Gamesförderung: Bitte lasst mal Profis ran

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Gamesförderung: Bitte lasst mal Profis ran

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Was hat das Bundesverkehrsministerium mit Videospielen zu tun? Die formal korrekte Antwort ist: Es ist auch das Ministerium für Digitale Infrastruktur. Da passen digitale Spiele ja irgendwie rein.

Darum will die Behörde unter Minister Andreas Scheuer (CSU) in den nächsten Jahren bis zu 250 Millionen Euro an hiesige Spielefirmen verteilen. Die Gamesförderung soll die deutsche Spieleindustrie international konkurrenzfähig machen.

Eine andere Antwort auf die Frage wäre: leider zu viel. Denn das Verkehrsministerium kennt sich mit Computer- und Videospielen so gut aus wie mit Kinofilmen. Nicht besonders also. Darum ist mein Wunsch: Kann sich bitte irgendeine andere Institution um Games kümmern?

Andreas Scheuer (CSU, vorne), Bundesverkehrsminister sitzt auf der Gamescom an einem Computerspiel. Bild: picture alliance/Oliver Berg/dpa

Spieleentwickler wie Daniel Marx und Benedikt Grindel hoffen seit 2019 auf die Gamesförderung vom Verkehrsministerium unter Andreas Scheuer.

Zwar lernt das Verkehrsministerium langsam dazu, legt den Entwicklerstudios aber einen fetten Stein nach dem anderen in den Weg. Denn was die Behörde produziert, geht an der Realität der Spielebranche vorbei.

Zu wenig Ahnung von der Gamesbranche

Nur ein Beispiel. Für die Förderung galt bis heute die Regel: Wer Geld aus dem Fördertopf haben will, muss bis zu 50 Prozent der Entwicklungskosten aus der eigenen Tasche zahlen können – ohne die Unterstützung von Publishern, also den Spieleverlagen. Was den Entscheidern im Verkehrsministerium offenbar nicht klar war: Ohne Verlag geht es in der Spielebranche nicht. Die meisten Förderanträge hätten abgelehnt werden müssen. Der Branchenverband Game sah die Förderung schon scheitern.

Jetzt gab es Entwarnung: Spieleentwickler dürfen doch finanzielle Unterstützung von Dritten kommen.

Trotzdem: Die Gamesförderung sorgt seit ihrer Ankündigung für Bauchschmerzen und Kopfschütteln. Mal sollte sie gekippt werden, bevor sie überhaupt richtig anlief. Dann kommt das Verkehrsministerium mit den etwa 300 Anträgen nicht voran und braucht Hilfe vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Nein, das DLR kennt sich auch nicht mit Games aus, die Antragsstellung ist kompliziert und langwierig. Bisher haben erst 31 Unternehmen eine Zusage für die Förderung. Etwa vier Millionen Euro sind verplant.

Im Moment liegen deswegen fast 100 Millionen Euro ungenutzt herum. Geld für 2019 und 2020, mit dem Games gemacht und Prototypen gebaut werden könnten.

Deutschland ist ein Land der Spielerinnen und Spieler. Hier machen internationale Firmen Milliarden-Einnahmen mit ihren Games. Und während sich Spiele aus Polen, Frankreich oder Kanada hervorragend verkaufen, haben deutsche Entwickler einen Marktanteil von 4,3 Prozent. Wenn es so mit dem Verkehrsministerium und der chaotischen Gamesförderung weiter geht, bleibt es auch dabei.

Über den Autor

Mit "Doom" fing es an; seitdem haben digitale Spiele Thomas Ruscher nicht mehr losgelassen. Wenn er nicht gerade selbst spielt, schreibt und spricht er über Battle Royale, Open Worlds, eSport, Roguelikes und alles, was sonst noch mit Games zu tun hat.

4 Kommentare

  1. Digitalskeptiker am

    In meinem Augen ist es ein SKANDAL, daß es für die Entwicklung und damit Verbreitung von SUCHTMITTELN öffentliche Förderung gibt, statt die Gelder für SUCHTBEKÄMPFUNG und SUCHTPRÄVENTION auszugeben.
    Immerhin ist Computerspielsucht von der WHO eben erst als Krankheit anerkannt und in die ICD 11 aufgenommen worden!
    Computerspiele öffentlich zu fördern ist ungefähr so, als finanziere der Staat mit ja immerhin unser aller – STEUER-! – Geldern die Herstellung und den Vertrieb von Crack, Heroin und Crystal Meth – na ja: Wenn man genauer hinsieht, tut er Ähnliches ja tatsächlich, denn Smartphones z.B. werden von berufenen Wissenschaftlern als “Digital Crack” bezeichnet, und unser Staat treibt ja, blind und eifrig zugleich, die Digitalisierung aller Lebensbereiche voran und will tatsächlich bereits Kitas und Grundschulen mit Tablets und anderem Digital Crack verseuchen… :-(((

  2. Thomas Ruscher am

    Kleines Update: Heute hat die EU-Kommission grünes Licht gegeben für geförderte Großprojekte. Bisher konnten nur Anträge für maximal 200.000 Euro eingereicht werden, im Frühjahr soll es dann um deutlich mehr Geld gehen.

  3. Wie soll man denn Profis fragen, wenn man keine kennt? Es ist ja nun mal leider so, dass die digitale Inkompetenz in diesem Lande (und hier insbesondere in der aktuellen Regierung) alleine auf Scheuers Ministerium beschränkt wäre, sondern dieses Problem betrifft die gesamte Gesellschaft. Ein Land, das zu gefühlt 90% aus Niemand-braucht-jemals-mehr-als-16-Mbit-Besserwissern und -Technologiekritikern besteht, wird niemals Firmen wie Apple, Google oder Microsoft oder eben auch irgendeine nennenswerte Gaming-Industrie hervorbringen – da kann man fördern, so viel man will, da fehlt’s schlicht und einfach am nötigen Mindset.

    • Thomas Ruscher am

      Es muss ja nicht gleich ein Apple oder Google sein. In Deutschland ist zum Beispiel auch Ubisoft ansäßig, die kennen sich aus mit großen Produktionen. Es gibt Deck13, die mit ihrer “The Surge”-Reihe nicht ganz so schwach aufgestellt sind. Es gibt viele kleine und mittlere Spielefirmen mit Erfahrung in Deutschland, Daedalic, King Art, Handygames und so weiter, dann noch die überschaubaren Team mit ein, zwei, drei Personen. Die allesamt kennen sich aus mit der Spieleproduktion und ihrer Finanzierung. Die hätten zumindest beratend zur Seite stehen können und frühzeitig feststellen können: So funktioniert das nicht. Es braucht kein Apple für hochwertige Games.

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