Warum Facebook in Australien dem Journalismus den Stecker zieht

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Warum Facebook in Australien dem Journalismus den Stecker zieht

Kommentare zum Artikel: 5

Die Geschichte ist alt. Sie trug in Deutschland den Titel “Leistungsschutzrecht”, in Brüssel und Straßburg hieß sie “Urheberrechtsrichtlinie” – und in Australien “Media Bargaining Law”. Aber in keinem Land hat ein Internetkonzern die Muskeln so sehr spielen lassen, wie Facebook es nun in Australien tut.

Facebook zieht dort sämtlichen journalistischen Inhalten den Stecker. Nutzer können diese Inhalte nicht mehr teilen – egal, ob aus Australien oder anderen Ländern. Und Medienhäuser selbst können ihre Facebook-Seiten nicht weiter betreiben.

Das neue Mediengesetz in Australien soll den Verlagen einen fairen Wettbewerb ermöglichen. Laut der Kartellbehörde gehen von 100 Dollar für Werbung im Netz ganze 81 Dollar an Google und Facebook – in einem Markt, in dem auch die Verlage gut verdient haben. Ein Gesetz also, um das Geschäft der Verlage zu schützen – oder wie Kritiker es ausdrücken: ihnen auch ein Stück vom Kuchen zu sichern.

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Muskelspiele im Netz: Facebook schaltet Nachrichtenseiten Australiens ab – tagesschau.de

Google hat mittlerweile Verhandlungen mit den Verlagen aufgenommen. Facebook dagegen bleibt bei seiner Linie: Die Plattformen würden dafür bestraft, den Verlagen zu helfen und Nutzer auf ihre Websites zu bringen. Ein Taxifahrer, der einem Supermarkt zu neuen Kunden verhelfe, müsse dafür schließlich auch kein Geld an den Supermarkt zahlen.

Wie der Streit ausgehen wird, ist nicht klar. Klar ist nur: Die Maßnahme hat in einer Welt, in der Menschen die Plattform als Nachrichtenquelle nutzen, Konsequenzen. In Australien hat es auch Informationen zur Corona-Pandemie und zu Naturkatastrophen erwischt – sie wurden ebenfalls blockiert. Und die Frage, welchen Raum die Maßnahme nicht-journalistischen Inhalten zwischen Hetze und Desinformation bereitet, ist auch offen.

Am Ende haben beide Seiten recht. Die Verleger damit, dass die Plattformen den Markt an sich reißen und ihre Newsfeeds mit Inhalten der Verlage aufwerten. Und die Internetkonzerne damit, dass sie eine wichtige Aufgabe für die Verbreitung von Nachrichteninhalten übernehmen.

Für diese Verbreitung hätte es längst Regeln gebraucht. Regeln, die weder dazu führen, dass die Verlage es schaffen, an einem Grundprinzip des Internets zu rütteln, nämlich dem freien Link und der Information, wohin er führt. Noch dazu, dass eine Plattform wie Facebook sich einfach so dazu entscheiden kann, sämtliche journalistische Inhalte auf einen Schlag zu blockieren.

Dass es so weit gekommen ist, ist ein Versäumnis der Politik, die auch in Australien jahrelang wichtige Fragen der Digitalisierung nicht beantwortet hat.

Über den Autor

Dennis Horn, offline geboren 1981 in Köln, arbeitet als Experte für Digitalthemen in der ARD und moderiert im Deutschlandradio. Er hofft, dass eines Tages die Angst vor dem "bösen Internet" stirbt, und wünscht sich mehr Spaß am Netz und weniger Hysterie.

5 Kommentare

  1. Fragensteller am

    Warum meinen denn z.B. die Zeitungen, TV- und Radiosender, um jeden Preis einen Account bei Facebook unterhalten zu MÜSSEN?
    Warum kommen sie nicht auf die doch naheliegende Idee, ihre Accounts dort einfach einzustellen – zu kündigen – zu löschen?
    Warum tun sie sich nicht zusammen und gründen ein eigenes “Facebook”?
    Und warum kommt nicht einmal der doch recht kritische Jörg Schieb, der eben im Gespräch im WDR-5-Medienmagazin war, und dieses Magazin selbst nicht auf diese Ideeß
    Und, natürlich, warum meint denn sogar der WDR, eine Facebookseite haben zu MÜSSEN?
    Warum setzt niemand den doch naheliegenden Gedanken um, Facebook mit der hier genannten Methode jegliche Mach zu entziehen?
    Wozu haben wir eine Marktwirtschaft?
    Oder haben wir längst keine mehr…?

    • Dennis Horn am

      @Fragensteller: Die Fragen, die Sie stellen, laufen auf hehre Ziele hinaus. Viele Medienhäuser müssen aber gleichzeitig die Realität anerkennen: Ein großer Teil des Publikums hält sich in sozialen Netzwerken auf und besucht Medienangebote nicht von allein; der öffentlich-rechtliche Rundfunk zum Beispiel hat die Aufgabe, die gesamte Gesellschaft zu erreichen. Insofern kann durchaus ein strategischer Sinn darin stecken, Facebook-Auftritte zu pflegen – und sie auch dazu zu nutzen, Medienauftritte außerhalb von Facebook zu stärken.

  2. Carsten Mohr am

    Was ist denn mit der UHG, der Urheberrechtsabgabe für Print? Nicht, dass das System jetzt besonders toll wäre, aber es hat zumindest eine gewisse Akzeptanz unter den Anbietern/Akteuren (siehe Youtube oder Musikstreamingdienste). Man muß auch fragen, ob alles redaktionelle wirklich seinen Sinn hat. Denn gebetsmühlenartig bei vielen Dingen in das selbe Horn zu blasen, zum x-ten Mal die 7 oder 10 Mythen von irgendetwas auszuzählen und mit eigenem Gutdünken zu füllen, oder auch das ständige Erweitern von Berichten aus den vorherigen Tagen (Tageszeitungen sind da ganz stark drin, Geschichten zu wiederholen und nur 2 Zeilen an zusätzlicher Information zu der aus den vorherigen Tagen zu geben, als wären alle Leser Erstleser der Zeitung).

  3. Denken wir mal einen Schritt weiter. Alle Medienhäuser der Welt würden zu einem Unternehmen fusionieren. Mit dieser geballten Marktmacht dürfte das neue Unternehmen schon mit geltenden Recht und Praktiken Google und Facebook schnell austrocknen lassen und sich seinen Anteil an den Werbegeldern sichern.

    Die Krux ist natürlich ein neuer Monopolist, mit all den Problemen. Das zeigt aber auch den eigentlichen Lösungsweg, es braucht echten Wettbewerb im Social-Network-Markt, im Suchmaschinen-Markt, im Browser-Markt, … . Also die konsequente Begrenzung der Marktkonzentration von Unternehmen.

    Dann finden die Medienhäuser auch Wege und Mittel sich wieder mehr Werbegelder zu sichern.

    • Dennis Horn am

      @Matt: Die konsequente Begrenzung der Marktkonzentration von Unternehmen (hier: Facebook) mit einer konsequenten Begrenzung der Marktkonzentration von Unternehmen (hier: “alle Medienhäuser der Welt”) zu bekämpfen, klingt für mich nicht so schlüssig. Ein solcher Weg wäre aus meiner Sicht auch mit Blick auf die Medienvielfalt problematisch.

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