Wie das Internet den Journalismus verflacht

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Wie das Internet den Journalismus verflacht

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Stellen wir uns einen Moment vor, es gäbe das Internet nicht. Sir Tim Berners-Lee hätte nie den Geistesblitz vom World Wide Web gehabt. Folglich auch keine Apps. Wir würden mit dem Handy telefonieren, nicht surfen. Klar, dann wäre auch dieser Blogtext nicht lesbar. Aber: Wir hätten auch deutlich weniger Druck im Journalismus und vermutlich mehr Qualität. Denn das Netz bietet zwar einen wunderbaren Rückkanal für uns Journalisten, erzeugt aber auch jede Menge Druck.

Schreibmaschine und Kamera: So sah Journalismus früher aus; Rechte: WDR/Schieb

Schreibmaschine und Kamera: So sah Journalismus früher aus

Banale Themen werden im Netz ventiliert

Heute wird jede Sau durchs Dorf getrieben. Alles, das sich zuspitzen lässt, Erregung generiert, Aufmerksamkeit erzeugt – geht ins Netz. Ein Politiker fordert eine Abschaffung der 1. Klasse in Regionalzügen? Eine Banalität, die keinerlei Berichterstattung wert ist. Aber im Netz wunderbar funktioniert – weil sich die Menschen aufregen können.

“Die User können sich beteiligen”, sagen jene, die diese Erregungsökonomie gerne schönreden. Im Netz sehen wir Tweets zum Thema, Insta-Stories, Videos. Aber wozu? Das Thema ist völlig belanglos. Ohne jede Bedeutung. Es bringt unsere Gesellschaft null voran. An einer ernsthaften Diskussion darüber ist garantiert niemand interessiert. Trotzdem ist es überall präsent. Zeit- und Energieverschwendung.

https://vimeo.com/287796814

Campfire: Fesrival für Journalismus und Digitale Zukunft

Eine Notlandung als Startschuss für ein neues Zeitalter

Doch diese Mechanismen haben Einfluss auf den Journalismus. Nicht nur auf den Online-Journalismus (auf den ganz besonders) sondern auf alle Arten von Journalismus. Journalisten sind getrieben. Schnell, schneller, erster! Wer will schon gerne zusehen, wie die Kollegen früher da sind? Das Internet kann da nur gewinnen. Hier ist alles sofort online – in dem Moment, in dem es passiert. Was auf der Strecke bleibt, ist die Recherche. Das Reflektieren. Das Nachdenken. Das Einordnen.

Eine Zäsur war die Notlandung des Airbus A320 im Hudson River im Januar 2009. Vor zehn Jahren ging ein Foto von dem Flugzeug um die Welt. Aufgenommen von einem Privatmensch. Verteilt über Twitter. Damals konnte man noch gar nicht offiziell Fotos in Twitter einbetten – deshalb wurde nur ein Link geteilt. Doch das Foto wurde praktisch überall verwendet. In Zeitungen, im Fernsehen, online. Twitter hatte gesiegt – über all die anderen.

Seitdem ordnen sich alle unter. Einer eifriger als der andere. Psychologen nennen das: Unterwerfung. Denn alle versuchen schneller zu sein als die Netz-Gemeinde. Und wo das nicht geht, werden ungeniert Onlineinhalte übernommen und zitiert – häufig genug ohne Sinn und Verstand. Oft auch ohne Anstand. Jedenfalls weder im Interesse des seriösen Journalismus, noch überhaupt.

Vielleicht sollten sich Journalisten öfter fragen: Wie würde ich berichten, wenn es das Internet nicht gäbe?

 

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

6 Kommentare

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  2. So wenig der Buchdruck die Kirche im Mittelalter gespalten hat, so wenig verflacht das Internet den Journalismus. Mit dem Buchdruck konnte die katholische Kirche nicht mehr so leicht im Sinne ihrer Dogmen manipulieren, mit dem Internet können Journalisten nicht mehr so leicht im Sinne ihrer persönlichen Meinung manipulieren, aber dafür ist die Pressefreiheit auch nicht da. Der Zeitdruck führt zu einer Eilmeldung, da ist nicht alles bekannt; mehr passiert nicht. Irgendwann wird aber mehr bekannt und hier versagen viel zu oft die öffentlich rechtlichen Medien, besonders der WDR. Es gibt keinen Grund Internet, es gibt einen Grund Sendungsbewusstsein. Manipulation der Journalisten durch Auswahl bez. Verschweigen wird schwieriger bei mehreren Quellen und das Internet ist wie der Buchdruck nur das Medium. Der Klassiker ist das Verschweigen vom Migrationshintergrund.
    Ein Beispiel von vielen, Mord am Bahnhof Iserlohn mit zwei Toten:
    Zur Herkunft sagt der WDR gar nichts oder „der Täter stammt aus Bergisch Gladbach“.
    Eine Boulevardzeitung (Kölner Expresse) informiert besser als der WDR: „Täter und Frau aus dem Kosovo“, „Das zweite Todesopfer, der 23-jährigen Mann, stammte aus Afghanistan“.
    Besser sind auch MK Kreiszeitung, Stuttgarter Zeitung, Muenstersche Zeitung, Rheinische-Anzeigenblätter und dann hatte ich keine Lust mehr im WWW zu klicken.
    Im Prinzip muss man nur die Meldung der Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis im Presseportal vom 18.08.2019, 13:46 Uhr weiterreichen aber der WDR zensiert sogar die Polizei.
    Beim WDR-Online-Bericht ist noch Twitter eingebaut und das darf nicht auf meine PC. Zwei Möglichkeiten, entweder zwitschert jemand etwas unwichtiges oder der WDR selbst überlässt tiefer gehende Infos Twitter und beschwert sich dann über Verflachung, beides wäre schlecht.
    Die öffentlich rechtlichen Journalisten selbst verantworten die Verflachung, andere liefern mehr.

    • “… Manipulation der Journalisten durch Auswahl … ” => Ich bitte darum, in diesem Sinne manipuliert zu werden. Ganz ernsthaft. Wie wohl viele habe ich nicht die Zeit mir hunderte, wenn nicht gar tausende von Seiten zu einer Thematik durchzulesen. Für mich ist die Auswahl ein journalistischer Mehrwert, damit ich das Wesentliche erfassen kann.
      Das es jetzt unterschiedlichste Auffassungen der Leserschaft gibt, wie eine Auswahl zu treffen wäre und was das Wesentliche ist, natürlich wie kann es anders sein. Im Gegensatz zu anderen Ländern, gibt es eine Vielfalt von Medien und man kann dann eine Quelle finden welcher man sein Vertrauen schenkt, bzw. andere Quellen ergänzt.
      Im Sinne des zugrundeliegenden Blogbeitrages, würde ich es eher schätzen wenn man sich bei der Auswahl öfters etwas mehr Zeit lässt. Und mir reicht es bei 99,9 % aller Geschehnissen, wenn ich etwas später informiert werde, dafür dann aber die für mich wesentlichen Punkte und Schlüsse dabei sind.

  3. Damit wirkt sich auch das alte Phänomen “Wer zuerst schreit hat recht”, stärker aus den je. Ein Ruf ist ruiniert, das alte Leben in Trümmern, die Richtigstellung eine Woche später kommt niemandem mehr zu Bewusstsein.
    Jetzt könnte man natürlich an die Professionalität von Journalisten appellieren, lasst Euch doch mal einen Tag mehr Zeit.
    Doch dieser Ruf verhallt im Echo der Unendlichkeit, da ja schon “jedermann, inkl. so manchem Politiker” seine eigenen Fakten hinausposaunt hat. Eine spätere Korrektur der “Fakten” ist dann schon kaum mehr möglich.
    Etwas mehr Langsamkeit von allen würde den Nachrichten und auch unserem Leben im Ganzen gut tun.

    • Ich stimme Ihnen zu. Was den Politikbereich angeht, so sehe ich in Deutschland ohnehin nur noch eine Handvoll Journalisten, die ihren Job/Auftrag -nämlich, das ureigentliche, das neutrale(!) Berichten- ernst zu nehmen scheinen. Der Großteil scheint sich nunmehr dem sog. “Haltungsjournalismus” bzw. dem sog. “liberalen Populismus” verschrieben zu haben.
      Ist mir zwar ziemlich egal, weil ich mich politisch inzwischen nahezu ausschließlich über nicht-deutsche Nachrichtenquellen informiere. Bedenklich, äußerst erschreckend und verachtenswert finde ich allerdings, dass (rückblickend auf jüngste Äußerungen) neben dem religiös- und rechtsmotivierten Antisemitismus, nun auch noch der linksseitig unterstützte Antisemitismus in manchen Print- und TV-Chefredaktionen salonfähig zu werden scheint – ohne jegliche Konsequenzen!

  4. Der Kritiker am

    Und weil alle nur noch getrieben sind, eine noch aktuellere Meldung zu verbreiten, wird keine Meldung mehr hinterfragt, leider wird auch nur noch im Netz recherchiert, für leider zu Fehleinschätzung und in Meldungen zu Fake News! Siehe WDR.

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