Deutschstunde oder wenn Schulmails klingen wie Leasingverträge

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Deutschstunde oder wenn Schulmails klingen wie Leasingverträge

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Schulmails sind eigentlich eine tolle Erfindung. Sie sollten die Alternative sein zu juristisch vertrackt formulierten Erlassen aus der Obersten Schulbehörde des Landes. Staatssekretäre und Abteilungsleiter des NRW-Schulministeriums pflegen per Schulmail den schnörkellosen Kontakt zu den Schulleitern. Damit die immer schnell wissen, was zu tun ist. Das ist gerade jetzt wichtig in Corona-Zeiten, wo auf die sofortige Schließung eine schrittweise Öffnung der Schulen folgt. Mit entsprechend hohem Erlass-Aufkommen.

Plage in Corona-Zeit

Die Idee ist gut. Nur leider haben sich die vielen Schulmails der letzten Wochen zur wahren Plage in Corona-Zeit entwickelt: zu einer Sprach-Plage. Fast täglich grübeln Schulleiter und Journalisten über der Entschlüsselung kryptischer Erlasse. Da wird – zum Beispiel – die eigentlich einfache Aussage, dass in diesem Schuljahr keiner sitzen bleiben kann über sieben Zeilen und durch drei Sätze verklausuliert – und gleich darauf wieder relativiert:

“Abweichend davon kann eine Schülerin oder ein Schüler einen Abschluss oder eine Berechtigung allein dann erwerben, wenn die Leistungsanforderungen auch erfüllt sind. Verbesserungsprüfungen und Nachprüfungen über das gewohnte Maß hinaus sollen es aber erlauben, den Abschluss oder die Berechtigung dennoch nachträglich zu erwerben.”

Bei der Suche nach Sinn hält einen nur der feste Glaube über Wasser: Es muss Menschen geben, die so etwas auf Anhieb verstehen. Auch die drei weiteren Einschränkungen bzw. Erweiterungen, die darauf folgen.

Verwirrungs-Favoriten waren übrigens die Schulmails Nr. 17, die Klarstellung der 17. Mail sowie die Schulmails 19 und 20. In ihnen wurde die Öffnung der Grundschulen für die Klassen 1 bis 3 erst für den 11. Mai angekündigt, dann unter Vorbehalt gestellt, zwischenzeitlich gar nicht mehr erwähnt, um dann doch – kurz vor knapp – auf den 11. Mai final gesetzt zu werden.

Offen gesagt: Mich machen Schulmails nervös, die sich lesen wie unangenehme Post vom Gericht.

Beispiel gefällig?

In der Schulmail 21 geht es um “die Vorbereitung auf und die Durchführung von Abschlussprüfungen der Berufskollegs, die Vorbereitung auf Berufsabschlussprüfungen der zuständigen Stellen sowie Unterricht für erforderliche Leistungsfeststellungen zur Erteilung von Abschluss- bzw. Abgangszeugnissen.” Es folgt eine “Priorisierung” in 10 Schritten nach den einzelnen Schularten, Abschlüssen und Jahrgängen. Dabei sind allerdings für die “Prioritätsguppen 2 und 3” auch “unterschiedliche Formen rollierender Systeme in Abhängigkeit der individuellen Bedarfe und Möglichkeiten in den Blick zu nehmen.” Es darf unter Umständen “auch die in vielen Berufskollegs aus der Beschulung von Teilzeitbildungsgängen in Abendform geübte Praxis versetzter Unterrichtszeiten genutzt werden” – allerdings nur wenn die “festgelegten beweglichen Feiertage” beachtet werden.

Die Schulmail-Flut aus dem Ministerium löst weiteren heftigen E-Mail-Verkehr innerhalb der Schulen aus. Dort müssen aus den virtuellen Weisungen real existierende Stundenpläne gemacht werden. Ein kaum lösbares Problem. Nach klärenden Telefonaten mit dem zuständigen Dezernenten schicken Schulleiter lange Mails an ihre Lehrer. Darin wird erklärt, was Ziffer 3.4 der letzten Schulmail zu bedeuten hat und wie das alles mit §46 Abs.4 APO-GOSt in Verbindung steht.

Juristisch vermintes Gelände

Nach der Lektüre vieler Schulmails erhärtet sich mein Verdacht: Die Komplexität unseres Schulsystems verweigert sich jedem klaren Satz. Wer es nicht glaubt, möge einmal aufschreiben, welchen Schulabschluss man in Deutschland nach der 10. Klasse erwirbt. Kommt drauf an wie und wo? Eben.

Ein weiterer Grund für diesen Sprach-Quark liegt darin, dass das Schulsystem in juristisch vermintem Gelände steht. Formulierungen, die nicht alle möglichen Streit- und Zweifelsfälle abdecken, sind gefährlich. Deshalb schreiben Abteilungsleiter in Schulministerien so, als müssten sie Leasingverträge aufsetzen.

Wahrscheinlich ist das alles unvermeidlich. Wir sollten aber unbedingt darauf achten, dass die Mädels und Jungs zu diesen Mails mindestens anderthalb Meter Abstand halten, besser mehr. Die vulnerable Gruppe der Lernenden sollte davor vor geschützt werden. Sonst drohen irreversible Schäden am Sprachgefühl.

Über den Autor

Zwei Politikbetriebe durfte ich schon kennen lernen: den in Berlin und den in Brüssel, jeweils als Korrespondent für das WDR-Radio. Jetzt Düsseldorf. Erste Randbeobachtung: In Düsseldorf haut man sich heftiger. Im parlamentarischen Schlagabtausch werden die Kontrahenten auch gerne mal persönlich. Obwohl sich alle so gut kennen. Oder vielleicht gerade deshalb. Politikbetrieb Nummer Drei scheint spannend zu werden.

3 Kommentare

  1. “eine Schülerin oder ein Schüler”
    Dem der Konstruktion ist sofort klar, es folgt ein abgehobener politischer Text, sonst würde da nämlich einfach “Schüler” stehen.

  2. Guido Bley am

    Das Schulsystem wird mal wieder allein gelassen.
    Wie kann man wieder vom regelbetrieb sprechen – so lange es weder schnelle Tests noch Impfstoff noch Therapie gibt?
    Wer investiert endlich in die Schulen?
    Kleine Gruppen und Hygieneplan – aber keine zusätzlichen Räume, keine Wasch- und WC-Container (hat jede Baustelle!), keine zusätzlichen Räume, NIX.
    Hat man nichts anderes als nutzlose, aber billige “Tablets” zu bieten?
    Wir brauchen WC-Container vor den Schulen, mehr Räume, mehr Platz, Waschgelegenheiten, Zelte. Räume für kleine Gruppen – damit mehr Schüler gleichzeitig unterrichtet werden können.
    Wir brauchen eine landesweite plattform für digitales Lernen – und Endgeräte, Schulungen, Arbeitsplätze zu Hause für die Lehrer.
    Nichts davon wird gemacht.
    nicht einmal jetzt.
    Das ist zu wenig.
    Das ist für einen Industriestaat mit hohen Steuern deutlich zu wenig.
    Das ist peinlich.

    Eltern sind Wähler und Steuerzahler, Betriebe sind wichtig – alles egal?
    Was ist hier eigentlichn los?
    Wer soll denn in der Zukunft die Sozialleistungen und Steuern bezahlen?
    Bildung jetzt. Mehr Aufwand bitte.

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