#allesdichtmachen: Ein eindrucksvolles Beispiel von Erregungsökonomie

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#allesdichtmachen: Ein eindrucksvolles Beispiel von Erregungsökonomie

Kommentare zum Artikel: 14

Die jüngste Kampagne #allesdichtmachen zeigt – wie viele andere in der jüngsten Vergangenheit auch. Wir leben faktisch in einer strikten Erregungsökonomie: Nur was empört, wird gesehen, gehört und gelesen.

Was die sogenannten „Sozialen Netzwerke“ betrifft, ist das freilich längst eine Binsenweisheit. Wir wissen im Grunde, wie Facebook, Youtube, Instagram und Co. funktionieren: Algorithmen machen solche Inhalte aus ökonomischen Gründen sichtbarer und sorgen so für die beschleunigte Verbreitung von Inhalten, die Menschen aufregen oder empören.

Google Trends zeigt: Nicht mal 36h relevant; Rechte: WDR/Schieb

Google Trends zeigt: #allesdichtmachen nicht mal 36h relevant

Wir tappen immer wieder in dieselbe Falle

Die Algorithmen bestimmen die Debatte. Wir wissen es – tappen aber trotzdem allesamt immer wieder in die Falle: Die Community empört sich, wenn uns Facebook, Youtube, Instagram und Twitter etwas wie #allesdichtmachen Videos präsentieren. Die Folge: Likes, Dislikes, Forwards – und emsige Kommentare. Die Algorithmen freut’s. Sie fühlen sich bestätigt – und machen immer weiter so.

Das macht was mit uns allen.  #allesdichtmachen ist wirklich ein Paradebeispiel.

Das fängt schon bei Stunde 0 der Kampagne an. Es wurde kein Bühnenstück überlegt, auch kein Kurzfilm fürs Kino und schon gar einen Text zum Nachlesen – sondern eine möglichst laute Aktion fürs Netz. Kurze Videospots von Promis. Wenige Minuten lang. Leicht zu konsumieren. Leicht zu verdauen.

Und das wichtigste: „Es muss krachen!“, haben sich die Macherinnen und Macher bestimmt gesagt. Aufwühlen. Aufregen.

Sonst kriegt’s ja keine/r mit.

Jan-Josef Liefers im Interview in der Aktuellem Stunde; Rechte: WDR/Schieb

Jan-Josef Liefers im Interview in der Aktuellem Stunde

Die Diktator der Algorithmen

Wir dürfen Kalkül unterstellen bei der Kampagne. Zweifellos haben die Macherinnen und Macher die Wirkung des Netzes aber unterschätzt. Dass es Instagram, Youtube, Twitter und Co. mühelos schaffen, mit der Kampagne innerhalb von 24h nicht nur die Plattformen, sondern sogar die regulären Medien zu beherrschen, haben sie bestimmt nicht erwartet. Vermutlich nicht mal gewollt.

Doch so, wie die Akteure hinter #allesdichtmachen denken wie das Netz, machen es die traditionellen Medien mittlerweile auch. Motto: Was im Netz trendet, das muss wichtig sein. Schließlich sind auch Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender – auch – im Netz präsent und damit Teil des Systems.

Es gibt anscheinend keine „Firewall“ mehr, die dafür sorgt, dass so ein Strohfeuer nicht überspringt – in die regulären Redaktionen. Auch hier herrschen längst die Algorithmen der Erregungsökonomie. Natürlich nicht immer bewusst, nicht ganz so dramatisch und konsequent wie auf den Plattformen. Beherrschend sind diese Mechanismen trotzdem. Wir Journalisten sind deswegen meist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.

Die Diktatur der Algorithmen

Wir brauchen mehr Besonnenheit – eine „Firewall der Vernunft“

Aber wie soll eine vernünftige, sachliche Analyse möglich sein, innerhalb weniger Stunden? In nicht mal einem Tag ist die Aktion gestartet und die Empörungswelle über uns hereingebrochen. Wie ein Tsunami hat sie alles mit sich gerissen, vor allem eine vernünftige Debatte. Nur Mutmaßungen, Geschrei, Empörung. Kaum einer nimmt sich die Zeit zum Nachdenken und Reflektieren. In Zeitungen und auf den Sendern geht es genauso laut und erregt weiter wie im Netz.

Da sehe ich das Problem: Die Macht der Algorithmen. Die Algorithmen diktieren längst nicht „nur“, was wir im Netz zu sehen bekommen, sondern bestimmen den kompletten Diskurs. Unsere Gesellschaft.

Wir sollten das nicht zulassen.

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

14 Kommentare

  1. Georg Elser am

    Die „Querdenker“ wie Michael Ballweg, Ralf Ludwig, Bodo Schiffmann und Co. sind die neuen Arschlöcher – sie protestieren ohne Berührungsängste mit Rechtsradikalen, Rassisten und Gewalttätern gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung.

    Die so genannten Ballwegschen, Ludwigschen und Schiffmannschen Querdenker und ihre Follower sind aber keine Querdenker. Sie behaupten es bloß – ihr egoistischer, selbstherrlicher Antrieb ist im Gegenteil die Gruppenbildung mit ihrer ungesunden, Heimat verheißenden Wärme wie die von Nationalisten, die sich als Retter des Vaterlandes aufspielen.

    Es ist immer dasselbe: Stelle eine populistische, unbeweisbare Behauptung auf (zB das Vaterland ist gefährdet und alle anderen außer uns sind gleichgeschaltet) und inszeniere dich vor diesem Bühnenbild als rettende Totalopposition und zerstöre den Rechtsstaat, die freien Medien und die Demokratie.

    Die Ballwegschen, Ludwigschen und Schiffmannschen Querdenker sind die neuen Arschlöcher. Lasst uns alle diese Demokratiefeinde nachhaltig bekämpfen !

    P.S: : Ist Jan-Josef Liefers ein Querdenker ?

  2. Carsten Mohr am

    Da stimme ich voll und ganz zu.
    „Motto: Was im Netz trendet, das muss wichtig sein. Schließlich sind auch Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender – auch – im Netz präsent und damit Teil des Systems.“. Es ist die nackte Angst der Medien, nicht frühzeitig auf den richtigen Hype gesetzt zu haben. „Frühzeitig“ sind da manchmal nur wenige Stunden mit gemeint.
    Andererseits sind solche Dinge dann aber auch sehr schnell in der breiten Diskussion und man kommt in wenigen Zyklen zu „Ergebnissen“, wenn ich das mal so formulieren darf. Anschließend, man braucht ja erst die Reaktionen, kann man reflektieren und die Dinge ordnen, einsortieren, wie man neuerdings immer so schon sagt.
    Es ist wie mit den …, man(n) kann nicht mit ihnen, aber man(n) kann auch nicht ohne sie.
    Die Wechselwirkungen sind heftiger und schneller, oft auch kurzlebiger. Hier ist Journalismus wichtig. Denn der kann erinnernd auf ähnliche Geschehnisse zurückgreifen oder sie in einem ruhigeren Kontext erneut aufgreifen und erklären oder hinterfragen.
    Ich fand nur sehr traurig, wie sich gerade solche Leute wie Adolf Winkelmann, Regisseur, ein Profiteur unserer Gesellschaft, Professor an der Uni Dortmund, sich derart abfällig über die Schauspieler äußerte. Das ist fast wie die Degradierung zu einem Menschen 3. Klasse. Tut mir Leid, da habe ich kein Verständnis und sehe doch, wessen geistige Kinder diese (Regiseure) sind und wie schnell man als gefeierter Schauspieler vom Thron verstoßen wird. Sehr sehr unschön.

  3. Anfangs kommentierte ich noch irgendwo, irgendwas mit Ratiopharm; empfand die Videos als eher zu lahm. Das sehe ich tatsächlich auch immer noch so. Jetzt sehe ich, dass medial auf die Schauspieler eingedroschen wird und stelle mich – ohne wenn und aber – hinter sie.
    Und das werde ich auch weiterhin tun, bei Jedem, wo der Versuch von anderen unternommen wird ihn mundtot oder konform zu machen!
    Hier werden überall Existenzen zerstört. Nicht nur durch politisch unverhältnismäßige Maßnahmen, sondern auch durch Mobbing, Bashing, Rechtsbeugung und Schuldumkehr.

  4. Satire und Ironie versteht nicht jeder. Muß man auch nicht. Satire und Ironie können alles mögliche. Sollten sie aber nicht immer auch alles tun. Sachlich hinterfragen darf man immer und sollte man auch unbedingt. Ich stelle allerdings in Frage, daß diese teils sehr merkwürdigen „Beiträge“ der Protagonisten die Situation sachlich hinterfragen. Und ob es intelligente Satire oder Ironie ist, wenn ein Darsteller in zwei Plastiktüten hinein atmet, würde ich angesichts von Menschen auf Intensivstationen, die an der Beatmung hängen und um ihr Leben kämpfen, auch in Abrede stellen. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das auf betroffene Angehörige wirkt…
    Unabhängig davon jedoch ist es noch verwerflicher, mit welcher „Härte“ und was für Ausdrücken und Szenarien auf so etwas reagiert wird. Und das ist das weit größere Drama, was Herr Schieb zu Recht hier an den Pranger stellt. Heute darf jeder alles unter dem Deckmantel der „Meinungsfreiheit“, die Rechte der Mitmenschen müssen unter allen Umständen hinten anstehen. Befeuert wird dieses durch den offenbar unbegrenzten Sensationshunger, der eben durch die Art und Weise, wie das Netz in großen Teilen und die meisten sogenannten „sozialen“ Plattformen funktionieren, noch multipliziert wird. Allein aufgrund der Masse schon nicht mehr handhabbar durch lebendige Menschen. Also regiert der Algorithmus. Wobei der auch nicht schlauer ist, als der, der ihn programmiert hat.
    Der gesunde Menschenverstand ist schon ewig auf der roten Liste und der Anstand vor Langem ausgestorben. Wohin uns das führen wird? Die heutige, sogenannte „Zivilisation“ hat sich gar nicht so weit vom Steinzeitmenschen weiter entwickelt. Statt dem Knüppel damals haut man heute halt mit Wortmeldungen dem anderen die Rübe ein. Ich bin mir nicht mal sicher, ob die Steinzeitmenschen damals nicht womöglich deutlich sozialer und kooperativer waren. Denn die wußten, daß sie nur erfolgreich sind und überleben werden, wenn sie zusammenarbeiten…
    Danke, Herr Schieb, daß Sie auch durchaus ihre eigene Zunft nicht nur durch die rosarote Brille betrachten.

  5. Mungo Park am

    Guter Artikel, vielen Dank.

    Wenn ich mir aussuchen könnte, in einer Welt zu leben ohne sogenannte „Soziale Netzwerke“ mit ihren Algorithmen – sofort.

    Wann gibt es endlich eine europäisches Netzwerk für die Selbstdarsteller ohne Werbung, ohne Kommerz und ohne die Vervielfältigung von eigenen Meinungen?

  6. Das Problem war ja nicht die Aktion an sich, sondern die Reaktion darauf, gerade auch der Medien. Schade, dass die Macher:innen nicht die Eier hatten, ihre Videos online zu lassen. Eine Demokratie muss andere Meinungen aushalten können, selbst die von Menschen, die Corona leugnen, was die Schauspieler:innen in den Videos ja noch nicht einmal getan haben. Es ist schade, dass man immer mehr den Eindruck bekommt, dass insbesondere die öffentlich-rechtlichen Medien nur noch eine Sichtweise zulassen. Insofern Daumen hoch für diesen kritischen Beitrag.
    Ich war heute morgen entsetzt, als ich gelesen habe, dass die Höhner ein Mitglied entlassen haben, weil es eine andere Meinung zu Corona vertritt. Ich hoffe, dass derjenige vors Arbeitsgericht zieht.

    • Mungo Park am

      Natürlich darf jeder solchen Zynismus wie dieser Schauspieler Ulrich …. (der mit dem „Knopfladen zumachen“) verbreiten. Wir haben Meinungsfreiheit.

      Die Reaktionen waren halt auch Meinung.
      So gab es Meinung gegen Meinung.
      Wo sehen Sie das Problem?

    • Ich und viele Millionen in diesem Land sind ganz deiner Meinung. Gerade wir Deitschen haben eine Pflicht auf jedwede faschistoide Züge mit Demokratie zu antworten.

  7. „Firewall der Vernunft“? So kann man Zensur auch umschreiben.

    Wir brauchen eine Firewall gegen Hysterie.

    Hier ist nicht der Ort um den ganzen Blödsinn der Corona-Hysterie zu sortieren aber spätestens bei einer Maskenpflicht auf dem Parkplatz wird das jedem deutlich der noch zur kritischen Distanz fähig ist. Es gab auch reichlich Kritik im Bundesrat zur Notbremse, durchgewunken wurde das aber trotzdem.

    Es ist völlig egal welcher Meinung man zu diesem und zu anderen Themen ist aber es etabliert sich immer radikaler das Gegenteil von Meinungsvielfalt. „Wir dürfen Kalkül unterstellen bei der Kampagne“ aber das ist Quatsch. Die 52 Künstler haben einfach nur ihren Eindruck in Form Satire verarbeitet und zusammen ins Netz gestellt. Da gibt es keine „Verschwörung“! Nur wer glaubt Leben zu retten wenn er auf einem Parkplatz eine Maske trägt fühlt sich von Ungläubigen auf den Schlips getreten.

    Die Medien brauchen wieder kritische Distanz zu Themen, keine neuen Filter die in der Filterblase nach Art der Firewall alles rausfiltert was man nicht für vernünftig hält und in einer Zeit der Hysterien würde man dann viel wegfiltern. Die Höhner haben jetzt ihren Gitarristen weggefiltert. Algorithmen sind immer ein Problem und da kommt man nicht raus, egal ob künstliche oder natürliche Intelligenz. Offenheit zu anderen Ansichten und Distanz zum Thema hilft, in der Filterblase entfernt man sich nur immer weiter von der Realität und baut sich seine eigene „Vernunft“.

    • Wieso „Zensur“? Damit ist nicht gemeint, dass irgendwas technisch gefiltert wird, sondern dass wir uns besinnen und nicht jede Erregung gleich durchschlägt-.

      • Anonym Ist Unmodisch am

        Menschliche Filter sind also unproblematisch?
        Ich kenne Ihren Nerdstatus nicht, aber eine gewisse Weltfremdheit gehört schon zur Jobbeschreibung?

        Ist übrigens „Netzkenner“ nicht ein Begriff, gegen den sich jede Selbstachtung sträubt? Wäre 1995 vielleicht zumindest lustig gewesen, heute sorgt das bestenfalls für Erheiterung.

        Ich halte Sie übrigens nicht für den Protagonisten einer Weltverschwörung und bin mir sicher, dass Sie die übliche Menge an guten Ideen haben werden, wenn Sie sie wieder zulassen.
        Vielleicht wird dann auch Radio wieder hörenswert.

        Viel Erfolg!

  8. Ein Beitrag mit deftiger Eigenkritik. Respekt.
     
    Ich fürchte ja, dass das trotz allem nicht besser werden wird. Schon jetzt finden sich in klassischen Zeitungen (und nicht nur da… auch der SWR Marktcheck im TV und ähnliche „Ratgebersendungen“ machen mich irre mit den verbreiteten Halbwahrheiten) immer mehr Beiträge mit Material, das schlecht recherchiert und schnell hingesudelt ausschaut (im Netz ein kleineres Problem, weil’s nach der Erstveröffentlichung problemlos angepasst werden kann… gedruckt eben nicht), das nicht mal rechtschreibgeprüft wurde, und wo man den Sparzwang der Redaktionen bemerkt. Denn um den Leserschwund auszugleichen, setzt man nicht auf interessante Inhalte (damit meine ich Hintergrundgeschichten oder Regionales, und auch neue Regelungen, die ansonsten kaum beachtet werden – aber nicht das ewiggleiche und von der dpa abgeschriebene Politpalaver mit den ewiggleichen A*nasen, und auch keine Sportberichte). Sondern man packt sich ein paar Volontäre oder sonstige junge Redakteure hin, die das mit dem Netz schon machen werden – also sowohl die kurzen, leichtverdaulichen und vor allem reaktionsschnellen Beiträge für den „aktuellstmöglichen“ Webauftritt, als auch Internetinhalte für die gedruckte Form aufzubereiten. Leider lassen sich genau die gerne von solchen Aufschaukelungen fangen, denn wenn man am Anfang nicht dabei ist, hat man womöglich was ganz Großes verpasst.
    Oder halt auch nicht. Wie diesmal anscheinend. Nur, wie will man das in der Entstehungsphase schon unterscheiden können?
     
    Kurze Frage noch zum Anlass: war das jetzt die Aktion, wo sich Freitagabend in den Radionachrichten dann schon Schauspieler von distanzierten? Oder wieder was anderes, was ich nicht mitbekommen habe (und dem ich nicht nachtrauere), weil ich bei keinem dieser www-Bauernfängervereine angemeldet bin und auch sonst informationsmedienseitig alles vermeide, was große (und möglichst noch weiß-auf-schwarze) Schlagzeilen machen will? :D

  9. „Wir Journalisten sind deswegen meist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.“
    WOW! Beide Daumen hoch für diese Einsicht! Im Ernst: Diese Aussage hätte ich hier wirklich nicht erwartet.
    Nicht wenige Ihrer Ihrer Kollegen sehen das freilich (immer noch) gaaanz anders.
    „Besonnenheit“ ist das Stichwort – völlig richtig; auch wenn die Nerven momentan ziemlich überall blank liegen!

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