Hacker-Kongress „rC3“: Der Staat muss umdenken

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Hacker-Kongress „rC3“: Der Staat muss umdenken

Kommentare zum Artikel: 18

In der letzten Woche des Jahres findet traditionell ein Hackerkongress des Chaos Computer Club (CCC) statt – auch in diesem Jahr nur virtuell. Weshalb die Macher auch von rC3 sprechen – ein „remote“-Kongress eben.

Auf der Veranstaltung zeigen technisch interessierte und versierte Menschen oft Dinge, die man gar nicht für möglich hält. Oder es wird über Risiken und Sicherheitslücken diskutiert.

Luca App „technologisch tot“

Ein Thema dieses Jahr: die Luca-App. Man hört eigentlich gar nicht mehr viel von ihr, trotz hoher Inzidenzen. Was aber vor allem daran liegt, dass die Gesundheitsämter kaum noch Daten abfragen. Entwicklerin Bianca Kastl sieht in der Luca-App mittlerweile „kein Potenzial mehr fürs effektive Kontakt-Tracing in der Pandemie“.

Die Lösung sei „technologisch tot“. Mit Iris Connect hat sie, gemeinsam mit anderen Entwicklern, eine alternative Lösung an den Start gebracht. Für die Kontaktverfolgung bei Corona vermutlich zu spät.

Die Luca App: Vorschläge für Verbesserungen; Rechte: WDR/Schieb

Social Scoring: Rückwirkend die Regeln ändern

Auch eine andere öffentliche Anwendung ist Thema auf dem Kongress: das Social Scoring System in China. Damit wird das Verhalten der Bevölkerung im Orwell’schen Ausmaß beobachtet und dann belohnt oder bestraft. Jeder Bürger hat ein Social Score Konto – und vom Kontostand ist es abhängig, ob man einen Kredit oder die Wohnung in schöner Lage bekommt.

Offensichtlich behält es sich die Kommunistische Partei sogar vor, „Dinge sogar retrospektiv anzupassen“, berichtete der Sinologe Kolja Quakernack auf dem rC3-Kongress. Bedeutet: Wenn die Partei es will, kann rückwirkend ein bestimmtes Verhalten belohnt oder bestraft werden. Kaugummi-Kauen?

Heute vielleicht noch erlaubt, morgen aber möglicherweise nicht mehr. Und wer beim Kaugummi-Kauen in der Vergangenheit erwischt wird (obwohl es da noch erlaubt war), wird trotzdem bestraft. Das ist verrückt und machtbesessen – aber auch ein Beispiel, was möglich ist, wenn einem Staat unvorstellbare Datenmengen vorliegen.

Ein Grund mehr, das Social Scoring System in China als mahnendes Beispiel zu sehen.

Sicherheitsexpertin Lilith Wittmann; Rechte: WDR/Schieb

Sicherheitsexpertin Lilith Wittmann wurde angezeigt, weil sie ein Sicherheitsleck in der CDU-Wahlkampf-App entdeckt hat

Staat sollte umdenken bei OpenData

Ein anderer auf dem rC3 eifrig diskutierter Aspekt betrifft die Art und Weise, wie Behörden und Regierung bei uns mit kreativen Köpfen umgehen. Wenn eine Aktivistin wie Lilith Wittmann eine Sicherheitslücke in der Wahlkampf-App der CDU entdeckt, bekommt sie nicht etwa ein respektvolles „Dankeschön!“, sondern eine Anzeige.

Es gibt weitere Beispiele. Etwa wenn Aktivisten versuchen, von der öffentlichen Hand ermittelte Daten besser für die Allgemeinheit verfügbar zu machen. Anstatt solche Projekte zu fördern, gab es in der Vergangenheit allzu oft Gegenwehr.

Es waren auch rund 100 Privatleute, die das Portal bund.dev auf die Beine gestellt haben. Ein Versuch, inoffizielle „Schnittstellen“ von staatlichen Organisationen zu dokumentieren und so allen verfügbar zu machen.

Es liegt im Interesse der Allgemeinheit, wenn öffentliche Daten auch leicht zugänglich sind und verarbeitet werden können. Das sollten die Entscheider bei uns lernen.

Wie viel „Digital“ steckt im Koalitionsvertrag?

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

18 Kommentare

  1. Ich habe diesen Blog immer wirklich gerne gelesen.

    Tolle Themen, guter Schreibstil und insgesamt interessant zu lesen… Dass die Redaktion ihn abgeschaltet hat, ist sehr schade.

    Doch hoffentlich ist Digitalistan bald wieder online.

    • Hallo, liebes Team von Digitalistan!
      Ich lese Euren Blog wirklich gerne, die Thema sind interessant und die Texte informativ. Nur schade, dass Ihr offensichtlich wenig Zeit habt, regelmäßig zu posten. Wäre schön, wenn sich das ändern würde.
      Immerhin haben wir jetzt schon Juli 2022 und Euer letzte Beitrag ist vom 29.12.2021. Das sollt echt noch mehr gehen.
      Aber trotzdem, ein toller Blog, wenn auch etwas stiefmütterlich geführt.
      Beste Grüße

  2. FairBert am

    MIr haben diese Beiträge ebenfalls sehr gut gefallen.
    Möglicherweise kennt Netzpolitik.org die Ursachen, dass es diesen Blog nicht mehr gibt:
    Bereits 2018 gab es einen Beitrag von Leonhard Dobusch :

    „Neues aus dem Fernsehrat (26): Neuer Telemedienauftrag und 8 Gründe für öffentlich-rechtliche Texte im Netz“

    .. der mit dem Fazit endete (Zitat):

    „Kommt es zum öffentlich-rechtlichen Blogsterben?

    Leider standen inhaltliche Argumente in der Auseinandersetzung um die Neuformulierung des Telemedienauftrags nicht im Vordergrund.

    Es ging um einen Machtkampf, in dem sich die privaten Presseverleger letztlich durchgesetzt haben.

    Als nächstes wird es deshalb darum gehen, ob bestehende, eher „textlastige“ Angebote der Öffentlich-rechtlichen im Netz überleben werden. Klar ist, dass Transkripte von Hörfunkinterviews weiterhin erlaubt sein sollen. Weniger klar ist, ob öffentlich-rechtliche Blogs wie Digitalistan vom WDR oder das überaus lesenswerte Altpapier-Blog bestehen bleiben. Auf Letzterem argumentierte Christian Bartels, dass das Altpapier „[i]n seiner extremen Länge und mit der Vielzahl externer Links […] nicht im geringsten ‚presseähnlich’“ sei. Juliane Wiedemeier wiederum zeigte sich jedoch ebendort skeptischer und resümierte die Presseähnlichkeits-Debatte wie folgt:

    Erst wenn der letzte Text bei tagesschau.de verschwunden, Google News vom Netz gegangen und der Fortbestand von bild.de im Grundgesetz verankert ist, werdet ihr merken, dass euer aktuelles Geschäftsmodell echt scheiße ist.

    Dem ist nichts hinzuzufügen.“

    • Jörg Schieb am

      Lieber Simon,

      Leider wird es hier im Digitalistan Blog keine weiteren Einträge geben. Die Redaktion hat den Blog eingestellt.

  3. FairBert am

    Für die Redaktion:

    Warum gibt es keine Beiträge mehr in 2022 ??
    Letzter Beitrag 29.12.2021 !!

    Mfg
    Leser eines sehr guten WDR Blogs

    • Jörg Schieb hat das bereits (4 Kommentare unter Ihrem) am 01.01. beantwortet.
      Hier ist definitiv „Ende Gelände“, „Schicht im Schacht“, „Aus die Maus“ usw. …

  4. Georg Elser am

    Die internationale Hacker-Szene wird sehr stark vom russischen Unterdrücker-Regime rund um Wladimir Putin gesteuert, um den westlichen Demokratien zu schaden.

    Viel wichtiger ist allerdings die Lösung der Ukraine-Krise, die sich äußerst bedrohlich zuspitzt, deswegen empfehle ich der USA und der NATO, dem größenwahnsinnigen russischen Regime um Wladimir Putin JETZT klare Kante zu zeigen, indem die USA und die NATO der Ukraine – im Falle eines erneuten russischen Überfalls – massiven militärischen Beistand zusagen.

    Die bisher angekündigten Sanktionen im Falle eines wiederholten russischen Überfalls auf die Ukraine (Schließung von Nord Stream 2, Ausschluss aus dem internationalen Finanztransaktionssystem Swift, Einreisesperren und das Einfrieren von Vermögenswerten etc.) sind viel zu schwach, um Putin von einem Einmarsch abzuhalten !

    Dem Putin-Regime steht selber das Wasser bis zum Hals – deswegen MÜSSEN die USA und die NATO der Ukraine schnellstmöglich militärischen Beistand zusagen, denn dies ist der einzige Weg, um Russland noch von einem erneuten Überfall auf die Ukraine mit zigtausenden Toten abzuhalten !

    Die bisherige Appeasement-Politik der USA und der NATO gegenüber Russland wird wie 1939 im Falle von Nazi-Deutschland den Aggressor nicht von einem Einmarsch abschrecken und deswegen MUSS SOFORT MIT DER ANKÜNDIGUNG DES MILITÄRISCHEN BEISTANDS DAGEGENGEHALTEN werden, um diesen russischen Irrsinn zu stoppen.

    • Jörg Schieb am

      Hallo Kalli,

      ja, der/das Blog ist ab sofort stillgelegt. Es wird leider keine weiteren Einträge geben. Der Newsroom des WDR (der den Blog verantwortet) setzt andere Schwerpunkte. Vor allem auf aktuelle Themen. Dort werden Digitalthemen weiterhin vorkommen, allerdings nun deutlich seltener und nicht als Blog.

  5. Ein anderes Beispiel, welches sich im politischen aber auch im gesellschaftlichen Bereich gerade erst entwickelt, obwohl der Hintergrund schon mehrere Jahrzehnte alt ist, das digitale Ehrenamt.

    Bis dato gelten, im großen und ganzen, nur soziale Tätigkeiten als Ehrenamtlich und werden von manchen Kommunen unterstützt und anerkannt.

    Das Beitragen zum Gemeinwohl über die aktive Unterstützung von Open-Source-SW, oder auch die Weiterbildung im digitalen Bereich, wird aber eher noch als Kuriosum gesehen.

    Zeit umzudenken, in der Politik, aber auch von uns allen.

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