Wir brauchen strengere Regeln für Influencer

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Wir brauchen strengere Regeln für Influencer

Kommentare zum Artikel: 8

Die Entwicklung ist besorgniserregend: Eine PR-Agentur namens “Fazze” aus London hat viele namhafte Influencer auf drei Kontinenten kontaktiert – alles gewohnt diskret.

Die PR-Profis wollten die Multiplikatoren für eine Desinformations-Kampagne gewinnen. Ihre Aufgabe: Den Biontech-Impfstoff schlecht machen und über eine angeblich steigende Zahl von Todesfällen berichten. Es wurden auch gleich Fake-Statistiken mitgeliefert, wie viele Menschen nach einer Impfung mit Biontech verstorben sein sollen.

Impfdosen; Rechte: WDR/Schieb

Influencer sollten über hohes Todesraten bei Geimpften berichten

Aufgabe: Influencer sollen Biontech dissen

Auch der deutsche Influencer Mr. Wissen2Go Mirko Drotschmann hat das Angebot bekommen – und empört abgelehnt. Aber mindestens zwei Influencer sind der Aufforderung nachgekommen. Einer aus Brasilien und einer aus Indien.

Laut Recherchen vom ARD-Magazin Kontraste und netzpolitik.org stecken russische Quellen dahinter. Die PR-Agentur in London ist eine Scheinfirma, die ihren eigentlichen Sitz wohl eher in Russland hat – und auf jeden Fall vor allem russische Kunden.

Wer auch immer dahinter steckt: Das Beispiel macht deutlich, dass wir uns längst in einem Info-War befinden. Nachdem es schwieriger geworden ist, auf Facebook, Twitter und Co. politische Kampagnen zu buchen oder Bots Unsinn verbreiten zu lassen, wenden sich die Agitatoren nun an Influencer in aller Welt.

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Influencerinnen bewerben asbesthaltige Crème

Aus Sicht der Manipulatoren ein geschickter Schachzug. Denn Influencer unterliegen kaum einer Kontrolle. Viele von ihnen recherchieren nicht einmal und haben auch keinen Berufsethos. Wenn Geld fließt, wird es gemacht.

Das zeigt ein anderes Beispiel. Der Youtuber Marvin Wildhage hat enormen Aufwand betrieben. Er hat eine Pseudo-Crème namens “Hydro Hype” entwickelt. Der Inhalt: Simple Gleitcreme – aber schick verpackt. Mit fancy Fake-Webseite, um das Produkt zu promoten.

Dann hat der Youtuber diversen Influencerinnen ein Angebot gemacht: Gegen die übliche Bezahlung sollten sie von der Crème schwärmen. Hier im Video die ganze Geschichte.

Haben einige Influencerinnen auch gemacht. Und das, obwohl die Crème keinen Effekt haben kann – und auf der Verpackung als Inhaltsangaben bedenkliche Ingredienzien wie Uran, Asbest und Pipi-Kacka-Seed-Oil angegeben wurden. Hat die Influencerinnen nicht interessiert: Sie haben das angebliche Pflegeprodukt trotzdem in den Himmel gelobt.

Es braucht dringend Regeln – und Haftung

All das zeigt: Wir brauchen dringend Regeln für Multiplikatoren im Netz. Ab einer gewissen Zahl von Lesern oder Zuschauern sollte es strenge Regeln geben – möglicherweise auch eine Haftung. Es kann unmöglich so bleiben, dass Influencerinnen und Influencer für Geld unverantwortliche Dinge sagen oder zum Sprachrohr für Manipulationen werden.

Sorgfaltspflicht gilt auch für Influencerinnen und Influencer.

Viele Menschen informieren sich vor allem, nicht wenige sogar ausschließlich im Netz. Da braucht es Verlässlichkeit – und auch Schutz vor folgenreichen Desinformationen.

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Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

8 Kommentare

  1. Es gibt Regeln und es gibt Haftung für Privatleute und die reichen. Wenn manche Privatleute mit dem größten Blödsinn für manche überzeugender sind als Journalisten muss der Fehler woanders liegen.

  2. Die Influencer werden immer mächtiger, denn das staatlich organisierte Marketing verliert immer mehr an Bedeutung und die Privatpersonen haben immer mehr Macht und Einfluss durch soziale Medien im Internet. Aber genau das ist eben die richtige Richtung in die Meinungsfreiheit. Aber man muss eben diejenigen, die es schaffen sich zu vermarkten und Gehör und Zuschauer finden einschränken und härter kontrollieren, ob es ihm/ihr gefällt oder nicht.

  3. jeder ist heutzutage influencer. kann aber nicht verstehen wie man menschen die einfach ihren ausprägten egoismus zur schau stellen soviel macht verleihen kann.

  4. Inglaterra am

    Ich finde es bedenklich, dass so viele Mediennutzer solchen Influencern wie die Schafe hinterherrennen. Ich meine, Fernsehwerbung ist ja schon bloed und meistens so nervig, dass ich die beworbenen Produkte schon aus Prinzip vermeide. Aber dann solchen Influenzern hinterherzurennen, die weder Fachkenntnisse noch belegbare Quellen fuer Aussagen mitbringen – das ist ja noch eine Magnitude schlimmer.

    Medienkompetenz ist hier gefragt. Wenn ich schon sehe, welchen Mist meine Facebookfreunde so teilen, weil am Ende doch steht, dass man es teilen soll … obwohl ein kurzes kritisches Hinterfragen oder eine schnelle Internetsuche ausreicht, solche dubiosen Aussagen zu entlarven.

    Manchmal glaube ich, viele Internetnutzer wollen einfach in die Irre gefuehrt werden.

  5. Wichtiger wäre es, Medienkompetenz zu lehren. Es sind nicht nur Influencer:innen, die beeinflussen. Leider kam erst vor kurzem eine Studie zu dem Ergebnis, dass Deutsche nur sehr geringe Medien- und Lesekompetenz haben. Auch hier versagt unser Schulsystem leider.

    • Rolf Drewes am

      Es versagt nicht das Schulsystem, diese Sichtweise und Ausdrucksform ist mir zu anonym. Es versagen diejenigen die das Ganze strukturieren müssen, die Menschen dahinter, und das weil sie nicht kennen was sie regeln müssen. Ich bin kein Freund von Quoten, aber wie wäre es mit Generationenquoten in den Parlamenten, beginnend in den Städten und Kreisen… statt warmer Sessel für die, die schon auf ihre Rente schielen.

  6. Gilt das z.B. auch für App-promotende Rapper und deren Fans aus Politik und Medien, die, trotz massivster Kritik von CCC, Theresa Stadler (Uni Lausanne) und mindestens 300 weiteren (“digikoletter”), weiterhin behaupten/influencen (dürfen): “Es gibt keine gravierenden Sicherheitsmängel”? ;)

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