Gesundheits-Apps auf Rezept für den gläsernen Patienten

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Gesundheits-Apps auf Rezept für den gläsernen Patienten

Kommentare zum Artikel: 6

Gesundheitsminister Jens Spahn macht mächtig Druck. Er will die elektronische Patientenakte im Gesundheitswesen in eineinhalb Jahren durchgesetzt haben. Weil der Widerstand in der Ärzteschaft aber groß ist und auch Computerwissenschaftler vor erheblichen Sicherheitslücken warnen, sollen Patienten und digitalaffine Ärzte jetzt mit Gesundheits-Apps gelockt werden.
Blitzschnell wurde deshalb in das von Spahn eingebrachte Digitalisierungsgesetz, noch ein Passus über Gesundheits-Apps auf Rezept eingefügt. Neben Regelungen zur Telemedizin und Videosprechstunden sowie zur elektronischen Patientenakte, bilden die Gesundheits-Apps jetzt den dritten großen Themenschwerpunkt in der Gesetzesvorlage.
Künftig sollen Ärzte Apps verschreiben können, die zum Beispiel den Patienten daran erinnern, dass er jetzt ein Medikament einnehmen muss. Ein Diabetiker-Tagebuch etwa soll die Blutzuckerwerte dauerhaft digital dokumentieren. Die Miktions-App verzeichnet etwa den täglichen Urinverlust von Patienten mit Blasenschwäche.

Gesundheits-Apps als Köder

Über die Sinnhaftigkeit solcher Apps lässt sich streiten. Entscheiden soll darüber das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte. Dort müssen die Gesundheits-Apps nämlich zugelassen werden. Das letzte Wort über die Lieferung einer bestimmten App auf Rezept dürfte der Gemeinsame Bundesausschuss, also das Selbstveraltungsgremium der Krankenkassen haben.
Im Mittelpunkt der Digitalisierungsstrategie von Jens Spahn steht allerdings eine andere App, nämlich eine App zur Verwaltung der elektronischen Patientenakte auf dem Smartphone. Die elektronische Patientenakte soll ab Januar 2021 verpflichtend eingeführt werden.

Laborbefunde, ärztliche Diagnosen und Behandlungsdaten sollen alle Ärzte, Physiotherapeuten, Apotheker, also alle sogenannten Leistungserbringer im Gesundheitswesen, in die digitale Patientenakte eintragen. Natürlich sollen dort auch die Daten gespeichert werden, die die per Rezept verordneten Gesundheits-Apps erzeugen, also Diabetiker-Tagebuch, Miktions-Protokoll bei Blasenschwäche oder die Dokumentation der Medikamenteneinnahme.

https://youtube.com/watch?v=nhS-Z1Uxy6Q

Sicherheitsprobleme völlig ungelöst

Doch viele Ärzte finden das Vorgehen von Gesundheitsminister Spahn überstürzt. Sie wollen zunächst die noch völlig offenen Sicherheitsfragen geklärt haben. Denn insbesondere bei den Smartphone-Betriebssystemen lauern zahlreiche Sicherheitslücken. An die Daten der Gesundheits-Apps auf Smartphones kommt eigentlich jeder, der sich mit Betriebssystemen ein bisschen auskennt.
Das hat im September 2018 die Vivy-App deutlich gezeigt. Mit dieser App sollen Patienten ihre digitale Krankenakte per Smartphone verwalten. Die Sicherheitsfirma Modzero hat gleich mehrere Sicherheitslücken beim Übertragen von medizinischen Dokumenten aufgedeckt.
Die Computerwissenschaftler sind sich da auch einig: Mit Smartphone-Apps dürfen keine sensiblen Daten verwaltet werden. Jens Spahn will darauf nicht hören und die Patienten mit zusätzlichen Gesundheits-Apps auf Rezept ködern.
Ob die Patienten da mitmachen, ist fraglich. Denn zur Einführung der elektronischen Patientenakte, die sie dann mit ihrem Smartphone verwalten sollen, können sie nicht einmal festlegen, wer auf welche Daten zugreifen darf.

Über den Autor

Peter Welchering arbeit seit 1983 für Radio, Fernsehen und Print (u.a. Deutschlandradio, ZDF, verschiedene ARD-Sender, FAZ) und hat verschiedene Lehraufträge an Journalistenschulen in Deutschland und anderen Ländern. Online ist Welchering seit 1983.

6 Kommentare

  1. Feminist (m!) am

    Sehr geehrter Herr Welchering:
    Kommen Frauen in Ihrem Denken überhaupt vor?
    Nach Ihrer Sprache zu urteilen, offenbar nicht:
    Da gibt es ausschließlich “den Patienten”, “den Arzt”, “Diabetiker”, “Physiotherapeuten, Apotheker”, “Computerwissenschaftler” usw. – also AUSSCHLIESSLICH MÄNNER.
    Darf ich Sie freundlich darauf aufmerksam machen, daß es mindestens zur Hälfte Patientinnen, Ärztinnen, Diabetikerinnen, Physiotherapeutinnen, Apothekerinnen und “Computerwissenschaftlerinnen gibt?
    Und daß das daran liegt, daß mehr als die Hälfte der deutschen, der europäischen und der Weltbevölkerung WEIBLICH ist?
    Und daß das Geschlecht Bestandteil der Identität eines Menschen ist?
    Und daß demzufolge ALLE Menschen beanspruchen dürfen, auch sprachlich vorzukommen?
    Und, bevor dieses sexistische Scheinargument wieder vorgebracht wird:
    Nein, es gibt kein “generisches Maskulinum”, und Frauen sind NiCHT “mitgemeint”.
    Machen Sie die Probe aufs Exempel und stellen Sie sich vor, es würde ab sofort nur die weibliche Form verwendet und Sie, HERR Welchering, wären mit den Begriffen “Bloggerin”, “Bürgerin”, “Wählerin”, “Patientin” “mitgemeint”: Würde Ihnen das reichen, nur “mitgemeint” zu sein? Oder würden Sie nicht lieber GEMEINT sein? Na, sehen Sie…

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    • Wie hat sich eigentlich diese Spam-Werbung reingemogelt?
      Hier bewirkt das nicht mehr als ein Grinsen aber wenn sich jemand in eine Gesundheits-App “mogelt”, fehlt mir dann doch der Humor.

  3. Es dürfen alle entspannt bleiben. Die elektronische Gesundheitsakte hat eine ebenso lange Geschichte wie der Berliner Flughafen hinter sich und dürfte eben so lange noch dauern ;-).
    Das finde ich eher traurig, denn das Potential zum positiven hätte das Ganze. Und rein aus Güterabwägung ist es mir lieber das der Arzt meine Krankheitsgeschichte kennt und mich effektiv behandeln kann, als die Risiken durch evtl. Nachteile weil Daten aus meiner Krankenakte abgeflossen sind.

  4. Das erinnert mich daran bei einer Bank das Anlagekonto zu kündigen weil die mich zum Online-Banking zwingen will.

    Ich könnte einer Krankenkasse kündigen, wenn die zu viel über das WWW schicken wollen. Die haben aber akzeptiert, dass ich denen schlicht weg meine Email nicht verrate und daher gibt es für mich keinen Handlungsbedarf. Nebenbei, ich verrate auch hier meine Email nicht; der Eintrag unten ist falsch und wenn es zur Prüfung käme würde ich Digitalistan kündigen.

    Dem Gesundheitssystem in Deutschland als Ganzes kann ich schlecht kündigen. Ich kann aber der Partei bei der Wahl „kündigen“, die meine Daten für den weltweiten Zugriff im Netz bereitstellen wollen; zugegeben, da gibt es noch andere gewichtigere Gründe aber das Vorhaben von Spahn zählt als weiterer Minuspunkt.

    „Sicherheitsprobleme völlig ungelöst“ steht oben aber selbst wenn da irgendwas zur Beruhigung stehen würde, das ändert nichts. Snoden hat gezeigt, dass man auch Gigabytes aus einem Geheimdienst holen kann und wenn bei den Panana Papers nicht mal die Geheimnisse der Steuerhinterzieher sicher sind, dann kommen doch grundsätzliche Zweifel auf.

    • Off_Leiner am

      Volle Zustimmung!
      Der immer raumgreifendere Digitalwahn erinnert mich an die Geschichte des Erfinders des Reißverschlusses, der letztendlich in der Irrenanstalt landete, weil er schließlich ALLES, also wirklich ALLES, sprich: die ganze Welt und alle Gegenstände und Wesen in ihr, mit Reißverschlüssen versehen wollte….
      Eine Verbringung der heutigen Digitalwahnsinnigen in eine Irrenanstalt würde freilich leider daran scheitern, daß die sog. “Verantwortlichen”, die dafür sorgen könnten, ihrerseits dem Digitalwahn inklusive Smartphonesucht verfallen sind….
      Deswegen bleibt uns weniger Werdenden, die noch klar denken können, nur dies:
      ABSTINENZ UND BOYKOTT!!!

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