Thinstagram: Wie Instagram Magersucht und krankhafte Körperbilder verherrlicht

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Thinstagram: Wie Instagram Magersucht und krankhafte Körperbilder verherrlicht

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Wer strebt schon ein Körpergewicht von 35kg an und findet hervorstehende Rippen schön?

Es sind vor allem Menschen mit ausgeprägten Essstörungen. Meist junge Mädchen oder Frauen, die sich gegen jede Vernunft krank hungern. Frauen, die unter Anorexie leiden.

Auf Instagram sind viele von diesen Frauen zu sehen. Sie präsentieren sich – und motivieren sich häufig gegenseitig, noch weiter abzunehmen. In Insiderkreisen werden solche Frauen „Thinfluencer“ genannt. Influencerinnen, die immer noch dünner werden wollen. Auf diese Weise entsteht eine gefährliche Sogwirkung: Jede einzelne sieht, was andere „erreichen“ und versuchen, noch dünner zu werden.

Wer mager ist, bekommt viele Bilder von noch dünneren Menschen gezeigt; Rechte: WDR/Schieb

Wer mager ist, bekommt viele Bilder von noch dünneren Menschen (Thinfluencer) gezeigt

Ein Feldversuch: unheilvolle Spirale

Forscher des Projekts Resets (die ein Gegengewicht zu den großen Onlineriesen sein wollen) haben sich genau angeschaut, wie solche Mechanismen auf Instagram funktionieren. Ein gut dokumentierter Feldversuch. Die Forscher haben ein neues Instagram-Profil eröffnet und dort sechs (erschreckende) Fotos eines abgemagert Mädchens gepostet (die wir an dieser Stelle weder zeigen, noch verlinken wollen). Das hat schon gereicht, um innerhalb kürzester Zeit 900 Follower zu gewinnen.

Die User des Fake-Accounts haben vor allem Fotos anderer abgemagerter Mädchen präsentiert bekommen. Wer einigen wenigen Konten der Thinfluencer-Szene folgt, bekommt vom Algorithmus Aufnahmen aus dieser Blase angezeigt Schlimmer noch: Selbst Werbung für Diäten erscheinen. Mädchen, die eigentlich dringend medizinische und psychologische Hilfe brauchen, werden angestachelt, weiter abzunehmen. Sie bekommen anorektischer Körper gezeigt – und Diät-Pillen.

Das Netzwerk hilft den Betroffenen also nicht, sondern macht die Sache noch viel schlimmer.

16-Jährige berichten über ihren Gewichtsverlust; Rechte: WDR/Schieb

16-Jährige berichten auf Instagram über ihren Gewichtsverlust

Instagram unternimmt nicht genug

„Wir entfernen Inhalte, die Essstörungen verherrlichen oder Anregungen dazu geben“, behauptet der Konzern im Hilfebereich. Aber dass das nicht stimmt, davon kann sich jede/r selbst überzeugen, der oder die „Thin“ als Suchbegriff eingibt. Instagram gibt sich nicht genug Mühe, Fotos, Videos und Konten zu sperren, die eindeutig Anorexie begünstigen.

Doch Instagram blockt nicht nur nicht, sondern verbreitet die Inhalte sogar aktiv. Das zeigt das ungeheure Wachstum des Test-Accounts. „Was wir brauchen, sind Gesetze, die nicht nur sicherstellen, dass Sicherheitsmaßnahmen für Kinder vorhanden sind, sondern auch, dass sie tatsächlich funktionieren“, fordern die Forscher von Reset – und haben damit völlig Recht.

Das ist mit den „toxischen Körperbildern“ gemeint, die Whistleblowerin Frances Haugen bei den Anhörungen beklagt hat. Das Schlimme ist – und das belegen die geleakten Dokumente: Das Management von Facebook und Instagram weiß um die dramatische Situation. Unternimmt aber trotzdem nichts. Umsatz ist wichtiger.

So funktionieren die Mechanismen von Thinstagram

Über den Autor

Jörg Schieb ist Internetexperte und Netzkenner der ARD. Im WDR arbeitet er trimedial: für WDR Fernsehen, WDR Hörfunk und WDR.de. In seiner Sendung "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde berichtet er seit 20 Jahren jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich.

2 Kommentare

  1. Soziale Netzwerke sind Spiegel der Gesellschaft, nicht Oberlehrer der Nation.
    Übrigens sind öffentlich rechtliche Medien auch nicht Erziehungsbeauftragte, im Haltungsjournalismus ernennt man sich nur selbst dazu und die Meinungsvielfalt bleibt auf der Strecke.
    Übrigens sind Soziale Netzwerke auch nicht sozial sondern Werbe- und Datenabgreifnetzwerke deren Zweck es ist Rendite für Eigentümer zu erwirtschaften.

    „Instagram unternimmt nicht genug“
    ist schlecht verschlüsselter Code für
    Instagram zensiert nicht genug.

    Innerhalb jeder Blase neigt man zur Übertreibung aber so lange man sich an die Gesetze hält ist es weder Aufgabe eines Plattformbetreibers noch Aufgabe öffentlich rechtlicher Medien gemäß eigenen Weltbild zu zensieren. Darauf hinzuweisen, dass es in einer Blase bedenkliche Entwicklungen gibt geht ja in Ordnung, Zensur über gesetzliche Vorgaben hinaus nicht. Das alles gilt dann aber auch für Blasen deren Kern dem eigenen Weltbild entspricht aber bei Corona und Klima kann es oft gar nicht radikal genug sein.

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