Whistleblowerin: Instagram spaltet die Gesellschaft – wissentlich!

https://blog.wdr.de/digitalistan/whistleblowerin-instagram-spaltet-die-gesellschaft-wissentlich/

Whistleblowerin: Instagram spaltet die Gesellschaft – wissentlich!

Kommentare zum Artikel: 11

Wer den lauten und nur selten zurückhaltenden Heilsversprechen der Digitalkonzerne aus dem Silicon Valley (und anderen Teilen der USA) ehrfurchtsvoll lauscht, könnte meinen, wir steuerten auf eine wunderbare Welt zu. Meinungsfreiheit. Weltweite Kontakte. Prosperität. Wissensvermehrung. Frontmenschen wie Mark Zuckerberg, Elon Musk, Sheryl Sandberg oder Jeff Bezos sorgen dafür, dass wir glauben, auf eine wunderbare Zukunft zuzusteuern.

„Facebook hilft, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die wir auch im echten Leben kennen. Mehr nicht.
Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg in seinem Netzwerk; Rechte: WDR/Schieb

Mark Zuckerberg will so wenige Regeln wie möglich

Plattformen wie Facebook spalten die Gesellschaft

Wenn da nur nicht die Realität wäre. Plattformen sind voll mit Hass und Hetze, die Diskussionskultur wird immer schlechter, konstruktive Debatten muss man im Netz mit der Lupe suchen und Instagram, Tiktok und Co. üben einen unerträglichen Druck auf junge Menschen – vor allem Mädchen – aus, weil jede/r gut aussehen, tanzen, locker sein und hipp sein soll.

Das ist selbst für Erwachsene nicht immer leicht zu ertragen, aber für Kinder erst recht nicht. Immer mehr Menschen fühlen sich unzufrieden mit ihrem Körper. Die Folge: Essstörungen und Depressionen.

Das Wall Street Journal (WSJ) hat die letzten Wochen ausführlich über viele solcher Aspekte berichtet und auch interne Dokumente präsentiert, die belegen: Facebook weiß nur zu gut um die schädliche Wirkung seiner Netzwerke – unternimmt aber nicht wirklich etwas dagegen.

Geplant: Instagram für Kids unter 13; Rechte: WDR/Schieb

Facebook wollte ein Instagram für Kinder unter 12 starten – die Idee liegt auf Eis

Ex-Mitarbeiterin gibt Einblicke in Interna

Jetzt hat sich die Informantin zu erkennen gegeben.

Die Whistleblowerin ist eine Ex-Mitarbeiterin von Facebook namens Frances Haugen. Haugen hat zwei Jahre bei Facebook gearbeitet und war vor allem mit dem Kampf gegen Manipulation bei Wahlen beauftragt. Doch sie hatte den Eindruck, zu wenig Mittel und Möglichkeiten zu haben.

Sie stellt sich in einem Interview im Wall Street Journal – und erhöht den Druck auf Facebook damit ganz erheblich. „Die heute existierende Version von Facebook reißt unsere Gesellschaften auseinander“, sagt Haugen. Und sie hat nach meiner bescheidenen Ansicht damit völlig recht. Allerdings gilt das nicht nur für Facebook, sondern auch für Instagram, Tiktok, Twitter und einige andere Plattformen. Überall gibt es andere Schwerpunkte für zerstörerische Tendenzen.

„Es gab Interessenkonflikte zwischen dem, was für die Öffentlichkeit und was für Facebook gut war“, sagt Frances Haugen in dem kritischen Talk-Format „60 Minutes“. Ihr Vorwurf: Facebook wisse nur zu gut, wo und wie Plattformen wie Facebook und Instagram der Gesellschaft an sich, aber auch einzelnen Personengruppen wie jungen Mädchen schade, unternehmen aber praktisch nichts, um das zu ändern. Die eigenen, kommerziellen Interessen überwiegen.

Aussagen vor US-Senat

Eigentlich kann niemand wirklich überrascht sein: Wir wissen schon lange, dass die Algorithmen von Facebook, Twitter, Youtube und Co. immer das nach oben spülen und besonders gut sichtbar machen, was aufwühlt und berührt. Den Algorithmen ist es schnuppe, ob das der Gesellschaft oder einzelnen Personen schadet. Denn die Maxime lautet: Umsatz optimieren.

Facebook könnte versuchen, die Anklagen in der Zeitung und im Fernsehen zu ignorieren. Aber Dienstag (05.10.2021) soll Frances Haugen vor dem US-Senat aussagen. Das ist in den USA eine große Sache. Meiner Ansicht nach kann es nicht bleiben, wie es ist: Plattformen wie Facebook, Instagram, Tiktok und Co. sind keine Medien, sondern eine Quasi-Öffentlichkeit. Auch hier muss es Regeln geben – und die Möglichkeit, durchzugreifen.

https://vimeo.com/622354067

Kritik an Facebook im „Wall Street Journal“ (WSJ)

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

11 Kommentare

  1. maranatha am

    Ich habe einen freien Willen, der sagt, Ich brauche keine apps mit „sozialen Netzwerken“!
    Ich lebe auch so und sehr gut sogar…
    Ich hatte mal für 2 Jahre twitter und habe meinen account gelöscht, weil es abhängig macht und zur Dreck- und Haßschleuder verkommen ist!

    • Was sich da, wie auf einem riesigen Schulhof in der großen Pause, tummelt, bewegt sich in entsprechender Bandbreite überwiegend zwischen albernem Pausenclown (seht her, wo ich toller Typ gerade bin und was ich gerade esse und trinke), infantiler bis höchst bösartiger Hänselei und oberlehrerhafter Pausenaufsicht (Parteien, Religionen, Medienschaffende aus Rundfunk, TV und Print), die selbst natürlich immer absolut demokratisch und unantastbar ist.
      Wer sich mit täglich 20,30 oder noch mehr Tweets, Instaposts etc. verewigt und meint, allein schon dadurch irgendwie wichtig zu sein oder gar Geschichte schreiben bzw. ändern zu können, ist nicht nur im, oftmals narzistisch begründeten, Selbstirrtum verfangen, sondern verfügt vor allem und beneidenswerterweise wahrscheinlich auch über viel zu viel Tagesfreizeit. ;-)

    • Heraus_aus_der_Sucht! am

      Ich stimme maranatha grundsätzlich zu und beglückwünsche sie zu ihrem Ausstieg. :-)
      Ich möchte jedoch hinzufügen, daß der freie Wille in dem Maße schwindet, in dem Menschen infolge von Smartphone-Abusus regelrecht suchtkrank werden – worauf in der Aktuellen Stunde sehr verdienstvollerweise vorgestern zu Recht erneut aufmerksam gemacht hat.
      In Digistalistan wurde ja schon vor Jahren über ausgestiegene Facebook-Mitarbeitende berichtet, die ihrerseits zu berichten wußten, daß die asozialen Medien wie eben dieses Facebook Profis (u.a. Psycholog:innen) eigens zu dem Zweck einstellen, Techniken und Strategien zu entwickeln, die Menschen in die Smartphone-Sucht treiben und dort festhalten sollen – offenbar leider mit nicht geringem Erfolg… :-((
      Die gute Nachricht: Eine Sucht ist eine Erkrankung, aus der man aus eigener Kraft wieder herauskommen kann!
      Man muß es (zwar) SELBST tun – aber NICHT ALLEIN!
      Die Zahl der Hilfeangebote – von Selbsthilfegruppen bis zu speziellen Therapien gegen Mediensucht – wächst fast täglich – was u.a. auch das Anwachsen des Bedarfs und der Nachfrage anzeigt – und DAS wiederum zeigt, daß die Zahl derjenigen wächst, die aus der Sucht aussteigen wollen.
      So ist die Hoffnung begründet, daß auch die Zahl derjenigen größer und größer wird, die begreifen, daß man asoziale Netzwerke wie dieses Facebook, dieses Twitter, dieses Instagram und alle ihre Komplicen in Wahrheit GAR NICHT „BRAUCHT“ – das glaubt man nur, so lange man in der Sucht steckt – aber, wie gesagt: Dort „muß“ niemand bleiben!
      Je mehr und je schneller sog. „Nutzer:innen“ (besser: BEnutzte und MIßbrauchte!) den asozialen Netzwerken den Rücken kehren, desto
      schneller werden sie am Ende sein: Hoffentlich bald…!

  2. Das Zitat von Herrn Zuckerberg ist ja so an der Realität (lol) vorbei, dass es schon wieder lustig ist :) Von wann ist das? Vielleicht ganz am Anfang von Facebook?

  3. Nicht jede unzufriedene Mitarbeiterin ist eine Whistleblowerin. Edward Snoden war ein Whistleblower der dafür sogar sein Leben riskiert. Man muss aber auch im Netz der Meinung sein dürfen, dass „Abhören unter Freunden“ doch geht, auch wenn ein Ronald Pofalla die Affäre für beendet erklärt hat (Ronnie, echt guter Joke).
    Es geht um Zensur – nicht um Spaltung.
    Als freier Bürger muss ich der Meinung sein dürfen, dass mich ein Aluhut vor telepathischer Manipulation der Regierung schützt. Das ist doch nicht idiotischer als Maskenpflicht auf einem Parkplatz wie vom Corona-Kabinett beschlossen, Maskenpflicht in Düsseldorf wenn Abstand von 5 Metern im Freien nicht ausgeschlossen werden kann oder wie jetzt im WDR gesehen, 2G-Regel im Wuppertaler Zoo der zum großen Teil auch im Freien ist. Da trage ich doch lieber den Aluhut im Freien als Maske im Freien.
    „Hass und Hetze“ ist hohles Geschwätz mit dem man verhinder will an den Kern der Probleme vorzudringen. Der Kern mag diskussionsfähig sein aber nicht eine Zensur davor. Die Zensur spaltet die Gesellschaft aber nicht eine Diskussion über Sinn und Unsinn, die für eine Gegenüberstellung der Argumente sorgen könnte.
    Zustimmung, bei US-Plattformen geht es um Geld, nicht um Ideologie.
    Zustimmung, „die Maxime lautet: Umsatz optimieren“
    Wahlkampf ist eine einzige Manipulation um Stimmen für eine bestimmte Seite zugewinnen und „Fake“ aus dem Ausland ist nicht abenteuerlicher als „Fake“ aus dem Inland oder den Parteien selbst.
    Mit Tabuthemen sind auch öffentlich rechtliche Medien nichts weiter als „Quasi-Öffentlichkeit“, bei dem der Presserat als freiwillige Selbstkontrolle nur extrem selten rügt. Es gibt Regeln wie zum Beispiel Gesetze gegen Beleidigung oder gegen den Aufruf zur Gewalt was alles auch noch auslegungsfähig ist aber alles andere darüber hinaus ist und bleibt Zensur; ob man eine abweichende Ansichten hören will oder nicht. In Russland oder China hat man dazu eine andere Meinung, der wir uns aber nicht anschließen sollten.

    • Nun, Frances Haugen ist keine „unzufriedene Mitarbeiterin“, sondern hat das Unternehmen verlassen und interne Papiere mitgenommen (was zweifellos strafrechtlich relevant ist). Sie geht ein persönlich hohes Risiko ein, um die Öffentlichkeit zu informieren. Der Status „Whistleblower“ würde ihr daher einen gewissen Rechtsschutz geben.

  4. Carsten Mohr am

    Man könnte ja sagen, dass Leben ist kein Ponyhof. Wenn einer einem die Meinung geigt, erträgt man das noch. Wenn es aber viele und vermeintlich mit in einem Boot sinzende sind, drückt das oder hebt es das Gemüt. Wie soll ein derart die Kommunikation vereinfachende Installation wie die Sozialen Netzwerke eine Regulierung vornehmen?
    Meinungsvielfalt scheint es dort also nicht zu geben, wie oft behauptet wird. Sonst würde man ja in der Diversität seine Nischen finden können und sich bestätigt oder eben nicht fühlen.
    Meine persönliche Meinung ist, sich nicht von den Netzwerken mental abhängig zu machen und sich jeden Schuh anzuziehen. Selbst erkennen, ob und inwieweit eine Hetze sich vollzieht und man ihr nicht folgt, nicht zuhört. Dazu ist aber a) Lebenserfahung und b) perönliche Souveränität notwendig. Bei Jungen Menschen „technisch bedingt“ nur rudimentär vorhanden. Aber ein Verbot bringt auch nicht weiter. Wie also soll sich das, eine Regulierung, ausgestalten?

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Bitte lösen Sie die Rechenaufgabe : *
13 + 15 =


Top