Dorothee Bär will definitiv keine Klarnamenpflicht

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Dorothee Bär will definitiv keine Klarnamenpflicht

Kommentare zum Artikel: 7

Von einer angenehmen Gesprächskultur kann “im Netz” nur selten die Rede sein. Soziale Netzwerke fördern bekanntlich Erregung – und das funktioniert hervorragend. Viele User empören sich bis zum Äußersten.

Nicht wenige lassen jeden Anstand vermissen. Sie pöbeln, beleidigen, hetzen oder drohen – in machen Fälle mit dem Tode. Eine bedrückende Verrohung. Natürlich nicht nur im Netz, aber hier wird Hetze sichtbar.

Manche halten die vermeintliche Anonymität im Netz für die Ursache. Oder zumindest für einen Brandbeschleuniger. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hat deshalb vor einigen Tagen erneut eine Klarnamenpflicht gefordert.

Die Hoffnung: Wenn alle sich mit Klarnamen im Netz bewegen, steigt die Hemmung, sich unflätig oder strafrechtlich relevant im Netz zu äußern. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ist ähnlicher Ansicht.

Studie belegt: Anonyme User diskutieren weniger aggressiv

Viele halten diese Forderung für “Irrsinn” oder “weltfremd”. Das ist zwar eine Meinung, aber noch kein Argument. Ich gebe zu: Auch ich würde annehmen, dass mehr Anstand einzieht, wenn jeder Name bekannt und/oder für jeden sichtbar ist.

Eine Studie der Universität Zürich belegt genau das Gegenteil: Anonyme User kommentieren weniger aggressiv als User mit Klarnamen.

Das einzige Argument, das für eine Klarnamenpflicht spricht, scheint also – wissenschaftlich gesehen – ein Trugschluss zu sein. Ich habe deshalb mit Dorothee Bär (CSU) gesprochen, der Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt. Ihre Haltung ist eindeutig:

Ich halte 0,0 von der Klarnamenpflicht. Aus ganz verschiedenen Gründen. Ich kann verstehen, dass man die Hoffnung hat, so wie Sie es formuliert haben, dass es sich dadurch bessert. Ich persönlich sage aber: Allein mir fehlt der Glaube. Natürlich wäre es wünschenswert zu sagen: Lasst es uns doch einfach mal verbieten, diese Pseudonyme und dann wird alles gut. Dann wird eben nicht alles gut.

Dorothee Bär.

Staatsministerin Dorothee Bär im Interview: “Ich halte 0,0 von Klarnamenpflicht”

Klarnamen: Keine echten Vorteile, aber viele Nachteile

Also: Glasklar eine andere Haltung als Wolfgang Schäuble – und übrigens auch als Annegret Kramp-Karrenbauer. Auch sie würde lieber eine Klarnamenpflicht oder etwas Vergleichbares einführen.

Dorothee Bär ist der Überzeugung, dass eine Klarnamenpflicht das Problem nicht löst. Denn heute schon begehen viele Straftaten im Netz unter Klarnamen. Und deutsche Täter zu ermitteln ist auch möglich, wenn keine Klarnamen verwendet werden.

Die Nachteile einer Klarnamenpflicht wären ungleich größer als die möglichen Vorteile. Abgesehen davon ist fraglich, wie sich das überhaupt durchsetzen ließe, wenn man kein komplettes Überwachungs-Internet will.

Daher gibt’s derzeit nur eins: Alles melden und anzeigen, was einem auffällt. Und die Politik muss Behörden und Justiz besser dafür ausstatten. Viel besser!

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

7 Kommentare

  1. Ich halte es für völlig verantwortungslos, Leute zu drängen den echten Namen zu nennen. Das kann den Job kosten, die Verlängerung einer Befristung oder zumindest die nächste Beförderung, wenn der FDP-Arbeitgeber seine Leute bei linken Kommentaren wiedererkennt. Ob das bewusst oder unbewusst passiert spielt für das Ergebnis keine Rolle. Auch in der Nachbarschaft kann das die Beziehungen vergiften.
    Es nutzt auch wenig „den Leuten aufs Maul zu schauen“, wenn mögliche Konsequenzen im Hinterkopf sind. Spätestens in der Wahlkabine ist man anonym.
    Die permanente Drohung mit dem Staatsanwalt ist auch nicht hilfreich. Fast jeder hat sich schon mal im Ton vergriffen und so viel Personal kann die Justiz nicht einstellen. „Alles melden und anzeigen, was einem auffällt“ erinnert mich an Typen die gerne Falschparker anschwärzen; ich kannte welche in der Realität, nicht nur bei Udo Jürgens im „ehrenwerten Haus“.

  2. OFF_LEINER am

    Ich finde, die Situation ist vergleichbar mit den auf Gehwegen eingetretenen:
    Dort begehen asoziale illegal gehwegradelnde Flegelinnen und Flegel jährlich hunderte, wenn nicht tausende gefährliche Körperverletzungen, Nötigungen und Beleidigungen an dort legal zu Fuß gehenden Menschen und können dafür nur deshalb nicht belangt werden, weil Fahrräder keine amtlichen Kennzeichen haben und die asozialen Täter*innen daher nicht belangt werden können – was diese sehr genau wissen und sich deshalb noch mehr benehmen “wie Hund hinten”, weswegen ja zunehmend eine Kennzeichenpflicht für Fahrräder gefordert wird – m.E. zu Recht.
    Deswegen: Wenn es schon nicht Klarnamen sein sollen, so doch wenigstens etwas, das im digitalen Raum mit Autokennzeichen vergleichbar ist und möglich macht, daß Stalker*innen und anderer Täter*innen dingfest gemacht werden können.
    Andererseits läßt sich natürlich auch fragen, warum um alles in der Welt so viele Menschen meinen, unbedingt in den asozialen Medien vertreten sein zu müssen, obwohl doch allgemein bekannt sein sollte, wie es dort zugeht.
    Mit Menschen kommunizieren kann man sehr gut und m.E. sogar besser und menschlicher außerhalb der asozialen Netzwerke – nur leider ist halt mittlerweile das Gros der Nutzer*innen, die in Wahrheit BENUTZTE sind, so suchtkrank, daß sie die asozialen Medien nicht mehr verlassen KÖNNEN:
    Hier fehlen sowohl Ausstiegshilfen als auch eine Suchtprävention:
    Wieso gibt es so etwas bei Heroin, Nikotin und Alkohol, nicht aber bei der schlimmsten stoffungebundenen Sucht, der Smartphone- und Onlinesucht…?

  3. Carsten Mohr am

    Was wäre, wenn man garkeine Namen verwenden würde? Denn bei manchem Pseudonym ist der Name Programm. Außerdem würde man so niemandem über Webportale hinweg folgen können. Die reine Aussage und nichts als die Aussage. Dazu eine eindeutige ID (UID) und bei strafrechtlich relevanten Angelegenheiten jederzeit identifizierbar.

  4. Was bei der Diskussion immer wieder zu kurz kommt, sind die Nachteile die entstehen wenn mit Klarnamen agiert wird. Ist der Staat, die Gesellschaft, in der Lage dann Minderheiten zu schützen welche sich äußern. Wohl eher nicht.

    Kritik auch berechtigte Kritik wird seltener geäußert, aus Angst vor z.B. sozialen Konsequenzen. Meinungen welche nicht dem “Mainstream” angehören werden seltener geäußert. Ist der Staat, die Gesellschaft, in der Lage Diskriminierung, Ausgrenzung diesbezüglich zu verhindern. Wohl eher nicht.

    Das Leute die Meinungsführer, Meinungsbildend sind, welche Einfluss haben und gut vernetzt sind, deren Beruf es im Prinzip sogar ist Meinungen persönlich zu vertreten, recht sorglos Klarnamen fordern kann ich allerdings verstehen.

  5. Ich fürchte, eine Klarnamenpflicht würde dafür sorgen, dass viele sich nicht mehr trauen, ihre Meinung zu sagen, aus Angst, dass die Hetzer sie finden können. Die Klarnamenpflicht gilt ja nicht nur für Hetzer und Gewalttätige, sondern auch für jeden, der einfach nur seine Meinung sagt und anschließend beleidigt und bedroht wird. Wir furchtbar, wenn dann jeder Aggressor in der Lage wäre, denjenigen aufzuspüren, der eine andere Meinung hat.

  6. “Daher gibt’s derzeit nur eins: Alles melden und anzeigen, was einem auffällt.”
    Steile These! Schafft m. E. eher ein kulturelles Klima des gegenseitigen Misstrauens und erinnert mich an gesellschaftliche Stimmungsgemenge bzw. Ängste, wie man sie aus unseren schlimmsten Zeiten unter NS- bzw. MfS-Beteiligung kennt . Ob das tatsächlich förderlich ist, eine ohnehin schon tief gespaltene Gesellschaft wieder zu einen, wage ich zu bezweifeln. Und wenn alles gemeldet und angezeigt wird, was irgendwem irgendwie auffällt oder (je nach Sichtweise) unangenehm erscheint, dann dürfte der Rechtsstaat, untergehend in einer Flut von Internet-Strafanzeigen, alsbald die weiße Fahne hissen. Irgendjemand könnte z. B. als “Jörg Schieb” in den Tiefen des Inter- und/oder Darknets sein fakendes Unwesen treiben und bis Sie das merken und ggf. zur Anzeige bringen, ist Ihr Ruf längst ruiniert und Sie brauchen längere, nervenaufreibende Zeit, um Ihre Reputation wiederherzustellen oder Sie verzweifeln (vgl. z. B. Herrn Gutjahr). Den oder die Täter, die Sie zerstören woll(t)en, bekommen Sie vermutlich doch niemals vor’s Gericht gezerrt.
    Ganz ehrlich: das Thema hat sich schon derart bösartig verselbständigt, dass, wenn man es denn noch wirklich und in letzter Konsequenz in den Griff bekommen wollte, nur eine finale Abschaltung sämtlicher Kommentarfunktionen in sämtlichen, sozialen Netzwerken, Gästebüchern usw. in Frage kommt. Und wer will das schon? ;)

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