Wenn Behörden-Software uns allen gehören würde

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Wenn Behörden-Software uns allen gehören würde

Kommentare zum Artikel: 18

In Berlin stellen die Behörden gerade ihre Rechner von Windows 7 auf Windows 10 um. Grund: Microsoft beendet im Januar 2020 endgültig den erweiterten Support für Windows 7. Die IT-Profis der Hauptstadt müssen daher 76.000 Rechner umrüsten – und die Mitarbeiter müssen geschult werden. Einige Politiker fürchten nicht weniger als ein “Datenchaos” in Berlin.

Freier Code für freie Bürger: Den Quellcode von Behörden-Software sehen wir gewöhnlich nicht; Rechte: WDR/Schieb

Freier Code für freie Bürger: Den Quellcode von Behörden-Software sehen wir gewöhnlich nicht

Freier Code für freie Bürger

Welche Software Kommunen, Behörden, Länder und Bund einsetzen, entscheiden sie selbst. Bedeutet: Wir Bürger bezahlen teure Softwarelizenzen – und haben nichts davon. Gut, das gilt auch für die steuerfinanzierten Kekse, die im Büro der Bundeskanzlerin bereit liegen. Aber Software ist ein anderes Thema. Vor allem Software, die – aus der öffentlichen Hand finanziert und für oder in Behörden, Universitäten und öffentlichen Einrichtungen entwickelt wird.

“Public Money, public Code” heißt eine Initiative, die genau das ändern will. Das Ziel: Software, die durch Steuergelder erstellt oder beschafft wird, sollte generell OpenSource sein – also für jeden zugänglich. Klingt für den Laien erst mal abenteuerlich. Wie: Jeder soll die Software meiner Behörde sehen dürfen, die meine Anträge bearbeitet? Das ist doch schlimm – nachher manipulieren Verrückte etwas daran…

https://vimeo.com/329317075

Public money, public Code: Es hat Vorteile, wenn Programmcode öffentlich gemacht wird

Mehr Sicherheit durch das Viele-Augen-Prinzip

Verständliche Reaktion. Aber aller Erfahrung nach ist der umgekehrte Rückschluss richtig: Software, die von vielen Augenpaaren kontrolliert wird, weist weniger Fehler auf. Weil Bugs schneller entdeckt und gefixt werden. Abgesehen davon würde sich die Öffentliche Hand aus den Zwängen der großen Konzerne befreien, die Herr über den Code sind und jederzeit entscheiden können, wann und was sich an den Programmen ändert. Und ob es Hintertürchen gibt – etwa, um Daten abzugreifen – wissen wir nicht.

Ich finde, die Initiative Freier Code für freie Bürger, die auch von Netzaktivist Sascha Lobo unterstützt wird, daher sehr sympathisch. Auch, weil sich aus diesem Gedanken wunderbare Synergieeffekte ergeben könnten. Die Behörde aus Köln hat sehr wahrscheinlich denselben oder sehr ähnlichen Bedarf wie eine vergleichbare Behörde aus Stuttgart, Bochum oder Rostock. Warum alles mehrfach denken und entwickeln?

Ich würde allerdings nicht so weit gehen, die Forderung nach Öffentlichmachung des Programmcodes generell und ausnahmslos zu stellen. Ich denke, es gibt Bereiche (Polizei, Geheimdienste, Bundesregierung), die gehen möglicherweise niemanden etwas an. Dieser Aspekt wäre zumindest zu diskutieren. Ansonsten aber ein interessanter Vorschlag, der sehr viele Vorteile bietet.

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

18 Kommentare

  1. Ich kann schon nachvollziehen, dass die Entscheider in München irgendwann einmal aufgegeben haben, Linux zu verteidigen. Wir müssen uns nur vergegenwärtigen, das Microsoft eine Zentrale in München hat und sicher nicht erfreut darüber war, dass die Stadt nicht mit Windows-Rechnern verwaltet wird. Und so wird der Großkonzern sicherlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit „nachgewiesen“ haben, dass Windows effizienter als Linux ist. Eine solche Lobby-Arbeit gibt es jedoch für Linux nicht. Und dann kommen noch nicht einmal die Entscheider von anderen Großstädten, um Limux vielleicht zu kopieren und für sich selbst und alle weiterzuentwickeln. Steter Tropfen höhlt den Stein, und so kehrt München wieder zu Windows zurück.

    Dies alles sind nur Vermutungen von mir, aber ich kann mir wirklich vorstellen, dass es so ähnlich abgelaufen ist. Wer Open Source fördern will, muss sich also erst einmal darum kümmern, dass eine entsprechende Lobby-Arbeit für Linux möglich wird.

  2. Schneider am

    Für mich ist der ganze Windowshype von Behörden und Ämter schon lange nicht mehr nach zu vollziehen, was privat heute geht, sollte doch auch in den Öffentlichen Diensten funktionieren, wären da nicht die vielen Lobbyisten, und auf der anderen Seite die, die sich von denen einschmieren lassen, siehe, um nur ein Beispiel zu nennen, München! Das schlimmste, ist jedoch, das Microsoft mit ihrem Datenhunger zugriff auf unseren Daten hat, damit lässt sich schließlich viel Geld verdienen! ” Alles, was wir irgendwann ein mal an Ämtern und Behörden weiter gegeben haben, hat so im Prinzip auch Microsoft, denn diese Daten liegen mittlerweile auch in der Cloud dieser Systeme. Aber was nutzt es, privat habe ich es aufgegeben, Leute davon zu überzeugen, das ein offenes System wie Linux besser ist, als ein Kommerzielles Betriebssystem wie Windows oder Mac-OS.

  3. Max Mustermann am

    Ob chinesische, US-Spionage oder Spionage im Dienste der Werbung, das alles ist nicht akzeptabel und Open Source hat man keine eingebauten Hintertüren, Fehler fallen eher auf. Man ist nicht unverwundbar aber man macht es Angreifern erheblich schwerer.

    @John Doe, gutes Pseudonym und ich unterstütze auch die Forderung nach einer gründlichen ARD- (und ZDF) Strukturreform. Ich verwende seit Jahren Linux und immer wieder gibt es überflüssige Hindernisse. Der ZDF-Internetauftritt war schon immer Müll aber jetzt funktioniert auch bei der ARD keine Mediathek mehr und Phoenix.de startet schon gar nicht mehr.

    Ich kann nicht unterscheiden ob das an Windows-Hörigkeit oder meinen strengen Einstellungen für Sicherheit und Privatsphäre liegt. Cookies und Tracker werden geblockt so wie auch Scripte von z.B. kameleoon.com; genau auf diese Seite blocke ich Scripte von Ioam.de und Vimeo.com. Warum was nicht geht ist auch zweitrangig, neben Behörden müssen auch öffentlich rechtliche Medien ihr Verhalten gründlich überprüfen.

    .. und bei der Kommentarabgabe stolpere ich über den Zwang zur Einverständniserklärung zur Speicherung und Verarbeitung meiner Daten.

  4. Off_Leiner am

    “…die Mitarbeiter müssen geschult werden.”?
    “… Einige Politiker fürchten nicht weniger …?
    “Wir Bürger…”?
    Kommen Mitarbeiterinnen, Politikerinnen und Bürgerinnen in Ihrer Welt nicht vor, Herr Schieb?
    Obwohl mehr als die Hälfte der Welt- und der deutschen Bevölkerung weiblichen Geschlechtes ist…?

    • Blödmann*in – oder wie es jüngst ein Sprachforscher ausdrückte: “Der Vollidiot kann auch eine Frau sein.”

      • Off_Leiner am

        Na, ist das ein feines Gefühl? Sich als frauenverachtender Sexist outen zu können ohne sich outen zu müssen – verschanzt hinter feiger Internet-Anonymität…?

        • Generelle Bezeichnungen wie “der Vollidiot”, “der Blödmann” oder “der Vogel” haben nichts mit Frauenverachtung zu tun, sondern dienen der besseren Lesbarkeit. Und dafür sollten Sie Herrn Schieb dankbar sein. Alles andere ist Sprachverhunzung.

          • Off_Leiner am

            “Generelle Bezeichnungen wie “der Vollidiot”, “der Blödmann” oder “der Vogel” haben nichts mit Frauenverachtung zu tun,”:
            Nein, das vielleicht nicht, aber um so mehr, einen Menschen, der Wert darauf legt, daß auch Frauen sprachlich vorkommen, als “Blödmann” zu beleidigen.
            Die einzige und wirkliche “Sprachverhunzung”, wie Sie das sprachliche Ernstnehmen von Frauen meinen nennen zu müssen, besteht in der Beleidigung, Frauen zuzumuten, sich als Männer bezeichnen lassen zu sollen.

  5. “Ich würde allerdings nicht so weit gehen, die Forderung nach Öffentlichmachung des Programmcodes generell und ausnahmslos zu stellen.”
    Doch, genau das. Mit einem Preisgeld für denjenigen, der Sicherheitslücken entdeckt. Denn das hilft, die technischen Sicherheitslücken zu mindern.

    • Bernd Wiebus am

      Da ist nicht viel gescheitert. Das Projekt wurde abgebrochen, weil Windowsbefürworter ein Mehrheit bekommen haben. ARGUMENTE für den Abbruch gab es nicht. Auch keine Klagen über Probleme. Nichtkommerzielle Projekte sind Konservativen halt oft unheimlich. ;O)

  6. Etwa so wie “LiMux”, die Münchener IT-EVOLUTION!?
    Krachend gescheitert, Steuergelder verbraten und wieder zurück zu Windows.

    • Sehenswert ist in diesem Zusammenhang die WDR-Dokumentation “Das Microsoft-Dilemma”.
      Es zeigt schön das viele verantwortliche Personen nicht aus Ihrer Komfort-Zone Microsoft wollen.
      Wenn letztlich der Wille nicht (mehr) da ist, dann führen Projekte wie “LiMux” nicht zum Ziel.
      Und seien wir ehrlich, es sind nicht nur die Politiker. Auch im privaten Bereich ist die Gewohnheit trumpf. Wer gibt z.B. Linux im privaten Bereich eine Chance? Meist sind es nur die Technik-Affinen Personen, die meisten anderen, selbst die die sonst bei anderern Themen so super-offen und liberal sind, sagen plötzlich, öh, äh, “ist anders”, neh, ich mag mich nicht auf anders einstellen.

      • Schneider am

        Das kann man heute so eigentlich nicht mehr sehen, ich gehöre wahrscheinlich zu den wenigen, die von MS die schnau.. voll hatten, und seit Windows Vista, zu Linux gewechselt haben, da war es noch durchaus eine Aufgabe, die man erst mal meistern musste, heute ist es bei Linux Standard, das sich das System innerhalb von 20 Minuten installiert hat, und zwar automatisch. Dann bleiben meist nur noch die Netzkonfiguration, und selbst die lässt sich wären der Installation ganz bequem einrichten. Also der Grund, Windows zu nutzen, weil es ja so schön bequem ist, ist passee, Das Gegenteil ist der Fall, ich hatte einmal das vergnügen bei jemanden ein Win10 ein zu richten, nein Danke, das ist nicht meins!

        • Stimmt zwar, aber was mir fehlen würde, wäre die einzigartige Integration von PC, Tablet und Smartphone und die Stiftbedienung des Tablets und MacOS und iOS. Ich würde gern alle Gadgets austauschen und mit einem Linux betreiben. Geht aber im Augenblick noch nicht: Android ist kein Linux (und mir suspekt) und die meiste Zeit verbringe ich mit meinem Tablet und nicht dem Rechner.
          PS: Mein eigener Server im Keller läuft unter Linux Mint und könnte auch die Sychronisation aller meiner Gadgets übernehmen; dies macht er ja auch so weit wie möglich

          • Schneider am

            Android ist mir auch suspekt, basiert zwar auf Linux, ist aber von Google für seine Zwecke verändert und angepasst worden, und ja auch nicht mehr freie Software, wie Linux an sich. Ich nutze auch ein Ipad, mit Stift, und ja, da ist es auf diesem gebiet etwas mau mit Linux, ich habe auch ein Tablet mit Linux (UBPorts) vormals Ubuntu touch, hat sich nicht wirklich durchgesetzt, ebenso wie Firefox-OS beim Schmartphone. Das Problem ist, Linux wurde für solche Einsatzzwecke nie entwickelt, so das es an das jeweilige Gerät angepasst werden muss. Aber ich denke in absehbarer Zeit wird sich das auch ändern, aber das ist ein steiniger weg, schauen wir mal.

        • Wer office-programme beruflich nicht nur im Otto-Normalverbraucher-Bereich nutzt, wird in den open-source-Alternativen immer wieder an irgendwelche Grenzen stoßen. Da ist es extrem störend, wenn die im Beruf erstellte Vorlage, das Makro oder die effizient genutzte Funktion zu Hause einfach nicht läuft. Meist dann noch unter Zeitdruck. Das habe ich mehrfach erlebt und mittlerweile ist der Kopf nicht mehr frisch genug, um in mehreren Welten gut genug zu sein. Wenn dann noch das mühsam erarbeitete open-source-Wissen auf geheimnisvolle Weise doch wieder kommerziell ist oder verkauft oder nicht weitergeführt, ist der Ressourcenverlust nur schwer verkraftbar. Unterschiedliche Programme kann ich nutzen, der Kopf ist aber noch nicht austauschbar.

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