Neues Geschäftsmodell: Wenn Autos zu Datenkraken werden

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Neues Geschäftsmodell: Wenn Autos zu Datenkraken werden

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Der kalifornische Autobauer Tesla hat am Freitag den Big Brother Award als “Datenkrake auf vier Rädern” bekommen. Auch das ARD-Magazin “Kontraste” hat sich intensiver angeschaut, welche Daten in einem ein modernen Elektrofahrzeug von Tesla so anfallen.

Die ungenierte Datensammelwut von Autoherstellern wie Tesla gerät in den Fokus und in die Kritik. Völlig zu Recht: Denn wer möchte schon, dass das eigene Auto – komplett durchdigitalisiert – Persönlichkeitsprofile wie Alexa erstellt und die Daten ungefragt weitergibt?

Genau das steht aber zu befürchten. Ein Tesla-Fahrzeug bekommt alles mit: Ob wir zu schnell fahren, ob wir hektisch bremsen oder gerne mit offenem Fenster durch die Innenstadt cruisen. Ob wir artig blinken und sowieso, wo wir immer wieder hinfahren (das wissen mittlerweile selbst Google, Apple, Facebook und Co. – dank Smartphone in der Tasche).

Bis zu acht Kameras beobachten das Geschehen rund im das Auto; Rechte: WDR/Schieb

Bis zu acht Kameras beobachten das Geschehen rund im das Auto

Datennutzung wird Geschäftsmodell der Autobauer

Nur wenige Autolenker machen sich darüber Gedanken. Aber das ist ein Fehler. Der Datenschutzbeauftragte des Landes Baden-Württemberg Stefan Brink sagt: Für die Autohersteller ist die Datennutzung “das zweite große Geschäftsmodell geworden”. Eine klare Ansage.

Denn natürlich lassen sich Mobilitätsdaten vergolden: Wo geht jemand gerne essen, wo einkaufen, wie ist das Freizeitverhalten? Dynamische Fahrer/innen bekommen möglicherweise ungünstigere Vertragskonditionen als konservative Chauffeure.

Diese Daten gehören uns!

Die Liste der Möglichkeiten ist unendlich – und ist den Autoherstellern voll bewusst. Einem wie Elon Musk, der grundsätzlich um die Ecke denkt und gerne alles auf den Kopf stellt, ist zweifellos zuzutrauen, mächtig Kapital aus unseren Daten zu schlagen.

Richtig: Aus unseren Daten. Sie gehören uns. Auch, wenn Tesla oder andere Autobauer diese Daten zunehmend erheben und zweifellos auch auswerten.

Im Zentrum jedes Tesla-Wagens: das Dashboard; Rechte: WDR/Schieg

Im Zentrum jedes Tesla-Wagens: das Dashboard

Was Tesla macht, machen die anderen später auch

Es geht nicht um Tesla-Bashing. Aber da Tesla am innovativsten ist, müssen wir uns vor allem mit der Frage beschäftigen: Was macht Tesla bereits – und was hat Tesla noch vor? Früher oder später kommen dann auch Mercedes, BMW, Audi, Porsche und natürlich alle anderen auf die Idee, mit eingesammelten Daten Geld zu verdienen.

Aber wollen wir das? Ganz bestimmt nicht. Natürlich, die meisten von uns sind müde und einiges gewohnt. Die meisten nehmen es hin, dass Facebook, Google und Co. Daten sammeln und Geld verdienen. Aber diese Dienste sind zumindest kostenlos. Ein Auto nicht.

Wir sollten nicht zulassen, dass nach Echo (Alexa) nun auch Autos zu großen Datenlauschern werden. Denn wenn wir das erst mal zulassen, wird sich die Zeit nicht mehr zurückdrehen lassen.

Netzaktivist Padeluun vom Big Brother Award über Tesla und Datenschutz

Acht Außenkameras – und die Videos landen in Kalifornien

Apropos Drehen: Dashcams, die unentwegt aufnehmen, was auf der Straße passiert, sind verboten. Weil Nummernschilder und Passanten zu erkennen sind. Doch Teslas Model 3 hat gleich acht(!) Außenkameras und zwei Innenkameras, die in HD-Qualität aufnehmen. Das ARD-Magazin “Kontraste” hat nachgewiesen, dass Aufnahmen zu Tesla übertragen werden.

Muss man mehr wissen, um misstrauisch zu werden? Es ist allerhöchste Zeit, dieses Problem zu thematisieren. Ganz besonders in einem Autobauer-Land wie Deutschland. Die Politik wird sich sträuben, da sie die Autohersteller gerne schützt. Aber hier ist dringend Handeln angeraten!

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

12 Kommentare

  1. Ein wirklich sehr guter Beitrag. Das ist eben so das Manko beim autonomen Fahren, was irgendwann kommen wird. Was sagen da wohl die Datenschutzbehörden, gerade in puncto DSGVO…

  2. Was im Auto passiert ist Sache des Eigentümers, man darf sich aber nicht wundern, wenn man etwas Intimes im Auto macht und es dann im Internet auftaucht.

    Bedenklich sind die Außenkameras. Dies ist, als wären ständig Überwachungsdrohnen unterwegs.

  3. Das Hauptproblem ist doch: der Benutzer verdient an dem Wert der erhobenen Daten nicht mit. Die großen Konzerne machen sich die Taschen voll mit diesem flüssigen Datenrohstoff. Kleine Unternehmen haben so keine Chance, weil sie diese Daten nicht bekommen werden. (oder gegen hohes Geld)

  4. Ich mag die aktuellen Autos nicht mehr. Überall sind Bildschirme eingebaut und die Bedienung wird ständig komplizierter (siehe Golf 8). Ein Auto steht für mich für Freiheit. Im Büro sitze ich schon genug am PC, da brauche ich nicht noch Bildschirme und Überwachung im Auto.

  5. Die Bundesnetzagentur gab am 17.2.17 bekannt:
    “Versteckte Spionagegeräte – Spielzeug, das funkfähig und zur heimlichen Bild- oder Tonaufnahme geeignet ist in Deutschland verboten. Erste Spielzeuge dieser Art sind auf Betreiben der Bundesnetzagentur bereits im Zusammenwirken mit Händlern vom deutschen Markt genommen.”
    Damals ging es um die Stasi-Puppe “Cayla”. Eltern wurde angeraten, das verbotene “Spielzeug” umgehend zu vernichten.
    So weit, so gut und volle Zustimmung! Man beachte die Formulierung “…geeignet ist…”, Somit reicht die bloße Eignung schon zum Verbot! Aber im Tesla darf der Nachwuchs (oder auch andere Passagiere) auf der Rückbank sitzen und sich -ganz offiziell- vom krankhaften, muskschen Kontroll- und Überwachungsirrsinn missbrauchen lassen, oder wie? Wo bleibt denn hier die Konsequenz der Bundesnetzagentur? Oder soll sich der Teslainhaber künftig von jedem, der in seinem Fahrzeug mitfährt, vorher eine DS-GVO-konforme Datenschutzerklärung abzeichnen lassen oder Kinder am besten gar nicht erst einsteigen lassen?
    Aber die Bundesregierung wird uns schon wissen lassen, dass der Tesla unbedenklich ist, quasi vom Altmeier persönlich für sicher befunden, denn der ehrenwerte Herr Tesla schafft ja Jobs in Brandenburg … und deshalb darf der das und vermutlich noch viel mehr.

  6. Wenn Dashcams, die unentwegt aufnehmen, was auf der Straße passiert, verboten sind, wie kann dann ein Auto mit gleich acht solcher Kameras in Deutschland eine Zulassung bekommen?

      • Aufnehmen und Speichern ist bereits Verarbeitung von Daten.

        Das dauerhafte Aufnehmen von Dashcam ist verboten, weshalb diese im Loop aufnehmen, sodass die Daten beständig überschrieben werden und nur ein gewisser Zeitraum aktiv ist.

  7. Zitat: “Aber diese Dienste sind zumindest kostenlos. Ein Auto nicht.”

    Ein z.B. Fernseher ist auch nicht kostenlos und schon hier ist es gang und gebe, das bei Anschluss zum Internet die Daten der Benutzer übertragen und verwertet werden. Mal mit, aber auch mal ungeniert ohne abnicken einer seitenlangen Datenschutzerklärung, wie in einem Artikel der C’t zu lesen war.

    Ich denke hier kann man schön sehen, was in den kommenden Jahren auch mehr und mehr im Auto einzug hält. Wie beim Fernseher, wird es aber auch beim Auto nur eine verschwindend geringe Anzahl an Personen, gleich ob Endverbraucher oder Politiker, interessieren.

    • Fernseher, ja…
      Darum hab ich bei meinem ein altmodisches Kabel gelegt. Das stecke ich nur dann ein, wenn ich was verpasst habe und eine Mediathek brauche. Ansonsten nerven mich ja schon die blöden Einblendungen im Live-TV (obwohl das nur kurz beim Einschalten aktiv ist, so lange bis ich die HDD aufrufe). Und mit einem Handgriff ist wieder Ruhe, und keine Datenverbindung mehr da.

      Wieso muss aber ein Fahrzeug permanent vernetzt sein? Gut, Navigationsdaten und Verkehrsfluss wollen abgerufen werden. Aber ein nichtintegriertes Navi (und da kann durchaus ein 2-DIN-Einbaugerät gemeint sein) kann das auch und hat mit den sonstigen CAN-Bus-Daten nix zu tun. Automatische Notfallanrufdienste oder Sprachassistenz? Kann man haben, muss aber nicht sein. Aber sonst? Der Rest hat m.E. weder eine Berechtigung noch einen Nutzen, Daten zu erfassen und vor allem zu versenden. Keine Rückfahrkamera, keine Fahrwerksdaten. Selbst unfallrelevante Daten (was zum selbstfahrenden Auto mit Sicherheit beiträgt und das auch muss, siehe Autopilot-Crashes) gehören a lá Flugzeugblackbox lokal gespeichert und auf die letzten, was weiß ich, 90 Sekunden begrenzt.
       
      Und dabei ahnen wir wahrscheinlich noch nicht mal (ohne die Details gelesen zu haben), was NOCH gesammelt wird.

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