Warum Netflix’ “Bandersnatch” ein alter Hut ist

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Warum Netflix’ “Bandersnatch” ein alter Hut ist

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“Bandersnatch” heißt die aktuelle Folge der Netflix-Serie “Black Mirror”. Und so heißt auch das Computerspiel im kruden Pixellook der 80er-Jahre, das der Protagonist Stefan in der Folge entwickelt. Das Besondere: Der Zuschauer entscheidet, was Stefan tun soll. So kann er fünf verschiedene Film-Enden zu sehen bekommen.

https://www.youtube.com/watch?v=ShOA57gW0pI

Der Netflix-Trailer zu “Bandersnatch”.

Es beginnt harmlos: Welche Cornflakes soll Stefan zum Frühstück essen, welche Musik hören, den angebotenen Job annehmen oder lieber nicht? Und irgendwann entscheidet er Dinge, die Stefan eigentlich gar nicht will, Drogen, Gewalt. Ab und zu wehrt sich der Programmierer gegen den Zuschauer, fühlt sich kontrolliert und manipuliert. Die vierte Wand wird durchbrochen, es geht voll auf die Meta-Ebene: Der zum Spieler gewordene Zuschauer erklärt Stefan, was Netflix und Streamingdienste eigentlich sind. Und schließlich lässt sich die Filmfigur bereitwillig steuern, egal was wir von ihr verlangen.

Spoiler: Alle Entscheidungsmöglichkeiten in “Bandersnatch”:

Mit “Bandersnatch” hat Netflix die Medien Film und Game miteinander verschmolzen. Das ist ein kurzweiliges Experiment und für die meisten User eine völlig neue Erfahrung: Während des Guckens verlieren sie ihre Rolle als passive Beobachter, werden Akteure – und sind für die Taten des fiktiven Stefan verantwortlich. Was Netflix allerdings als interaktive Erfahrung und bewusstseinserweiterndes Erlebnis anpreist, ist ein ziemlich alter Hut.


“Bandersnatch” ist ein simples Videospiel. Dazu passt auch das dauernde Vor- und Zurückspulen, um andere Entscheidungen zu treffen. Und solche Games gab es bereits vor gut 25 Jahren. Die CD etablierte sich gerade als der Datenträger für Games schlechthin, ihre schier unermessliche Speicherkapazität wollte gefüllt werden. Zum Beispiel mit Videos. Es folgten Spiele voller krümeliger Filmszenen mit fremdschämigem Schauspiel, in denen der Spieler minimale Entscheidungen treffen durfte. Die ersten interaktiven Filme waren grausig – doch sie wurden besser.

Die Spiele von Telltale Games etwa, auch sie funktionieren wie Bandersnatch. In Cartoon-Grafik darf der Spieler im Game zur Serie “The Walking Dead” entscheiden, wen der Held vor gierigen Zombies rettet und wen er sterben lässt. Das war bei der Veröffentlichung 2012 neu und aufwühlend, nicht die Spielfigur Lee hat Carley im Stich gelassen, ich, der Spieler, war das. Ein Dutzend Spiele mit ähnlichem Prinzip hat Telltale gemacht, dann ist das Unternehmen im November krachend insolvent gegangen. Die Spieler hatten die interaktiven Filme mit ihren immer wieder ähnlichen Entscheidungen über.

So tut auch Netflix gut daran, den Slogan “Ein interaktiver Netflix-Film” nicht totzureiten. Bei der “Bandersnatch”-Handlung um Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit funktioniert das. Und das reicht eigentlich auch.

Über den Autor

Mit "Doom" fing es an; seitdem haben digitale Spiele Thomas Ruscher nicht mehr losgelassen. Wenn er nicht gerade selbst spielt, schreibt und spricht er über Battle Royale, Open Worlds, eSport, Roguelikes und alles, was sonst noch mit Games zu tun hat.

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