“Recht auf schnelles Internet”: Wer’s glaubt…

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“Recht auf schnelles Internet”: Wer’s glaubt…

Kommentare zum Artikel: 7

Lahmes Internet: Zu Hause, unterwegs – überall. In Deutschland leider keine Seltenheit, sondern traurige Realität. Laut Bericht der Bundesnetzagentur erreichen nicht mal drei Viertel der Bundesbürger zu Hause die Hälfte(!) des eingekauften Datentempos. Nur ein Viertel erreicht das maximale Datentempo. Ein Armutszeugnis!

DSL-Anschlüsse in Deutschland: Teuer, aber langsam…

Vor allem, wenn man bedenkt, dass DSL-Anschlüsse in Deutschland teurer sind als in den meisten anderen Ländern Europas. Jetzt hat die Bundesregierung eine Art “Recht auf schnelles Internet” beschlossen. Man kann sich leicht ausmalen, warum gerade jetzt: Bald sind Bundestagswahlen. Und da wollen die Regierungsparteien den Eindruck erwecken, sie hätten was für die Digitalisierung getan.

Haben sie aber nicht. Denn hätten sie, dann wäre das schnelle Internet bereits da – auch auf dem Land. Und wir bräuchten nicht einen Rechtsanspruch darauf.

Glasfaserausbau in Deutschland; Rechte: WDR/Schieb

Glasfaserausbau in Deutschland wurde nicht verschlafen, sondern verhindert

Glasfaser: Nicht verschlafen, sondern verhindert

Die Verantwortlichen in der Politik, insbesondere im zuständigen Verkehrsministerium, die für Breitband zuständig sind, haben ihre andauernd wiederholten Versprechen nicht eingehalten. Auch die Staatssekretärin für Digitales, Dorothee Bär, hat sich nicht genug dafür ins Zeug gelegt. Anderenfalls hätte sich was getan.

Es war CDU-Kanzler Helmut Kohl, der dem Glasfaserausbau verhindert hat. ZDF-Royale-Moderator Jan Böhmermann dokumentiert die Fakten eindrucksvoll und korrekt in seiner Sendung. Kohls Nachfolger haben diesen riesigen Fehler nicht korrigiert. Bis heute nicht. Deshalb sind wir in Deutschland in Sachen Glasfaser auf den letzten Plätzen.

Der Breitbandausbau wurde in Deutschland nicht verschlafen – er wurde aktiv verhindert. Von den Verantwortlichen in der Politik.

Aber auch die Provider tragen eine Verantwortung. Sie verkaufen Anschlüsse und versprechen allzu häufig ein Tempo, das sie nicht halten können.

Deutsche User brauchen viel Geduld; Rechte: WDR/Schieb

Deutsche User brauchen leider viel Geduld

Die letzte Meile: Zu viel Kuper, zu weniger Glasfaser

Ich kann selbst ein Lied davon singen. Mein Kabelanschluss von Vodafone bringt oft nur 5 MBit/Sekunde im Upload – von eingekauften 50 MBit/Sekunde. Das sind 10%. Die Gebühren werden trotzdem berechnet. Aber kein Glasfaser weit und breit, da wo ich mein Büro habe. Bei Versatel habe ich nun einen sündhaft teuren Business-Tarif gebucht – aber über zwei Monate später nicht mal einen Anschlusstermin. Es ist dermaßen ärgerlich!

Und was macht die Regierung? Definiert einen Anspruch von etwa 20 MBit/Sekunde. Lächerlich. Kein Selbständiger, erst recht kein Grafiker, Layouter oder mit Videos beschäftigter Mensch kommt damit klar.

Immerhin – und das war längst überfällig! – verlängern sich Verträge künftig nicht mehr automatisch um ein Jahr (oder mehr), wenn die Mindestlaufzeit erreicht ist, sondern gehen in ein monatliches Kündigungsrecht über. Das erhöht den Druck auf die Provider, sich anzustrengen.

Aber ein Konzept ist das nun wahrlich nicht.

Übrigens: Wie schnell das eigene Internet ist, lässt sich mit der Breitbandmessung der Bundesnetzagentur ermitteln – das Ergebnis fließt in die Statistik ein.

Phoenix: Wie digital ist Deutschland tatsächlich?

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

7 Kommentare

  1. Christian am

    Die “Digitalexperten” unserer Bundesregierung: Ständig medien- und öffentlichkeitswirksam vom “Gigabit-Zeitalter” schwadronieren, aber wenn’s konkret wird, “schnelles Internet” als 20 Mbit definieren – und das Schlimmste ist: Das ist denen noch nicht mal peinlich. Deutschland verspielt seine Zukunft, und das ja schon seit Jahren. Und mit unserer Infrastruktur abseits des Internet sieht’s ja kaum besser aus. Andererseits: Wer schlechte Politik macht, und vom Wähler dafür trotzdem pausenlos mit der Kanzlerschaft belohnt wird, der hat am Ende nur wenig Grund, seine Politik zu ändern. Doofe Wähler, doofe Politik.

  2. Sehr geehrter Herr Schieb,
    Ich nehme Ihren deutlichen Hinweis direkt und persönlich auf.
    Wir melden uns morgen bei Ihnen
    Herzliche Grüße
    Markus Passau, Bereichsleiter Vertrieb
    1&1 Versatel

  3. Ich bin gespannt, wie lang Deutschland brauchen wird, um auf den Stand zu kommen, auf dem die anderen Länder aktuell sind. Auch wenn diese bis dahin wieder Sprünge gemacht haben, muss sich langsam wirklich mal etwas bewegen – und dafür reicht das hier auch einfach noch nicht aus. Aber vielleicht sorgt es wenigstens für einen leichten Anstoß, weil die Kündigungsfrist ja doch ein kleiner Ansporn ist.

  4. Gab es nicht die Diskussion bereits mit Einführung vom Kabelfernsehen? Hatte die Frau vom damaligen Postminister nicht eine Fabrik für Kupferkabel? Und deshalb kein Glasfaser? Nur das abgelegene Orte auch dann nicht angeschlossen wurden/werden. Beim Fernsehen kann man ja auf SAT ausweichen, nur beim Internet geht es so nicht. Was jetzt wohl zum Problem wird. Rechnet sich für die Firmen einfach nicht. Gäbe es nur die Post würde dieses Argument wegfallen. Jeder bekäme einen Anschluss genau wie Telefon. Nur zum Monopolisten zurück möchte man ja auch nicht. Wie wäre es den Firmen für diese nicht so lukrativen Anschlüsse mit Zuckerbrot und Peitsche Dampf zu machen? Preisvergleich mit anderen Ländern ist immer schwierig, es spielen da ja viele Faktoren rein. Mein Anschluss bringt die versprochene Leistung 100MBIT(Vodafone). Brauchte die aber gar nicht. 5MBIT würden mir reichen. Für jemanden der sein Geld damit verdienen muss ist das aber natürlich ein Problem. Gibt sogar Firmen in Industriegebieten ohne schnellen Anschluss. Es wird, aber es dauert und Corona hat alles noch verschärft. Wieviel geht eigentlich für Werbung und Spionage drauf?

  5. DasHeimnetzwerkDe am

    Tipp: Auf der Webseite breitbandmessung.de gibt es eine Kartenansicht, wo man für seine Region und verschiedene Anbieter das Verhältnis von der “bis zu” und der tatsächlichen Datenrate einsehen kann.
    .
    Ferner daran denken das wer wirklich aktiv das Internet nutzt und z.B. eine eigene Cloud betreibt oder einen VPN-Server, der bekommt mit Kabel oft nur DS-Lite, und damit Probleme.
    .
    Und falls man doch einen guten Anschluss hat, diesen am besten nicht mit schlechtem WLAN betreiben. Auch bei WLAN gilt “bis zu” und oft kommen nur niedrige Datenraten dabei herum.

  6. Henrik Petersen am

    Wenn man sich anschaut das andere Länder teilweise Gigabit Internet für 10 € im Monat haben wird einem schlecht. Für das gleiche bezahlt man in Good old Germany über 100 tacken im Monat. Irgendwas läuft hier schief, so wird das nix mit der Zukunft deutschlands.

    • Durchwinker am

      Nicht vergessen, dass man dort tatsächlich auch bekommt, was man bezahlt – nicht mal das ist hier der Fall.

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