Wie mächtig Algorithmen sind, fällt uns immer nur dann auf, wenn etwas Ungewöhnliches oder Dramatisches passiert. Oder wenn sich jemand intensiv damit beschäftigt – und intelligent die Ergebnisse in Frage stellt.
Genau das haben am Wochenende einige User getan: Sie haben emsig auf Twitter Fotos verteilt und geschaut, wie die Twitter-Algorithmen damit umgehen. Denn wenn Fotos nicht die perfekten Maße haben – also 16:9 -, werden sie von Twitter-Algorithmen automatisch “bearbeitet”, damit sie in die Timeline passen.
Die Algorithmen schneiden die Fotos dann zu (Fachbegriff: croppen). Nur ein Ausschnitt taucht in der Timeline auf. Aber welcher Ausschnitt soll das sein? Darüber entscheidet der Twitter-Algorithmus. Er legt fest, welcher Teil des hochgeladenen Fotos oder Bildes erst mal zu sehen ist. Erst wenn ein User auf die Preview klickt, erscheint das komplette Bild.
Helle Hautfarbe setzt sich fast immer durch
Dazu haben die forschungshungrigen Probanden Fotos ausgesucht, die – zugegebenermaßen – extrem sind: ungewöhnliche lange Bilder zum Beispiel, 20 Mal länger als breit.
Da hat der Twitter-Algorithmus die Qual der Wahl: Welcher Ausschnitt ist relevant? Um das herauszufinden, haben die Probanden diverse lange Fotostreifen gepostet. Oben ein Gesicht – und unten ein Gesicht. Dazwischen ganz viel Platz.
Doch welches Gesicht wählt Twitter? Immer das obere? Oder immer das untere? Es ist immer ein anderes – und auffällig häufig das Gesicht mit der hellen Hautfarbe.
Sogar bei Comic-Figuren
Ein Fotostreifen etwa mit Ex-Präsident Barack Obama und Republikaner Mitch McConnell hat sehr häufig zur Folge, dass Twitter nur das helle Gesicht zeigt, nicht das von Barack Obama. Egal, ob der oben oder unten zu sehen ist, mit oder ohne Krawatte. Das funktioniert sogar mit Comic-Figuren.
Die einzig schlüssige Erklärung: Die Algorithmen erkennen weiße Gesichter eher als Gesicht als dunkle. Ein typischer Bias: Weil die KI-Systeme mit mehr Fotos von hellen Menschen trainiert wurden/werden, erkennen sie Gesichter von Menschen mit dunkler Hautfarbe schlechter.
Dass so etwas ein Problem ist, ist längst bekannt. Aber dass es selbst bei einem prominenten Dienst wie Twitter derart akut und konkret ist, überrascht dann doch.
Twitter: kein grundsätzliches Problem
Begonnen hat das Experimente mit dem Problem eines Nutzers: Ein dunkelhäutiger Kollege hatte Schwierigkeiten, in einem Zoom-Chat einen beliebigen Hintergrund zu wählen. Als das auf Twitter dokumentiert werden sollte, zeigte Twitter in der Mobilansicht ebenfalls nur den Bildausschnitt mit dem hellen Gesicht.
Twitter selbst hat die Herausforderung immerhin angenommen: Twitter-Pressesprecherin Liz Kelley erklärt, die Entwickler des Netzwerks würden sich das Phänomen genauer anschauen.
Ein grundsätzliches Problem von Rassismus oder Geschlechterungerechtigkeit wollte das Unternehmen nicht einräumen. Es wurden aber weitere Tests und Analysen versprochen, die offen gelegt werden sollen.
Diskriminierende Algorithmen: Hier müssen Entwickler auf jeden Fall ran…
2 Kommentare
Kommentar Funktionen
Vielen herzlichen Dank für diesen tolle und informativen Beitrag von euch! Ich konnte einiges neues für mich mitnehmen und freue mich schon auf die nächsten Beiträge.
Grüße Robert
Wie hoch ist denn der Anteil der schwarzen und weißen gesichter so 49/51 also noch durchaus in irgendeinem Konfidenzintervall oder schon so richtung 60/40?