Desinfomation kommt immer öfter über den Messenger

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Desinfomation kommt immer öfter über den Messenger

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Nicht mehr lange, und in Deutschland wird gewählt. 82% der Deutschen haben laut einer aktuellen Umfrage der Landesanstalt für Medien (LfM) Angst vor Manipulationsversuchen im Internet.

Zu Recht fürchte ich, denn die meisten Menschen informieren sich heute auch oder sogar vor allem „im Internet“. Und damit sind dann häufig nicht die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen und Archive der seriösen Zeitungen gemeint, sondern Facebook, Instagram und womöglich auch Telegram.

Deepfakes: Facebook will sie in seinem Netzwerk bekämpfen, Rechte: WDR/Schieb

Fakes: Immer achwerer zu erkennen – aber im Netz allgegenwärtig

Es wird Desinformation und Manipulationsversuche geben

Man muss kein Hellseher sein: Es wird gezielte Desinformation und Manipulationsversuche zur Bundestagswahl geben. Es gibt sie garantiert jetzt schon. Das Problem: Manipulationsversuche sind immer schwieriger zu erkennen – weil sie nicht mehr so plump gemacht sind wie vor zwei, drei Jahren.

Desinformation ist schwieriger als solche zu erkennen, so das Ergebnis der aktuellen „Studie zu Desinformation„, die gerade von der Vodafone Stiftung herausgegeben wurde. Laut Studie sind „ältere Menschen tendenziell empfänglicher für Falschmeldungen als junge“, so die Studie.

Doch besonders besorgniserregend ist laut den in der Studie befragten Experten die zunehmende „Messengerisierung von Falschformationen“. Gemeint ist damit: Die meisten Falschmeldungen verbreiten sich nicht mehr auf Facebook oder Instagram – wo immerhin etwas dagegen unternommen wird (auch wenn das längst nicht reicht) -, sondern auf und in den Messengern.

Wo hört Satire auf, wo fängt Manipulation an: Es könnten DeepFake-Videos kursieren; Rechte: WDR/Schieb

Wo hört Satire auf, wo fängt Manipulation an: Es könnten DeepFake-Videos kursieren

Messenger spielen eine zunehmend große Rolle

Wichtigste Plattform für die Verbreitung von Falschmeldungen ist demnach WhatsApp – gefolgt von Facebook und Youtube. Doch während Meldungen auf Facebook und Youtube öffentlich sind und von Algorithmen entdeckt und ggf. gesperrt werden können, ist das bei Messengern wie WhatsApp oder Telegram nicht möglich.

Hier sind die Nachrichten verschlüsselt – und können daher nicht oder nur schwer eingedämmt werden. Besonders relevant bei der Verbreitung von Desinformation ist laut Studie auch Telegram, obwohl dieser Messenger eine vergleichsweise geringe Verbreitung hat. Aber hier gibt es die Möglichkeit, „Kanäle“ einzurichten. Darüber lassen sich viele Menschen erreichen – mehr als bei WhatsApp – und man ist gleichzeitig geschützt vor Algorithmen, die kontrollieren und blockieren.

Es hilft nur Medienkompetenz

Fakten-Checks oder das Konzept der Gegenrede – die auf Facebook, Youtube und Co. einen gewissen Effekt erzielen -, gibt es auf Telegram oder WhatsApp nicht.

Die Manipulation erfolgt schleichend: Durch Wiederholung von Behauptungen, durch das Verbreiten manipulierter Inhalte (etwa: DeepFakes) und durch gezielte Verunsicherung. Die Akteure setzen auf das Motto „steter Tropfen höhlt den Stein“.

Dagegen helfen keine Algorithmen und auch keine KI. Da hilft nur Medienkompetenz – auch in den Medien selbst. Laut Studie hätten traditionelle Medien kaum dazugelernt, wie sie Desinformation in ihrer Berichterstattung thematisieren, ohne dabei zur ihrer Verbreitung beizutragen.

Nicht jeder Windhauch auf Twitter ist tatsächlich die Aufregung und eine Schlagzeile wert. Das müssen also auch die Profis noch lernen – und die User, nicht jeden Aufreger gleich weiterzureichen.

Verschwörungserzählungen in den Sozialen Medien sind eine große Herausforderung

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

9 Kommentare

  1. Hmm… ich bin in drei völlig abstrusen Telegram-Gruppen unterwegs: ARD, Volksverpetzer und im Corona-Info-Kanal des Bundesministeriums für Gesundheit.
    Zusammen erreichen diese weit über 60.000 Telegram-Nutzer! Keine andere App kann derart einfach so große Benutzergruppen händeln!

    Und was haben unsere demokratischen Instanzen Telegram gefeiert, als der Ultra-Böse aus Moskau sich an dem Messenger die Zähne ausbiss. Bis unseren Schlapphüten auffiel: „Wenn der Putin da nicht ran kommt, können WIR ja auch nicht…!??!“

    Seitdem ist Telegram völlig Bähh! Aber sowas von… Und „Digitalistan“ ganz vorne mit dabei! 🤬

  2. Zunächst mal muss es grundsätzlich unzensierte Online-Plattformen geben, von wo ungehindert Informationen, Videos usw. abgerufen werden können. Der Staat hat in Messengern nichts verloren, weder zum Schnüffeln noch zum Zensieren. Da klingt schon der Wunsch durch, hiesige Social Media so wie die chinesischen Social Media-Varianten zu gestalten, und das darf nicht sein!

    Ich bin zwar auch mittlerweile über den Corona-Bullshit verärgert, wenn sich Leute im Umfeld nicht impfen lassen wollen. Desinformation gibt es aber in den etablierten („Mainstream“)-Medien auch nicht zu knapp. Ein Unterschied bei Social Media ist vielleicht, dass die vermehrt kompletten Bullshit verbreiten, auch da, wo durch Wissenschaft relativ gesicherte Wahrheiten existieren (Klima, Corona), und dass sie bisweilen komplette Bullshit-Weltbilder vermitteln, wie allgemeinen Verschwörungsglauben und „Super-Verschwörungstheorien“ wie QAnon.

    Was hier läuft, ist ein Machtkampf der etablierten Medien, durch Einfluss auf Politik und Gesetzgebung die alte, unangefochtene Machtposition der „4. Gewalt“, der eigenen Medienobrigkeit, wieder zu bekommen. Mit dem EU-„Artikel 13“, mit dem Vordrängeln in Suchmaschinen und Videoplattformen. Deswegen haben wir jetzt wieder die Online-Ableger der Bild-Zeitung vorne in den Suchergebnissen, die keinen Deut weniger desinformativ sind als einschlägige Social Media-Outlets. Deswegen ist es schwer, bei Gesetzes-Debatten in der Politik mal an echte Gesetzestexte, bzw. Entwürfe, zu kommen, deswegen findet man nicht mehr leicht wissenschaftliche Verlautbarungen, weil massenhaft die Mainstreammedien nach vorne geschoben werden – oft die immer gleichen Agenturmeldungen in verschiedenen Publikationen und nutzlos hinter Paywalls. Google ist z.B. als Suchmaschine nur noch sehr eingeschränkt zu gebrauchen.

    Da ist zum einen das Verfolgen eigener Interessen, Narrative und Konsense durch die etablierten Medien, was nicht unbedingt den Interessen der Allgemeinheit entspricht. Die Grenzen von tendenziöser Themenwahl und tendenziösem Inhalt zu Fake News sind bisweilen fließend. Klassiker ist die Flüchtlingskrise 2015 – wobei die Aufgabe eben nicht eine „kritische“ oder politisch „rechte“ Berichterstattung gewesen wäre, sondern überhaupt erst mal Berichterstattung, allumfassend, ohne Agitations-, Lenkungs- oder Erziehungsabsichten. Damit hätte man Probleme, wie das Einsickern von Kriminellen und Terroristen, rational als solche behandeln können, ohne dass eine Schlacht ideologischer Weltsichten zu Migration im Vordergrund gestanden hätte.

    Dass „seriöse“ Medien keine Desinformation verbreiteten, konnte auch nur deshalb suggeriert werden, weil solche oft nicht von anderen Medien thematisiert wird, vor allem, wenn sie sich gegen gesellschaftliche Ränder richtet. Deutlich wurde das bei der „Killerspiele“-Debatte der Nullerjahre, wo sich das NDR-Magazin „Panorama“ im Februar 2007 einen besonders dreisten Desinformations-Beitrag leistete und sich mit Beißen und Treten gegen jedes Eingeständnis von Fehlern wehrte – trotz mehrerer offensichtlicher Fälschungen und Entstellungen, und obwohl man aus Bequemlichkeit auf PR-Material einer Zensur-Firma zurück gegriffen hatte. Die hatten damals nur verschlafen, dass Videospiele sich vom Randphänomen zum Mainstream entwickelt hatten, dass die Opposition massiv war und, sonst eher selten, auch in Mainstream-Medien kritische Beiträge kamen. Das war mal ein Sternstunde von „Alternativmedien“ und Social Media, als sie Desinformation, in anderen Fällen zumindest Einseitigkeit, vom Thron vermeintlicher „Wahrheitsverkündung“ stießen.

    Mit Corona und Klimawandel haben sich viele Alternativmedien selbst geschadet, weil sie sich in Opposition zum Mainstream auf objektiv falsche Inhalte einließen. Das ist ein Schaden, macht die Alternativen, die an den klassischen Redaktionsstuben vorbei gehen, aber nicht überflüssig!

    • Carsten Mohr am

      “ Deswegen haben wir jetzt wieder die Online-Ableger der Bild-Zeitung vorne in den Suchergebnissen, die keinen Deut weniger desinformativ sind als einschlägige Social Media-Outlets.“ und dann kommt doch eigentlich die richtige Antwort: „Die Grenzen von tendenziöser Themenwahl und tendenziösem Inhalt zu Fake News sind bisweilen fließend. “
      Die Bildzeitung wird keine Desinformation betreiben. Sie wählt ihre Themen nur nach dem möglichen Interesse seiner Leserschaft aus. Was ein Appel auch, bezahlen die doch das Blatt. Und wer die Kapelle eben zahlt, bestimmt auch, was gespielt wird, sozusagen.

  3. Carsten Mohr am

    Wann immer eine größere Grüppe Personen mit einem Medium regelmäßig und in vertrauenswürdiger Form erreichbar sind (dazu zählen Zeitungen, ÖRR und private Messenger weil hier immer „Privatsphäre“ mit ehrlichen Inhalten verwechselt wird) ist das auch Ziel von möglichen unredlichen Kampagnen, Lobbyisten und Desinformationen. Deshalb, weil ein einzlner desinformiert nichts ausrichten bzw. nicht schaden kann. Viele dagegen schon. Man muß sie nur erreichen.
    Trotzdem, auch hier wird langsam, da bin ich mir ganz sicher, ein Umdenken einkehren und die Menschen werden, ähnlich wie seinerzeit bei der Bild-Zeitung, den rechten Glauben an die Wahrheit oder zumindest Redlichkeit der Absichten zweifeln (wobei man der Bildzeitung lediglich hinsichtlich der Themenauswahl Vorwürfe machen könnte. Dann müßte man aber die T.A.Z. und andere ebenfalls schärfer auf’s Korn nehmen). Bei der thematischen Vielfalt, der sich unsere vordenkende intellektuelle Gesellschaftsschicht widmet, muß der gewöhnliche Bürger zwangsläufig kapitulieren.
    Reduce to the max ist hier das Schlagwort. Und auch unsereins, der Thematisch breiter aufgestellt und zeitlich komfortabler ausgestattet ist (oder von Berufswegen) kommt in die Situation, einer Art Triage gleich (in kaufm. Sicht) eine Auswahl treffen zu müssen und sich diesen Themen dann vertiefend widmen zu können.
    Beispiel Tempo 130 und Intersektionalem Feminismus, welches Thema polarisiert stärker? Es hat immer mit dem Mainstream der Interessen zu tun. Tempo 130 wird jeden, der Auto fährt oder mitfährt interessieren bzw. zu mehr oder weniger vernünftigen Diskussionsbeiträgen verleiten.

  4. Die Studie der Landesanstalt für Medien NRW kann man in die Tonne kloppen!

    Das ist weitgehend Müll, damit kann man nicht viel anfangen, das ist selbst Manipulation pur. Bei der Pressemitteilung der Landesanstalt vom 27.7. kommt man zu der Aussage:
    „91 Prozent der Befragten Internetnutzerinnen und -nutzer geben an, dass sie befürchten, dass andere sich durch politische Desinformation beeinflussen lassen.“

    Das findet man wieder auf der dort verlinkten Power-Point-Präsentation auf der Seite 55. Dann muss man zurückblättern und es wird deutlich wie man systematisch in zu dieser Aussage hinmanipuliert wird; über Fragen nach verdeckter, unseriöser oder manipulativ falscher Wahlwerbung. Das ist eine der „wissenschaftlichen“ Studien, bei der das Ergebnis schon vorher feststeht und nur noch gezielt die Belege dafür sucht. Nebenbei steht noch in der Studie auf Seite 7: „Messengerdienste spielen kaum eine Rolle.“ Den Rest habe ich mir dann nicht mehr angesehen und die Mühe mir Ergebnisse von Vodafone anzusehen mache ich mir erst gar nicht. Aber ich kann auch viel erzählen wenn der Tag lang ist, also am besten selbst mal mit kritischer Distanz ansehen.

    Zum Vergleich habe ich mir mal den letzten Deutschland-Trend der Tagesschau angesehen. Zur Frage zum „Handlungsbedarf beim Klimaschutz“ hat man die Auswahl zwischen sehr groß, groß, wenig, und gar nicht; das völlig ohne vorbereitende Fragen zur Einstimmung. Diese Differenzierung findet man bei der anderen Studie nicht.

    Ich stimme zu, man braucht mehr „Medienkompetenz“. Die kritische Distanz braucht man aber auch gegenüber Anbietern, die nicht manipulieren sollten und von denen man das eigentlich auch nicht vordergründig erwartet. Und wenn Wahlen aus Mainstreamsicht in die Hose gehen liegt das an der Summe der realer Fehlentwicklungen, nicht an Desinformation von wem auch immer.

    • Die Studie muss aber stimmen! Ich zählte vorhin in der Fußgängerzone die Menschen in Zehnergruppen ab. Und mindestens 8 von 10 zitterten vor lauter Angst wegen der Möglichkeit manipulierbarer September-Wahlergebnisse oder vielleicht auch vor der Delta-Variante oder vor der Klimakatastrophe oder vor den Rechten oder vor der Alien-Invasion. Spaß beiseite, der Angst-Titel ist doch schon manipulativ. Wenn ich mich um etwas sorge, heißt das noch lange nicht, dass ich davor auch Angst habe. Ich sorge mich z.B. auch um illegale Schusswaffen im Umlauf, aber Angst, durch eine solche erschossen zu werden, habe ich absolut nicht. Der Ruf der beauftragten Umfrage-GmbH ist auch nicht unumstritten. Abhaken und vergessen. Wie die meisten „repräsentativen“ Umfragen und Interviews.

    • Lustig: Die letzte zitierte Studie (ich find’s nicht mehr…) hatte im Gegensatz zur oben genannten m.E. zum Ergebnis, dass gerade jüngere Menschen viel unkritischer gefälschten Müll aufnehmen und weiterverbreiten. Hier sind’s nun die Alten. Also wie man’s macht, ist’s nix.
      Okay, beides mag zutreffen: die Influencer-influenzten Twens denken gerne genauso unkritisch wie die Enkeltrick-Opfer. Beide Gruppen wachsen in erschreckendem Maß (und werden gern auf ihre ganze Altersklasse pauschalisiert). Und beide dürfen wählen.
       
      Und was tun wir jetzt dagegen?
       
       
      PS: Leerzeilen hier im Blog kann man auch ohne – erzeugen: die Tastenkombination Alt+255 erzeugt ein unsichtbares Zeichen, das aber kein Leerzeichen ist :)

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