Bandbreiten reduzieren? – “Purer Aktionismus”

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Bandbreiten reduzieren? – “Purer Aktionismus”

Kommentare zum Artikel: 8

Homeoffice, Video-Konferenzen, Gaming, Streaming – das Internet erlebt zurzeit eine Belastungsprobe in bislang nie dagewesenem Ausmaß. Nicht wenige sorgen sich da um die Stabilität des Netzes.

EU-Kommissar Thierry Breton hat deswegen vor einigen Tage die Streamingdienste ausdrücklich darum gebeten, die Bandbreite zu reduzieren. Sein Argument: Die Infrastruktur sei in Gefahr, da mehr Menschen im Homeoffice seien und vor allem mehr Menschen als jemals zuvor gleichzeitig Streamingdienste nutzten.

Klaus Rodewig warnt vor den wachsenden Herausforderungen; Rechte: WDR/Schieb

Klaus Rodewig: “Die Bandbreite der Streamingdienste zu beschneiden ist purer Aktionismus”

“In der Sache ungerechtfertigt”

Einige Streamingdienste wie Netflix und Sky, aber das Videoportal YouTube haben sich daraufhin bereit erklärt, für 30 Tage in Europa die Bandbreiten zu reduzieren (also faktisch die Bildqualität einzuschränken).

Klingt sinnvoll – aber ist es das auch? Nein, sagt IT-Experte Klaus Rodewig: “Dass die Streamingdienste in Europa ihre Bandbreiten runterfahren, ist purer Aktionismus.” Sein Argument: Das Internet regelt selbst, was geht und was nicht. Wenn es aufgrund von Engpässen zu Schwierigkeiten kommt, merkt das der Sender – und liefert die Daten dann langsamer ab. Egal ob beim Download oder beim Streaming.

In der Tat: Auf dem Handy wird schließlich auch nicht in 4K gestreamt. Weil es in der Regel weder das Display noch die Mobilfunkverbindung hergeben. Netflix und Co. reduzieren von allein das Datentempo – und genauso ist es auch bei Engpässen im Netz.

Cosmotech Podcast Ausgabe 24; Rechte: WDR

Die letzte Meile ist das Problem

Eine grundsätzlich geringere Bandbreite ist daher völlig unnötig. Der “Backbone” der Infrastruktur in Deutschland ist stabil und ausreichend dimensioniert. Auch der Netzwerkknoten DE-CIX kann leicht doppelt so viel vertragen wie zu seinen aktuellen Spitzenzeiten. Telekom und Wettbewerber sind hier gut aufgestellt.

“Grottenschlecht” hingegen sei die “letzte Meile”, meint Rodewig. Also die Verkabelung von den Schaltkästen der Telekom in die Wohnungen und Büros hinein. Das ist bei uns in Deutschland fast immer Kupfer – und damit erheblich limitiert. Die Politik hat den Glasfaser-Ausbau verschlafen.

Das Ergebnis sehen wir zum Beispiel in dieser Untersuchung: Deutschland kommt auf Platz 25 in Sachen Download-Geschwindigkeit. Weit abgeschlagen.

Versagen der Politik: Versprechen nicht gehalten

Denn die letzte Meile ist ein Flaschenhals. Wenn nun Eltern und Kinder gleichzeitig zu Hause sind und alle ins Netz drängeln, dann macht sich das bemerkbar. Das hat sich – trotz wiederholter Versprechungen der Politik – auch nicht wesentlich geändert. Dafür verantwortlich: Bundesverkehrs- und -digitalminister Andreas Scheuer (CSU).

Wir sollten eine Lehre aus der aktuellen Belastungsprobe ziehen: Nach der Krise ist es dringend erforderlich, kräftig zu investieren und den Breitband-Ausbau voranzubringen. Damit Deutschland nicht länger irgendwo im traurigen Mittelfeld dümpelt.

Streamingdienste verursachen eine Menge Datentraffic – sind aber beherrschbar

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

8 Kommentare

  1. Ich stelle mittlerweile auch vermehrt fest, dass die Bandbreite nicht ausreicht Zuhause (Mehrfamilienhaus). Es ist irgendwie auch traurig, dass die Breitbandverbreitung nicht wirklich ausgebaut ist.

  2. Auf den letzten Metern vom Verteilerkasten liegen manchmal so alte Kupfer Leitungen, dass man ein Drosseln vermutlich nicht einmal merken wird.

  3. Sehe Ich anders. Videostreaming von amazon, netflix und Co. ist vollkommen unwichtig!
    Das braucht kein normaler Mensch! Man sollte die Nutzung von DSL auch hier wie beim mobilen Internet über den Preis regeln, dann überlegen sich die Konsumenten, ob sie diese überflüssigen streaming Portale nutzen!

    • Damit solche Diskussionen nicht entstehen, wer was wichtig findet und was nicht, gibt es das Prinzip der “Netzneutralität”. Denn anderenfalls würde alles extra bepreist, da können Sie sicher sein.

  4. DasHeimnetzwerkDe am

    Es liest sich so schön plakativ “Kupfer vs. Glasfaser”. Unbestritten Glasfaser bietet das größte Potential, doch am Ende kommt es auf die Datenraten Downlink und Uplink an, dazu Packet-Loss und die Latenz. Und es gibt weitere wichtige Kriterien.
    Im Prinzip ist am wichtigsten, dass der Endkunde für seine Anwendungen zufriedenstellende Leistungen erhält.
    Hierfür verantwortlich ist dann nicht nur die letzte Meile oder der DE-CIX, sondern auch die Auslegung des ganzen Netzes des Internetanbieters.
    500Mbit/s im Downlink stark, doch es kann vorkommen das bei Überbuchung nur bei jedem hundert ankommen. Home-Office da wird die Uplink-Datenrate wichtig, hier” tröpfelt” es oft nur und das auch bei Glasfaser-Tarifen. Man möchte selbstbestimmt eigene Anwendungen am Internet anbinden, da wird einem DS-Lite vor die Nase gesetzt.
    Und dann hat man eine wirklich gute Internetanbindung und es wird bedenkenlos vom Endkunden WLAN und PowerLine eingesetzt und schon hat es sich mit den schönen Datenraten.
    Keine Frage die Netze müssen ausgebaut werden, wer derzeitig noch mit 2 bis 16Mbit/s surft, empfindet Aussagen wie oben als Luxus. Es muss aber auch ein wenig Bildung her, damit das Übertragungsmedium und die Downlink-Datenrate der letzten Meile nicht als alleinige Qualitätskriterien für ein gutes Netz verstanden werden, denn sie sind es nicht.

  5. Na, immerhin ist dieser “pure Aktionismus” offensichtlich gut für’s Klima:
    “… Den Ergebnissen von Shift Org zufolge entfallen 80 Prozent des weltweiten Datenverkehrs auf Videos und 60 Prozent allein auf On-Demand-Streaming, das die Autoren in vier Bereiche aufteilen: Video-on-Demand wie Netflix und Amazon Prime (34 Prozent), Online-P*rnographie wie P*rnhub und Youp*rn (27 Prozent), Videoplattformen wie Youtube (21 Prozent) und andere Dienste wie Facebook oder TikTok (18 Prozent). Allein Netflix & Co. sind demnach für ungefähr so viel CO2-Ausstoß verantwortlich wie Belgien, Online-P*rnos liegen gleichauf mit Ländern wie Rumänien. Insgesamt liegt Online-Streaming auf dem Niveau von Spanien. Weil Online-Traffic für mehr als die Hälfte des CO2-Fußabdrucks der digitalen Technik verantwortlich ist und Videos für 80 Prozent davon, müsse man hier ansetzen, um den Ressourcenverbrauch einzuschränken. ….”.
    Fraglich, ob Videos und On-Demand-Streaming für Deutschland tatsächlich sooo systemrelevant, also das Hauptargument, sind, um den Breitbandausbau forcieren zu müssen!?
    source: heise . de/-4469108

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