Hackerangriffe – oder schlecht gesicherter Distanzunterricht?

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Hackerangriffe – oder schlecht gesicherter Distanzunterricht?

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Wenn man den Schlagzeilen der vergangenen Wochen glaubt, ist der Distanzunterricht in der Corona-Pandemie unter einem Sturm von Hackerangriffen zusammengebrochen. Schulserver, die nicht erreichbar waren. Videokonferenzen, die von Störern besucht wurden. Ein paar andere Probleme hier und da. Diagnose also: Hackerangriffe!

Wirklich? Beim genaueren Blick stellen sich einige Fälle anders dar.

– Beispiel: Ickingen. „Hackerangriff auf Onlineunterricht“, hieß es bei der Süddeutschen Zeitung zunächst. Der Grundkurs Deutsch bekam Besucher. Ein Unbekannter fragte, wie es geht. Stöhngeräusche, schrille Musik, bis die Lehrerin den Stecker zog. Hackerangriff? Nein. Fahrlässigkeit: Die Teilnahme an der Videokonferenz war ohne Passwort möglich.

– Beispiel: Rheinland-Pfalz. „Hackerangriff auf Lernplattform“, so der SWR, nachdem Unbekannte die Plattform für den Distanzunterricht mit einem DDoS-Angriff lahmlegten – ihn also mit zahlreichen unsinnigen Anfragen in die Knie zwangen. Hackerangriff? Nicht zwingend. Für DDoS-Angriffe gibt es frei verfügbare Software.

– Beispiel: Unterallgäu. „Ein Hacker aus Augsburg“ habe den Distanzunterricht gestört, schreibt die Augsburger Allgemeine. Hackerangriff? Nein. Der 21-Jährige mit Sturmhaube war ein Youtuber. Schüler hatten ihm die Zugangslinks weitergeleitet – und in seinen Youtube-Videos rief er seine Abonnenten dazu auf, ihm weitere zu schicken.

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Ich möchte die Opfer hier nicht zu Tätern machen. Es ist selbstverständlich nicht in Ordnung, den Distanzunterricht zu crashen – erst recht nicht in der Pandemie. Es ist völlig richtig, dass sich die Polizei um viele dieser Fälle kümmert. Und DDoS-Angriffe gelten grundsätzlich zurecht als Computersabotage – und stehen damit unter Strafe.

Die Vorfälle der vergangenen Wochen pauschal als Hackerangriffe zu bezeichnen, zeugt aber von Faulheit. Es ist die Faulheit, die technischen Hintergründe genau zu beleuchten. Es ist die Faulheit, die Angelegenheit den Strafverfolgungsbehörden zu überlassen und sich nicht um die eigenen Versäumnisse zu kümmern. Und es ist auch die Faulheit einiger Schulen, ihren Distanzunterricht so aufzusetzen, dass er sicher ist.

Deutschland hat einen gewaltigen Nachholbedarf in der Digitalisierung. Wenn wir diesen Rückstand aufholen wollen, müssen wir benennen, wo es hakt – und das tun wir nicht, indem wir „HaCkErAnGrIfF!“ rufen, um uns nicht selbst kümmern zu müssen.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Digitalexperte in der ARD. Für Tagesschau und Morgenmagazin ordnet er die Entwicklungen in der digitalen Welt ein - und in Digitalistan bloggt er seit vielen Jahren darüber.

7 Kommentare

  1. By the way, da ich es gerade in der aktuellen Ausgabe einer seriösen Computerzeitschrift lese (C’t 04/2021, Seite 28).

    Anfänglich ging das Serviceteam für eine Schulcloud von einer DDOS-Attacke aus, als Server zusammenbrachen. Inzwischen hat man wohl erkannt das eine simple Überlast durch die normalen Anwender die Schuld trägt.

    Also steckt in diesem Fall noch nicht einmal Missbrauch in kleinstem Rahmen dahinter. Die Nachricht vom „hacking“ ist aber in der Welt und wird nicht verschwinden.

  2. Hier exemplarisch 3 Fälle anzuführen und daraus pauschal auf das gesamte Schulwesen zu schließen ist nicht gerade unpopulistisch!
    1. Schulaufsicht und Bildungsministerien haben sich, was die Ausstattung des Systems (Schülerinnen/Schülern/Lehrkräften) anbelangt, sehr zurück gelehnt, in der Hoffnung, dass sich das intrinsisch löst.
    2. Der Datenschutz wurde an allen Stellen als generelles Problem angeführt, was natürlich zu einer großen Verunsicherung führte und keinen motivierte ins digitale Abenteuer einzusteigen.
    3. Interne und externe Prüfungen werden auch heute noch immer analog durchgeführt, d.h. digitales Unterrichten und Vorbereitung auf Prüfungen stehen im Widerspruch.
    4. Die spezifischen technischen und personellen Voraussetzungen in den verschiedenen Schulformen entsprechen der Heterogenität der Klassen.
    5. Geräte, Software und Lernplattformen werden im Distanzlernen best möglich für Unterricht auf Distanz eingesetzt, ohne das an vielen Schulen ausgebildete IT-Spezialisten arbeiten. Kollegen übernehmen diese Aufgabe, nachdem sie sich autodidaktisch weitergebildet haben.
    Nur vom Hörensagen ohne weitere Recherche zu den Hintergründen (Software, Qualifikation des Personals, Zuständigkeit etc.) zum Ergebnis „Faulheit“ zukommen, ist eine steile These!
    Bewertung Ihres Beitrags von meiner Seite: Thema verfehlt 6!

    • Aus ihrem Beitrag lese ich eher eine Bestätigung als einen Widerspruch ab…
      Für moderne Unterrichtsformen und Werkzeuge braucht es nun mal durchdachte Konzepte, vernünftige Werkzeuge, und dann Schulungen, damit zumindest ein großer Teil der Durchführenden etwas Ahnung hat und Passwörter sinnvoll vergibt. Da haben die Digitalisierungsverantwortlichen jahrzehntelang geschlafen; und wenn sie einfach keine Ahnung hatten und sich manchmal sogar trauten das zuzugeben, sind sie zu den komplett falschen Beratern/Lobbyisten gerannt. Was nutzen Digitalisierungspakte und Budgets, wenn sie sinnlos verpulvert werden? Wenn das nicht Faulheit ist, was dann?
      Und der schwarze Peter von Herrn Horn geht ja nicht nur an verschiedene Ränge im Schulwesen (wo es sicherlich auch etliche gibt, die da viel lieber vernünftig arbeiten wollten, aber es mangels Infrastruktur und Ausstattung und Regeln und Richtlinien einfach nicht können… vielleicht sogar die Mehrheit! Und die haben teils die gleiche Meinung: Faulheit bei den Verantwortlichen.). Sondern auch an die Berichterstatter, welche seit Windows-95-Zeiten ihre Zuschauer und -hörer für genauso digital untauglich halten, wie es die eigene Regierung ist. Dann wird alles so lange vereinfacht, bis es schlicht falsch ist. (Andererseits ist schon das pushen solcher vergleichsweise unbedeutenden Nachrichten kein besonders seriöses Ding; genauso wie die nervtötend-aufdringliche Impfdiskussion, die gar nicht sein müsste, weil nun mal jedes Projekt anfangs stottert. Da sind Kritiker immer schnell gefunden, aber auch denen täte Gelassenheit gut.)
      Der Angriff geht also mitnichten nur an die untere Ebene, die die „Angriffe“ nun durch Nachlässigkeit erst ermöglicht hat. Wobei natürlich auch da solche und solche zu finden sind; es ist auch für diejenigen, die sich auf eigene Kappe fortbilden und sich mit dem Thema befassen, elend frustrierend, wenn dann Kollegen mit den Schultern zucken und die Ratschläge schlicht ignorieren. Das war aber schon immer so.
       
      Der Fehler liegt also im gesamten System, und nicht nur an einzelnen Stellen. Aber dort zeigt sich dann leider exemplarisch, wie schlecht die Vorbereitung durch alle Ebenen (von Bundes-, Länder-, Kreis- und Schulebene) gelaufen ist, auch in der Sommerpause, wo man die Lockdownpause hätte nutzen können.
      Und dann kommen eben solche Nachrichten raus, wo man die Schuld auf irgendwelche Hacker schiebt, weil das so bequem und abstrakt ist.

    • Dennis Horn am

      @Teacher: Sie haben mit all ihren Punkten recht. Aber Sie haben meinen Punkt möglicherweise nicht ganz erfasst: Das Label „Hackerangriff“ verhindert, dass genau das, was Sie beschreiben, benannt wird. Wer „Hackerangriff“ sagt, verhindert, sich mit genau diesen Hintergründen zu beschäftigen – das müssen wir aber tun, wenn wir vorankommen möchten. Insofern lese ich Ihren Kommentar nicht als Kritik, sondern ganz im Gegenteil: als Bestätigung.

      Nach bald 30 Jahren, die es das World Wide Web nun gibt, würde ich aber dennoch die Frage auswählen, ob die Vergabe von Passwörtern für geschlossene digitale Räume im Jahr 2021 nicht zu einem Grundwissen für wirklich alle gehört. Dafür fehlt mir tatsächlich das Verständnis.

      Weil ich aber wahrnehme, dass Sie sich auch mit Ihrem Berufsstand angegriffen fühlen: Vielleicht versöhnt es Sie, dass sich meine Kritik auch an meine eigenen Kolleginnen und Kollegen im Journalismus richtet. Es ist auch deren Faulheit (und Unwissenheit), für ihre Schlagzeilen den Begriff „Hackerangriff“ zu wählen und damit nicht zu benennen, was wirklich passiert.

  3. Olaf Dunker am

    Lieber Herr Horn!
    In Ihrem Artikel werfen Sie einigen Schulen Faulheit im Umgang mit Digitalisierung vor.
    Als Vater von zwei 19 jährigen Kindern und Lehrer an einer Grundschule muss ich Ihnen hier wiedersprechen und im Gegenzug Ihnen journalistische Faulheit ein Populismus vorwerfen, da sie sich offensichtlich nicht mit den Rahmenbedingungen an Schulen beschäftigt haben.
    Ich frage mich welches Endgerät Sie für Ihre Arbeit nutzen? Sicher nicht Ihr privates wie meine Kinder und ich. Und bei Ihrem Gerät kümmert sich sicher auch der WDR um die Einhaltung der DSGVO!
    Vielleicht schrieben Sie aber auch von der Faulheit des Systems Schule. Da gebe ich Ihnen gerne recht und verweise auf die entsprechende Verantwortung der letzten Jahre. Hier darf sich dann auch jede Partei an die Nase fassen.
    Aber die Fehler einzelner Schulen als Faulheit zu bezeichnen…. Schwach!

    • Dennis Horn am

      @Olaf Dunker: Ich beschäftige mich seit Jahren mit den Rahmenbedingungen an Schulen und nutze als freiberuflicher Journalist für meine Arbeit schon immer ein privates Endgerät.

  4. Es ist nicht nur Faulheit, sondern meinem Eindruck nach auch schlicht „dämlichkeit“. Digitale Bildung scheint für viele Erwachsene nicht sexy und nötig genug. Es gibt ja ein paar „Nerds“ die werden sich schon kümmern.

    Und in ihrer Unwissenheit riecht für Journalisten, aber auch viele, viele andere (wie war das mit dem Doxing der Bundstagspolitiker vor einiger Zeit ?), es schnell nach Hacker, wenn einzelne digitale Werkzeuge für Kleinigkeiten missbrauchen oder technische Fehler auftreten.

    So wie jeder Grundbildung in Mathematik, Deutsch, Physik, … braucht, so braucht jeder digitale Grundbildung. Nicht nur Schüler von heute, sondern auch die Schüler von damals bis weit zurück in das vergangene Jahrhundert.
    Hm, aber doch es stimmt es ist Faulheit, Faulheit sich nicht zu bilden.

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