesten zu bedienen, wie in der Politik. Sie erhöhen die eigene Bedeutung und schaffen Aufmerksamkeit. Vor allem aber lässt sich damit der Eindruck erwecken, über den Parteien zu stehen. In dieser Hinsicht ist Nordrhein-Westfalen ein Land der großen Gesten.  

Wenn also Hendrik Wüst nun das Johannes-Rau-Zentrum an der Universität in Wuppertal eröffnet, ist das kein Termin wie jeder andere. Es sei denn, es entgeht einem die Symbolkraft. Es stimmt zwar, der Ministerpräsident ist mehr als ein Regierungschef oder ein Premier. Er ist auch oberster Repräsentant des Landes. Es gehört zum Selbstverständnis nordrhein-westfälischer Ministerpräsidenten, ihr Amt überparteilich zu begreifen, landesväterlich im Stil aufzutreten – oder im Fall von Hannelore Kraft eben landesmütterlich. Wenn irgendwo der Name Rau draufsteht, ist es eben Chefsache – auch für Schwarze.     

Jürgen Rüttgers enthüllte 2007 direkt vor der Villa Horion, im Herzen des politischen Düsseldorf, einen Johannes Rau aus Bronze, im Beisein von Christina Rau. Wie sich die Bilder doch gleichen: Im Beisein eben jener Christina Rau eröffnet Hendrik Wüst nun das Johannes-Rau-Zentrum in Wuppertal.   

Den politischen Gegner umarmen 

Klar, ein Ministerpräsident, der was auf sich hält, versteht sich als Ministerpräsident aller im Land, auch derer, die nicht für ihn gestimmt haben. Das Lager des politischen Gegners förmlich zu umarmen, ist dabei ein besonderer Zug. Gerade bürgerliche Politiker eines bestimmten Typs haben offenkundige Freude am Flirt mit der Gegenseite. Wie Rüttgers, so Wüst. Bei seiner Antrittsrede lobte er ausdrücklich die historischen Leistungen der SPD.   

Bei Rüttgers gipfelte dieser Versuch in dem Satz: „Der Vorsitzende der Arbeiterpartei in Nordrhein-Westfalen bin ich.“ Politische Erbschleicherei, riefen die einen, andere sahen darin den strategischen Ansatz, der SPD das Wasser abzugraben. Und heimatlosen Rau-Wählern Asyl zu gewähren. Hätte vielleicht sogar klappen können, aber Rüttgers ist eben nicht Rau.  

Die Habermas-Momente der Konservativen 

Rüttgers verblüffte jedoch das deutsche Feuilleton, als er den Staatspreis NRW 2006 an den Philosophen Jürgen Habermas verlieh. Ausgerechnet der Linke Habermas. Der Konservative ehrt den Vordenker der kritischen Frankfurter Schule, sieh an, sieh an.    

Hendrik Wüst verbindet mehr mit Jürgen Rüttgers als nur das Amt des Ministerpräsidenten. Das ist auch daran zu erkennen, dass mit Wüsts Wahlsieg nun auch altbekannte Gesichter der Rüttgers-Jahre wieder Einzug halten, wie etwa Staatssekretär Matthias Heidmeier, damals Sprecher der CDU NRW. Auf den Machtgewinn folgt eben die Machtabsicherung.    

Hendrik Wüst hat als erster Ministerpräsident die CSD-Parade in Köln eröffnet. Das war, wenn man so will, sein Habermas-Moment. Überraschend für Freund und Gegner gleichermaßen. Nordrhein-Westfalen ist ein buntes, weltoffenes Land, das ist die eine Botschaft. Die andere: Der Hendrik Wüst des Jahres 2022 ist nicht mehr der des Jahres 2007. Da veröffentlichte er gemeinsam mit Markus Söder, Steffan Mappus und Philipp Mißfelder ein Positionspapier für einen modernen Konservatismus. Die jungen Wilden wehrten sich gegen multikulturelle Beliebigkeit und die Erosion bürgerlicher Werte: „Nicht jedes Lebens- oder Gesellschaftsmodell verdient es, im Zeichen der Pluralität gleichermaßen gefördert zu werden“, urteilten sie damals. Wie die Zeiten sich ändern. 

Wüst führt nun eine Koalition mit den Grünen. Ein Selbstläufer dürfte das nicht werden. Alle, die ihn näher kennen, heben gerade besonders hervor, dass er aus seinen und den Fehlern anderer viel gelernt habe. Offenbar hat er aber auch einen Sinn für große Gesten.

Über den Autor

Jochen Trum ist Leiter der landespolitischen Redaktion des WDR.

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