Wir gucken, die verdienen

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Wir gucken, die verdienen

Kommentare zum Artikel: 10

Mit der Aufmerksamkeit ist das so eine Sache. Generationen von Lehrern wissen um das Problem: Auch nur für wenige Minuten die ungeteilte Aufmerksamkeit von 30 Schülern zu bekommen, ist fast völlig unmöglich. Zumindest in der Schule. Eigentlich generell im Leben. Es sei denn, wir reden von Games wie Fortnite, Videoplattformen wie YouTube oder von sogenannten sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Snapchat. Denen schenken Milliarden Menschen auf der Welt mühelos endlose Aufmerksamkeitsspannen.

Unsere Aufmerksamkeit ist bares Geld wert; Rechte: WDR/Schieb

Unsere Aufmerksamkeit ist bares Geld wert

Studie belegt: Sechs Stunden täglich online

Wie die neue Onlinestudie von ARD/ZDF belegt, sind mittlerweile nicht nur 90% aller Deutschen online, sondern die unter 30-Jährigen sogar sechs Stunden täglich. Sechs Stunden Aufmerksamkeit! So manchem Lehrer kommen da erst die Tränen, dann wird er sich fragen, wie das geht. Es ist also durchaus eine Frage des Angebots, wie viel Aufmerksamkeit man bekommt. Online und Games sind offensichtlich attraktiv. Niemand wird bestreiten können, dass der Großteil dieser online verbrachten Zeit nutzlos ist. (Nicht sinnlos – macht bestimmt Spaß. Aber eher nutzlos. Erschreckend häufig sogar schädlich.)

Genau das wird zunehmend zum Problem. Laut einer Studie gehen junge Männer in den USA deutlich später arbeiten als in früheren Zeiten. Sie bleiben länger zu Hause wohnen. Videospiele stehen im Verdacht, diese Trägheit zu befördern. Das könnte man für Einzelschicksale halten, ist aber ein volkswirtschaftliches Problem. Wenn es denn so stimmt, dass tatsächlich der Anteil der 20- bis 24-Jährigen, die keiner eigenen Arbeit nachgehen, um zehn Prozent zugenommen hat. Deshalb denken manche – etwa die Autoren des Blogpost – über eine Aufmerksamkeitssteuer nach.

https://vimeo.com/278489414

Algorithmen sorgen gezielt dafür, dass wir viel Zeit in den Diensten verbringen

Jede Sekunde Aufmerksamkeit kostet

Wie in dieser Spiegel-Kolumne diskutiert, würde das eine Menge verändern. Müssten Unternehmen wie YouTube, Facebook oder auch Epic Games (Fortnite) tatsächlich für jede Aufmersamkeitssekunde Steuern zahlen, wären sie anders optimiert. Es würde weniger Schwachsinn gezeigt. Werbung würde teurer. Am Ende würden aber wohl eher keine Probleme gelöst, sondern nur neue geschaffen. Trotzdem ist so eine Steuer ein interessanter Gedanke – weil zumindest die Tatsache deutlich wird: Die Gemeinschaft verliert durch zu viel online verbrachter Zeit.

Facebook macht in einem Quartal 13 Milliarden Dollar Umsatz. Über 23 Dollar pro Kopf! Unsere Aufmerksamkeit ist also tatsächlich Gold wert. Facebook verdient mit jedem US-Amerikaner mehr als Netflix an Gebühren nimmt. Google macht sogar den 4-fachen Umsatz. Mächtig viel Geld, das mit der Aufmerksamkeit von Milliarden Menschen gemacht wird – und das zu geringerer Arbeitskraft führt, die woanders fehlt. Von anderen Aspekten ganz zu schweigen. Aber kann eine Aufmerksamkeitssteuer das ausgleichen?

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

10 Kommentare

  1. Ich denke, dass jeder selbst wissen sollte, womit er seine Freizeit verbringen möchte. Ob es nun mit Freunden ist, oder mit dem PC spielen. Das sollte jedem selbst überlassen werden. Man kann nicht alles dem Menschen vorschreiben.

    Dennoch finde ich persönlich Angebote in einem Restaurant zb. super, wo man 20% Rabatt auf Getränke bekommt, wenn man das Handy für den ganzen Abend abgibt. Wir haben dies ausprobiert und es war ein echt super und lustiger Abend. Es geht also auch ohne – wenn man möchte…..

  2. Dann muss auch das Kino, die Bar , mein Motorradhersteller etc. eine Aufmerksamkeitssteuer zahlen. Am Ende würde es der Verbraucher zahlen, da auf die Kinokarte, das Getränk, das Motorrad oder die Software aufgeschlagen.

  3. Gesellschaftliche Einbußen durch zu starke Bindung menschlicher (Aufmerksamkeits-) Ressourcen durch Online-Inhalte.
    Diese Inhalte sind teils nicht kostenpflichtig, werden aber durch (ständige) Werbung finanziert. Außerdem werden Nutzerdaten u. a. über Tracking-Tools gesammelt und ausgewertet, um gewinnbringendere (personalisierte) Werbung vermarkten zu können.
    In einigen Köpfen ist nun die Idee einer Aufmerksamkeitssteuer oder Lebenszeitmehrwertsteuer entstanden, um die Konzerne für den der Gesellschaft entstehenden Schaden zur Kasse zu bitten.
    So habe ich das zumindest verstanden.
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    Ist das Satire?
    Sehen Leute wie Kortina, Patel oder Stöcker keine anderen (gesellschaftlichen) Probleme?
    In einigen Kommentaren unter dieser Stöcker-Kolumne wurde z. B. angesprochen, dass die Online-Welt sich zum Opium entwickeln kann, da manchmal eine reelle Lebensperspektive fehlt: Einigermaßen gut bezahlte Einstiegsjobs erst nach -zig Jahren unbezahlten Praktika. Oder hohe Uni-Gebühren. Oder überhaupt einen bzw. parallel mehere Anstellungen zu finden, um sein Auskommen zu haben.
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    Gesellschaftliche Probleme?
    Fallen darunter möglicherweise und ganz vielleicht auch mangelnde Anerkennung für gesellschaftliches Engagement, viel zu schlecht bezahlte Arbeit oder der Umstand, dass durch Internetanbindungen nicht nur “normales” HomeOffice, sondern auch so etwas wie moderne Sklaverei entstanden ist – Stichwort: “Mikro-Jobs”?
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    Bei Steuern wäre ja wohl der Gesetzgeber, also “die” Politik gefordert.
    Und der liegen doch immer noch abgelegene Gewerbegebiete ohne schnelle Internetanbindung in den Ohren, oder nicht?
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    Klar: Jede Art Infrastruktur kostet Geld.
    Ich finde es ja schon gut, dass die Politik jetzt (wohl?) überhaupt aktiv werden möchte und hier und da einzugreifen versucht, anstatt den Internet-Riesen weiter beim Spielen zuzuschauen.
    “Die Politik”, ein oller Begriff, von dem wir uns immer so weit weg wähnen. Doch wir s i n d die Politik – irgendwie, jedenfalls.
    Also, wie will diese Politik das ungebremste Sammeln, Weitergeben und Auswerten unserer Daten reglementieren? Über die Google-Mastercard-Connection bin ich nämlich z. B. nicht amüsiert (siehe u. a.: Artikel vom 01.09.’18 bei Heise: “Google übermittelt Mastercard-Transaktionsdaten an seine Online-Werbekunden”). Netzneutralität und DSGVO können doch nur ein Anfang sein.
    Oder wie will sie die ganz Großen überhaupt in Schranken weisen? Nötig wäre das – oder bricht dann die ganze Gesetzgebung um uns herum zusammen?
    Hier ein Artikel, der vielleicht etwas nachdenklich stimmt: “Missing Link: Vom Netz der Netze zur Content Delivery Plattform – ist das Internet noch zu retten?”, erschien am 25.03.’18 bei heise.de.
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    Aufmerksamkeitssteuer? – Nee, ich sehe da andere Herausforderungen, die Vorrang haben sollten.

  4. SUCHTFREI_UND_UNABHÄNGIG am

    Auch wenn es immer wieder wiederholt werden muß, so wird es dadurch ja nicht weniger wahr:
    Die immer weiter steigenden Online-“Verweil”-Zeiten von immer mehr Menschen sind in viel größerem Ausmaß Ausdruck von Abhängigkeit und Sucht, als Berichterstattende und natürlich die betroffenen Abhängigen (zu denen häufig die Berichterstattenden leider selbst zu gehören scheinen,) selbst es wahrhaben wollen oder können.
    Zudem beschäftigen die Betreiber der asozialen Medien und ihre Komplicen bei Google und anderen eigene Fachkräfte, die nur dafür da sind, Strategien und Programme zu entwickeln, die die Menschen noch länger online halten sollen.
    Dazu gesellen sich eine Politik und eine Berichterstattung, bei denen man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, daß Digitalisierung für sie eine regelrechte Ersatzreligion ist: Digital = Fortschritt und Paradies – Analog = Veraltet-Rückschritt-Hölle.
    Und des Weiteren werden natürlich die asozialen Medien und alles andere Digitale mit “Zückerchen” versehen, deren Genuß den Abhängigen vorgaukeln soll, die Verwendung von Smartphones und den Apps darauf sei ja nur praktisch und vorteilhaft und habe mit Sucht nichts zu tun – dabei haben genau diese Menschen vor gar nicht so langer Zeit alles das, von dem sie jetzt meinen, es gehe nur digital, komplett analog und genau so gut, wenn nicht besser erledigt – so, wie ich es immer noch tue!
    Man erinnere sich an die Alko-Pops-Debatte: Deren Hersteller haben die auch mit besonders viel Zucker versehen, um Menschen, seinerzeit: Insb. junge Mädchen, in die Abhängigkeit zu treiben.
    Die “praktischen” Apps und die angeblich bessere Kommunikation und Ähnliches sind die Zucker der Digitalindustriegangster.
    Was not tut, sind Suchtaufklärung, Ausstiegshilfen und Prävention – und NICHT immer noch mehr Vergottung alles Digitalen!
    Gott (also: dem ECHTEN) sei Dank bilden sich ja erste Widerstandsgruppen, u.a. in Form von Digital-Detox-Initiativen, und ist auch Manfred Spitzer schon lange nicht mehr allein – immer mehr weitere Wissenschaftler*innen nennen z.B. Smartphones und deren Apps etc beim richtigen Namen: DIGITALES CRACK.

  5. Wenn man es mal zu Ende denkt, ist es völliger Schwachsinn. Das Verbringen meiner Freizeit mit meinem “Ding” soll Steuern kosten? Dann muss auch das Kino, die Bar , mein Motorradhersteller etc. eine Aufmerksamkeitssteuer zahlen. Am Ende würde es der Verbraucher zahlen, da auf die Kinokarte, das Getränk, das Motorrad oder die Software aufgeschlagen.
    Oder ist Mutter des Gedanken eher, dass humanistische Bildung gesellschaftlich nicht gewünscht ist, da sie den Menschen zum Nachdenken anregt und ihm eine kritischere Sicht auf die Welt ermöglicht. Orwells schöne neue Welt scheint bald erreicht. Jedenfalls in den kranken Köpfen derer, die eine Aufmerksamkeitssteuer in den Raum werfen. Oder wollten die nur provozieren?

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