Das Internet muss grüner werden

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Das Internet muss grüner werden

Kommentare zum Artikel: 11

Der neue Bundestag ist gewählt, auch wenn die neue Regierung noch nicht steht. Ein Ziel streben aber fast alle Parteien an: Klimaschutz und Energiewende. Und das bedeutet nicht nur den Einsatz von mehr regenerativen Energien, sondern auch – wo immer möglich – erkennbar Energie einzusparen.

Rechenzentren in kalten Gegenden ersparen die Klimaanlage; Rechte: WDR/Schieb

Rechenzentren in kalten Gegenden ersparen die Klimaanlage

Vor allem die Kühlung ist energiehungrig

Im Wahlkampf wurde zwar nicht darüber gesprochen, aber das Internet spielt dabei eine wesentliche Rolle. Denn das Internet ist extrem energiehungrig: Die unzähligen für den Betrieb des Internets erforderlichen Rechenzentren verbrauchen sehr viel Energie – vor allem für die Kühlung.

Wäre das Internet ein Land, es wäre der sechstgrößte Stromverbraucher auf unserem Planeten. Tendenz: Steigend. Allein auf das Video-Streaming entfallen 80%.

Aktuell liegt der jährliche Stromverbrauch für die Nutzung digitaler Dienste bei knapp einem Prozent vom weltweiten Energiebedarf (21.000 TWh) aus. Bis 2030 sollen allerdings bereits 13 Prozent des gesamten Strombedarfs auf das Konto von Server und Rechenzentren gehen. Somit verursachen Web, Apps und vor allem das Streamen von Filmen und Serien schon bald eine ebenso hohe CO2-Belastung wie der gesamte weltweite Flugverkehr, schätzt das Borderstep Institut.

Das zeigt die Dringlichkeit für Interventionen.

Die Abwärme von Rechenzentren zum Heißen benutzen; Rechte: WDR/Schieb

Die Abwärme von Rechenzentren zum Heizen benutzen

23 Bäume pro Sekunde pflanzen, um Google auszugleichen

Laut Google benötigt eine einzelne Google-Suchanfrage etwa 0,003 kWh – genug Energie, um eine 60-Watt-Birne 17 Sekunden zum Leuchten zu bringen. Google beantwortet 65.000 Suchanfragen pro Sekunde. Das sind ganz schön viele hell leuchtende Glühbirnen. Klimaforscher aus Frankreich haben ausgerechnet: Wir müssten 23 Bäume pro Sekunde pflanzen, um den weltweit durch Google-Anfragen erzeugten Klimaschaden auszugleichen. Fast zwei Millionen Bäume pro Tag.

Rechenzentren in kühlen Gegenden

Es gibt unterschiedlichste Konzepte, um den Energiehunger zu drosseln. Eins ist: Rechenzentren in kalte Gegenden bauen, etwa in Skandinavien oder Island. Dort ist es die meiste Zeit im Jahr kalt. Energiehungrige Kühlung ist hier nicht notwendig: Einfach die kühlende Luft aus der Umgebung ziehen.

Microsoft wiederum experimentiert mit Wasserkühlung: Der Konzern hat testweise ein Rechenzentrum vor der Küste Schottlands im Meer versenkt. Auch auf diese Weise lässt sich eine Menge Energie einsparen.

Oder die entstehende Abwärme wird für gute Zwecke genutzt: Etwa zum Aufwärmen von Wasser oder Wohnungen.

Eine andere Idee kommt aus Dresden: Die Cloud nicht mehr so verstehen, dass alle Server eines Rechenzentrums an einer Stelle stehen, sondern verteilt. In jedem Mehrfamilien-Haus ein Server im Keller. Und die Abwärme wird für Heizung und Warmwasser genutzt, dort, wo die Wärme anfällt.

Mit Servern im Keller das Haus heizen

Statt wie üblich mit Luft kühlen die Forscher die Server mit Wasser, das man anschließend zum Heizen verwenden konnte. Als sie sahen, dass es funktionierte, gründeten sie Cloud&Heat. Sie wollen Wohnhäuser mit ihren Servern ausstatten und als Cloud-Speicher vermieten, so die Idee.

Es gibt also gute Ideen und Konzepte. Die sollte eine künftige Bundesregierung unbedingt von Beginn an fördern. Denn wer Digitalisierung will, muss sich auch um die Klimafreundlichkeit kümmern.

Das Internet verbraucht viel Energie – und davon immer mehr

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

11 Kommentare

  1. Wenn der Golfstrom abreißt, ist die Kellerwohnung nicht unbedingt die bessere Wahl. Bei Hochwasser kann der Keller zur Todesfalle werden, ob mit oder ohne Bett. Hier in NRW hat man seit diesem Sommer incl. Hochwasser genug Erfahrung gesammelt.

  2. Ich brauche für meine paar Daten keinen Server, da reicht eine Festplatte. Mit wenig Abwärme. Während der nächsten Hitzewelle gehe ich dann in den kühlsten Raum im Haus; in den Keller. Da kann ich bei Stromausfall notfalls auch ein Bett aufstellen. Mögen andere ihren Server mit einer extra zu installierenden Klimaanlage schützen und irgendwelche Steuern oder Abgaben für eventuelle Einnahmen aus dem Betrieb des Servers zahlen. Und wenn es wirklich dauerhaft ungemütlich wird, weil der Golfstrom abreißt, ist die Kellerwohnung vielleicht sogar die bessere Wahl. Auch die Hobbits haben schließlich in Erdhöhlen gelebt. Früher nannte man das auch Souterrain.

  3. Andrew Manner am

    Es hilft nur ein klimagerechter Preis für den Energieverbrauch und hier speziell die streaming-Kosten:
    Der Verbraucher muß die wahren klimagerechten Kosten für seinen Verbrauch, sei es eine Kaffee-Kreuzfahrt, ein Wochenende auf Mallorca (mit einem Billigflieger für’n Fünfer )oder eine netflix Serie, mit den wahren Kosten bezahlen.
    Ohne Billigflieger- oder Cruiser Angebote oder billiges netflix Abo!
    Dann würde vllt. endlich hier Konsumverzicht eintreten!
    Denn die Lösung des Verzichts haben die wenigsten Politiker und Verrbraucher auf der Rechnung…

  4. Johann Moritz am

    „In jedem Mehrfamilien-Haus ein Server im Keller. Und die Abwärme wird für Heizung und Warmwasser genutzt, dort, wo die Wärme anfällt.“ Ich finde die Idee nicht schlecht. Zumal sie möglicherweise dazu führt, daß diese Server – und damit die Häuser und Wohnungen – auch eine halbwegs schnelle Internetanbindung bekommen. Daran würde die Idee derzeit vermutlich am ehesten scheitern.

    • Und dazu noch auf jedem Haus ein Windrädchen für die Server und die E-Auto-Ladestationen. Perpetuum Mobile. Dann wäre die grüne Wende perfekt. :)

  5. Carsten Mohr am

    „Mit Servern im Keller das Haus heizen“
    Hatten wir schon, ist Pleite gegangen. Nicht wegen mangelnder Subvention…ich meinte Förderung.
    Wir wollen die Digitalisierung, aber ohne den Nebenwirkungen. Wasch mich, aber mach mich nicht naß. Funktioniert nicht.

  6. Das Internet ist allerdings auch dafür verantwortlich, dass viel Energie und vor allem viele Ressourcen gespart werden. Wer in der Cloud seine Daten ablegt, anstatt auf Papier in einem Ordner, leistet bereits einen wertvollen Beitrag.

  7. Rechenzentren in kalten Gegenden ersparen die Klimaanlage … aber erhöhen Drastisch die Laufzeit zum Nutzer.
    Dennoch sind hier ein paar Interessante Ideen bei die möglicherweise in Zukunft verwendet werden können.

  8. Ich vermisse einen Appell an die Eigenverantwortung zum Energiesparen. Welche Privatperson muss denn tatsächlich, mit welchen Geräten auch immer, 24/7 online sein? Oder nehmen Sie das einfach schon als gegeben hin, d.h. Resignation vor der ggf. eigenen und gesamtmenschlichen Unzulänglichkeit? ;-)

    • Johann Moritz am

      Tagsüber im Homeoffice arbeiten, nachts Backups in die Cloud, radiohören, fernsehen, daddeln, Nachrichten lesen, kommunizieren…

      Als aus medizinischen Gründen Ungeimpfter darf ich ja sowieso nirgendwo mehr hin im richtigen Leben.

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