TikTok: Challenges, die lebensgefährlich sein können

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TikTok: Challenges, die lebensgefährlich sein können

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Junge Menschen machen dummes Zeug – das war schon immer so.

Keine Frage: Auch Erwachsene machen dumme Sachen, nur anders, nicht besser. Doch Jugendliche müssen geschützt und vor lebensbedrohlichen Einfällen bewahrt werden. Das sollten alle Menschen mit ausreichend Verantwortungsbewusstsein so sehen. Die Video-Plattform TikTok sieht es offensichtlich nicht so.

Riskante Challenges: Vom fahrenden Auto ins Wasser springen; Rechte: WDR/Schieb

Riskante Challenges: Vom fahrenden Auto ins Wasser springen

Challenges: Mutproben ohne und mit Risiko

TikTok hat unbestreitbar die Art und Weise verändert, wie junge Menschen dummes Zeug machen – und in welchem Tempo sich selbst verrückteste „Mutproben“ weltweit verbreiten. Auf TikTok sind Menschen zu sehen, die sich an Klippen in die Tiefe stürzen. Menschen, die Wände hochlaufen oder über die Brücke springen (weil sie es können). Es gibt jede Menge Videos, die „coole“ Sachen zeigen – und zum Nachahmen animieren. Weil man ja auch gerne cool wäre. Für Ungeübte aber den sofortigen Tod zur Folge haben könnten.

Besonders beliebt sind „Challenges“: Aufgaben, die um die Welt gehen. Die #IceBucketChallenge ist ein berühmtes Beispiel. Menschen überschütteten sich freiwillig mit eiskaltem Wasser, um auf die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam zu machen. Hier gibt es einen guten Zweck – und niemand bringt sich ernsthaft in Gefahr, wenn er sich Eiswasser über den Kopf schüttet.

Benadryn einnehmen: TikTok-Videos animieren zum Nachmachen; Rechte: WDR/Schieb

Benadryn einnehmen: TikTok-Videos animieren zum Nachmachen

Trau Dich: Antihistamin macht high

Doch viele andere Challenges sind riskant. Eine populäre Challenge auf TikTok ruft dazu auf, das Antihistamin (Antiallergikum) „Benadryl“ in Massen einzuwerfen – um „high“ zu werden. Viele Jugendliche haben die Wirkung im Selbstversuch aufgenommen und die Videos auf TikTok geteilt. Das hat in den USA sogar Menschenleben gefordert.

Die Liste der schwachsinnigen bis gefährlichen Challenges ist lang. Die #DeviousLickChallenge fordert Schüler auf, Seifenspender, Desinfektionsmittel und sogar komplette Toiletten aus der Schule zu entfernen. Wer das geschafft hat, wagt sich vielleicht an die #TidePodChallenge heran: Wer dumm genug ist, um dieser Challenge zu folgen, stopft sich mit Waschpulver-Pads voll. Auch das nicht gerade förderlich für die Gesundheit.

Studie belegt: Hohe Risikobereitschaft

Doch TikTok unternimmt nicht wirklich etwas dagegen. Immerhin hat das Netzwerk bei der britischen Organisation Praesidio eine Studie in Auftrag gegeben. Das Ergebnis liefert ein beängstigendes Bild. Wichtig vor allem: 2 Prozent der Jugendlichen (13 bis 19 Jahren) gaben an, schon mal an einer gefährlichen oder riskanten Challenge teilgenommen zu haben. 0,3 Prozent sogar schon an einer sehr gefährlichen. Die Jüngeren deutlich mehr als die Älteren.

Das unterstreicht, wie dringend etwas passieren muss. Und um es deutlich zu sagen: TikTok ist nur ein Teil des Problems, nicht das Problem an sich. Wie degeneriert ist eine Gesellschaft, die junge Menschen dazu motiviert, sich und andere unentwegt selbst in Gefahr zu bringen und die schwachsinnigsten Dinge zu tun – und es nicht mal zu merken, geschweige, dagegen etwas zu unternehmen?

Das Problem fängt schon vor TikTok an. Bei der Verachtung für funktionales Handeln bei gleichzeitiger Vergötterung des Dysfunktionalem generell, ob bei RTL im Dschungelcamp, in zerstörerischen Casting-Shows im Fernsehen oder in Hollywood-Filmen, auf Youtube und am Ende auf TikTok, wo jeder selbst solchen gefährlichen Unsinn einstellen kann.

So wie Corona viele generelle Probleme sichtbar gemacht hat, gelingt das auch TikTok.

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

3 Kommentare

  1. Nach lesen des Titels hatte ich schon die Befürchtung, das nun reines TikTok Bashing wird. Glücklicherweise nicht. Ich stimme Jörg zu, das TikTok in diesem Fall gesellschaftliche Defizite sichtbar macht.

    Als jemand der altersmässig schon Jahrzehnte aus der Zielgruppe raus ist, muss ich trotzdem sagen, das das eine faszinierende Plattform ist. Jemand macht Videos vom Südpol über den ganzen antarktischen Winter, ein Organist aus den USA veröffentlicht Videoschnipsel von seinem Orgelspiel, jemand fährt mit dem Motorrad durch Australien und zeigt das Land via TikTok, weil er das dank Corona als Reiseführer z.Zt. nicht „live“ machen kann, ein Typ züchtet Insekten, Spinnen und anderes Getier macht Videos da zu, Menschen mit Behinderungen sind gefühlt weitaus sichtbarer, als auf anderen Plattformen.

    Es gibt da echt eine Menge sehens- und hörenswertes Zeug zwischen dem Schund auf/unter Dschungelcamp-Niveau.

  2. Eben. Ich schließe mich dem Kommentar von #Anja vollumfänglich an. Das ist eine neue Art, den Darwin-Award zu erlangen, mehr nicht.

  3. Achtung! Es wird zynisch:
    Für Leute, die so einen Blödsinn mitmachen, fehlt mir das Mitgefühl. Wenn der gefühlt Tausendste Jugendliche auf einen Eisenbahnwaggon krabbelt (wahrscheinlich, um ein „cooles“ Selfie zu machen) und ihn dabei der Blitz trifft, dann kann niemand sagen, man hätte es nicht wissen können. Zwischen echtem Mut und sinnlosem Übermut gibt es nunmal einen großen Unterschied. Und wenn es den einen oder anderen dabei dahinrafft, dann muß ich sagen: Okay, Evolution, hier hast du alles richtig gemacht…
    Tiktok ist dabei nur eines der modernen Verbreitungsmedien für den Schwachsinn. Wenn nicht dort, holen sich die Spezis ihre Inspirationen halt woanders.

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