Das Märchen von den unpolitischen Games

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Das Märchen von den unpolitischen Games

Kommentare zum Artikel: 5

Politik hat in Videospielen nichts verloren – diesen Standpunkt vertreten manche User und auch Games-Konzerne. Ubisoft etwa stellt für seine Games immer wieder fest, dass sie keinerlei politische Aussage hätten. Wer aber das neue “Watchdogs” von Ubisoft gespielt hat, in dem es um einen Überwachungsstaat in einem England nach dem Brexit geht, weiß, dass das nicht stimmt.

Aber selbst vermeintlich unpolitische Spiele können politisch werden. Spätestens wenn Politiker selbst anfangen zu spielen.

Auch unpolitische Spiele werden politisch

Das beste Beispiel dafür ist der Überraschungserfolg “Among Us”. Das ist ein Online-Mehrspieler-Game: Auf einer Raumstation laufen bis zu zehn Figuren herum, mindestens eine von ihnen ist ein Verräter und bringt nach und nach seine Mitspieler um.

Eine Szene aus dem Spiel "Among Us". Bild: Among Us/ Innersloth

Die Unschuldigen müssen nun herausfinden, wer der Verräter ist, und verurteilen sich gegenseitig, bis der Verräter gefunden ist.

Eine der Spielerinnen ist die demokratische US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez. Sie hat vor mehr als 400.000 Zuschauern live “Among Us” gespielt und nebenbei zum Wählen aufgerufen. Inzwischen haben mehr als fünf Millionen Menschen ihre Spielpartie auf Twitch gesehen.

Doch es hat nur wenige Tage gedauert, bis eine Gegenreaktion von republikanischen Anhängern folgte: Hacker und Trolle fluteten die Online-Partien, belästigten Spieler mit Spam und riefen ebenfalls zur Wahl auf: Trump2020!

So funktioniert “Among Us”.

Laut dem Entwicklerteam Innersloth sind bisher 1,5 Millionen Partien betroffen. Die hilflose Reaktion: Die Spieler sollten vorerst nicht öffentlich spielen und sich auf private Runden mit Bekannten und Freunden beschränken.

Die Spieleentwickler wurden von politischer Propaganda überrannt – und sie sind damit nicht alleine.

Steam, die wichtigste Plattform für PC-Spiele, hat jeden Monat 90 Millionen aktive User. Darunter auch rechte Extremisten, die in Steam-Foren Hassbotschaften und ihre Ideologie verbreiten. Teilweise tauchen sogar rassistische Games auf Steam auf.

Zu wenige Moderatoren auf Steam

Offiziell ist Hatespeech auf Steam verboten. Aber Steam kann sich nicht wehren. Weltweit gibt es nach eigenen Angaben 26 Moderatoren, die Hälfte davon ehrenamtlich. Während ich diesen Text geschrieben habe, waren vier Moderatoren auf Steam online.

Es ist diese Hilflosigkeit, die Sorgen macht: Offenbar weiß die Games-Branche nicht, wie sie auf solche Arten politischer Propaganda reagieren soll. Sie braucht Strukturen, sie muss vorbereitet sein, sie muss Hacker und Hatespeech konsequent rausschmeißen. Der nächste Propaganda-Sturm kommt bestimmt.

Videospiele sind unpolitisch? Auf keinen Fall.

Über den Autor

Mit "Doom" fing es an; seitdem haben digitale Spiele Thomas Ruscher nicht mehr losgelassen. Wenn er nicht gerade selbst spielt, schreibt und spricht er über Battle Royale, Open Worlds, eSport, Roguelikes und alles, was sonst noch mit Games zu tun hat.

5 Kommentare

  1. Guybrush T am

    Hallo Herr Ruscher, jetzt sind wir einer Meinung, wenn wir von instrumentalisieren sprechen. Wie sie selber schreiben ist dies nur eine Interpretation einer Spielmechanik die in jeder Form interpretierbar ist. Sie schreiben es wäre politisch. Der nächste Berichterstatter schreibt mal wieder über aggressive Spielmechaniken (Killerspiele) die vorgeblich Amokläufer erzeugen.
    Verstehen Sie mich bitte richtig, mir geht es darum das Spiele einfach Spiele sein dürfen ohne die Dinge, wie sie selber sagen, “überzuinterpretieren”.

    Das Fazit kann also sein, dass man sich gegen politische Instrumentalisierung wehren sollte, wie es auch Musiker mit ihrer Musiknutzung beim Wahlkämpfen gemacht haben. (u.a. Rihanna, Neil Young, Guns’n’Roses)
    Oder wie wir schon früher gesagt haben: Don’t feed the trolls.

  2. Guybrush T am

    Hallo Herr Ruscher, ich bin leidenschaftlicher Gamer und das fing schon vor Doom an mit den ersten PONG Spiel Konsolen danach C64, Amiga und danach erst PC. Ihr Artikel zeigt den aktuellen Zeitgeist, das wir inzwischen fast alles instrumentalisieren können.

    Das heißt aber nicht das Spiele politisch sind oder werden. Da wären wir ja wieder bei der Debatte über Korrelation und Kausalität der Dinge.

    Ja es werden inzwischen Medien Hypes, Memes und Spiele in der Politik genutzt, aber es geht doch mehr um die politisch motivierten Internet-Trolle mit Hatespeech, Shitstorms und Online Bots die Sachen für sich instrumentalisieren.

    Nach ihrer Argumentation wäre ja jedes Spiel, Musik oder Kunst dann auch politisch und das sehe ich absolut nicht so! (IMHO)

    • Der Titel ist Clickbait.
      Immer wieder zu beobachten, wie sich dieser Herr einfach irgendwelche „Tatsachen“ ausdenkt…..

      Stimme dem anderen Kommentar voll zu.

      • Thomas Ruscher am

        Hallo Herr Threepwood, vielen Dank für den Kommentar. Ich würde nicht sagen, dass jedes Spiel eine politische Intention hat, aber ich denke schon, dass sich sehr viele Spiele politisch interpretieren lassen – oder zumindest instrumentalisieren lassen. Bei “Among Us” zum Beispiel ist das ja aktuell der Fall und das Spielprinzip lässt sich im Kern auch ohne die Absicht des Entwicklerteams Innersloth politisch interpretieren lassen, wenn man das denn möchte: Hier entscheidet die komplette Gemeinschaft über das Wohl und Wehe einzelner Figuren, ist Ankläger und Richter in einer Gruppierung. Das muss man nicht überinterpretieren oder dem zu viel Gewicht und Bedeutung zumessen – aber es schadet sicher nicht, darüber nachzudenken. Ich finde das interessant.

      • Thomas Ruscher am

        Liebe Sabine, dieser Blog-Eintrag gibt nicht nur Fakten, sondern auch persönliche Einschätzungen wieder. Diese kann man teilen oder ganz anderer Ansicht sein. Darüber können wir gerne diskutieren und uns austauschen.

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